Digitalwährungen: Ethereum-Gründer sorgt für Aufruhr im Krypto-Reich
„Wenn alles, was wir zustande kriegen, Sprüche über Lamborghinis und unreife Wortspiele sind, dann werde ich gehen.“
Foto: Bloomberg/Getty ImagesFrankfurt. Die Ansage kommt etwas kompliziert formuliert, aber unmissverständlich daher. „Alle Krypto-Gemeinschaften, einschließlich Ethereum, sollten diese warnenden Worte beachten“, schrieb Vitalik Buterin Mitte der Woche. „Wir müssen dazwischen differenzieren, hunderte Milliarden Dollar an digitalem Papierreichtum herumzuschubsen, oder tatsächlich einen Nutzen für die Gesellschaft zu stiften.“ Wenig später setzte der Vordenker von Ethereum nach: „Wenn alles, was wir zustande kriegen, Sprüche über Lamborghinis und unreife Wortspiele (...) sind, dann werde ich gehen.“ Immerhin setzte Buterin hinzu: „Ich habe aber immer noch die Hoffnung, dass die Gemeinschaft sich in die richtige Richtung bewegt.“
Buterin stößt damit eine längst überfällige Debatte an. Worum geht es bei Bitcoin, Ethereum & Co eigentlich? Angefangen hatten die größten Kryptowährungen mit einer gehörigen Portion Idealismus. Eine schöne neue Welt sollte entstehen, ohne Hierarchien, in der Krypto-Gemeinschaften einträchtig an sozial wichtigen Projekten arbeiten. Virtuelle Unternehmen sollten direkt von ihren Investoren gesteuert werden. Und endlich sollte die Vorherrschaft von Dollar, Euro und der Finanzindustrie enden. Entstanden ist stattdessen ein Sumpf aus Spekulation.
Dass Buterin seinen Mitstreitern „Unreife“ vorwirft, hat seinen eigenen Charme: Der Kanadier mit russischen Wurzeln ist gerade mal knappe 24 Jahre alt. Der schlaksige junge Mann, der meist im weißen T-Shirt auftritt, hat zunächst fast im Alleingang das Projekt Ethereum vorangetrieben und ist bis heute sein Vordenker. Seine Sprache klingt oft nach einem Mischmasch aus Soziologie, Informatik und Gossen-Englisch, seine kompliziert langen Sätze vernebeln mitunter, dass er ein durchaus klarer Denker ist.
Ethereum mit der Währung Ether funktioniert ähnlich wie Bitcoins, hat aber erweitere Ziele. Mit dieser Software können automatisch funktionierende Regeln, so genannte smart contracts, programmiert und, darauf aufbauend, ganze Projekte entwickelt werden, die sich über virtuelle Börsengänge, sogenannte ICOs finanziere. Die Bezeichnung „Initial Coin Offering“ (ICO) ist nicht zufällig dem „Initial Public Offering“ (IPO) nachgebildet, dem englischen Begriff für Börsengang. Bei ICOs geben Unternehmen gegen die Zahlung etwa von Bitcoins virtuelle Gutscheine heraus. Diese versprechen den Investoren teils eine Beteiligung an möglichen künftigen Gewinnen, teils ähneln sie simplen Spendenquittungen.
Der ICO-Markt ist noch mehr aus dem Ruder gelaufen als der Bitcoin-Kurs, laufend werden neue Millionenprojekte aufgesetzt. Oft bestehen sie nur aus einem ungefähren Konzept, in das die Anleger dann ihren virtuellen Reichtum investieren. Nach Schätzungen aus der Branche haben die ICOs das Volumen von vier Milliarden Dollar überschritten.
Buterin steht mit seinen Bedenken angesichts des Kursfeuerwerks nicht allein. Er verweist zum Beispiel auf einen Tweet von Amir Taaki aus dem harten Kern der Krypto-Fans. Dort heißt es mit beinahe alttestamentarischer Wucht: „Bitcoin steht vor dem Scheitern. Die Wurzel des Übels findet sich im Abfall einer Gemeinschaft, die sich durch numerische Preissteigerungen blenden lässt, verbunden mit einer unmittelbar anstehenden Vergötterung. Eines Tages werden alle meine Worte verstehen. Aber dann wird es zu spät sein, das Schiff wird davongesegelt sein.“
Buterin versprach in späteren Tweets dann doch, weiterzuarbeiten, so lange das Ethereum-„Ökosystem“ auch noch „realen sozialen Nutzen“ hervorbringt. Außerdem zettelte er eine Debatte über die alte Frage „Individualismus gegen Kollektivismus“ an. Mit einer klaren These: Wenn „Individualismus“ in erster Linie „Freiheit“ bedeute, dann sei es der richtige Weg, wenn es vor allem „Egoismus“ bedeute, der falsche. Außerdem sorgt er sich offenbar, dass sogenannte Open-Source-Projekte, bei denen die Software von der Gemeinschaft weiterentwickelt wird, durch ICO-Firmen verdrängt werden.
Unterdessen läuft die Kommerzialisierung der Kryptowährungen ungebremst weiter. Die Wall Street hat sich auf das Thema gestürzt und ermöglicht seit kurzem den Handel von Derivaten auf Bitcoins. Hedge Fund Research (HFR) will einen Index für die Währungen basteln. Der japanische Finanzkonzern Mitsubishi UFJ Trust möchte eine Versicherung gegen Hacker-Angriffe auf Krypto-Börsen anbieten. Ob all das am Ende sozialen Nutzen stiftet, wie Buterin fordert, ist offen. Die großen Wall-Street-Spieler sind an dieser Frage ohnehin nicht sonderlich interessiert.
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