Goldpreis-Entwicklung: Erst eine Zinswende könnte Gold teurer machen
Ob der Goldpreis wieder die 2000er-Marke knackt, hängt vor allem von einer möglichen Zinswende ab.
Foto: dpaFrankfurt. Zehnmal hat die Fed seit März vergangenen Jahres die Zinsen angehoben. Für Gold ist das kein gutes Umfeld. Denn das Edelmetall wirft keine laufenden Erträge ab. In Zeiten hoher Zinsen entscheiden sich Investoren, die ihr Geld sicher anlegen wollen, daher statt für Gold häufig für Staatsanleihen. Gold verliert dann im Vergleich zu Anleihen an Attraktivität und an Wert.
Investoren, die auf steigende Goldpreise hoffen, schauen deshalb gespannt auf die US-Notenbank (Fed), die nächste Woche wieder tagt. Solange es keine klaren Signale dafür gibt, dass die Währungshüter sich von ihrer straffen Geldpolitik verabschieden, wird es auch keinen nachhaltigen Aufwärtstrend bei dem Edelmetall geben.
Derzeit reagiert der Goldpreis stark auf makroökonomische Impulse. Nach der Regionalbankenkrise in den USA erreichte Gold im Mai fast ein Allzeithoch, wenig später sank der Preis jedoch unter die 2000-Dollar-Marke und fiel Ende Juni auf ein Dreimonatstief von unter 1900 Dollar.
Goldpreis-Entwicklung 2023: Gold wegen unklarer Zinspolitik weiter volatil
Grund waren die starken Wirtschaftsdaten aus den USA: Sie verfestigten bei Investoren die Erwartung, dass die Fed die Zinsen weiter anheben wird.
Als vor einer Woche das Arbeitsministerium bekannt gab, dass sich der Anstieg der Verbraucherpreise abgeschwächt hat, weckte das wieder Hoffnungen auf ein Ende der Zinserhöhungen. Der Goldpreis stieg innerhalb eines Tages um mehr als ein Prozent und notiert aktuell bei rund 1970 Dollar.
„Solange keine Klarheit über die Strategie der Fed herrscht, wird der Goldpreis weiter volatil bleiben, aber keine klare Richtung haben“, sagt Darwei Kung, Portfoliomanager für Rohstoffe bei der DWS. „Erst wenn die Fed ihre Zinserhöhungen offiziell stoppt und beginnt, die Zinsen wieder zu senken, kann der Goldpreis wieder nachhaltig steigen.“ Damit rechnet Kung aber erst nächstes Jahr.
Auch Commerzbank-Analystin Thu Lan Nguyen sieht erst im zweiten Quartal 2024 eine Zinswende. „Wir gehen davon aus, dass Gold in den kommenden Monaten mehr oder weniger seitwärts um 1950 US-Dollar tendieren wird“, schreibt sie in einer Analyse.
Andere Analysten sind optimistischer, was den Goldpreis betrifft. UBS-Rohstoffexperte Giovanni Staunovo zufolge könnte der Preis bis Ende des Jahres bei rund 2100 US-Dollar pro Feinunze liegen. „Ich rechne im Dezember mit der ersten Zinssenkung, die dem Goldpreis wieder Aufwind geben wird“, sagt er. Und auch Nitesh Shah, Leiter Rohstoff- und Makro-Research beim Vermögensverwalter Wisdom Tree, erwartet innerhalb der nächsten Monate eine Zinswende.
Langfristig ist Shah sehr optimistisch, was den Goldpreis betrifft. Er rechnet im kommenden Jahr mit einem neuen Allzeithoch. Die aktuellen Preisrücksetzer ließen sich gut für einen Einstieg nutzen. Da Gold wenig mit anderen Assetklassen korreliere, eigne es sich zudem gut zur Absicherung des Portfolios.
Überschätzte Inflation?
Shah führt noch ein weiteres Argument an, das aus seiner Sicht für eine Zinswende spricht: Die US-Notenbank schätze die Inflation zu hoch ein.
Denn bei der Berechnung der Inflationsrate, die das Bureau of Labor Statistics veröffentlicht, würden bei der Wohnrauminflation überholte Umfragen verwendet werden. Er und sein Team hätten diesen Faktor bei ihren Berechnungen ersetzt mit aktuelleren Daten zu Häuserpreisen und Mietkosten. Das Ergebnis: eine Kerninflationsrate von 2,1 Prozent – also fast auf der Höhe, die sich die Fed zum Ziel gesetzt hat.
„Das heißt, die Notenbank läuft Gefahr, die Inflation zu überschätzen und möglicherweise Fehler in ihrer Geldpolitik zu machen“, betont Shah. „Eigentlich dürfte sie die Zinsen nun nicht mehr erhöhen, sonst steigt das Rezessionsrisiko.“
Goldpreis-Entwicklung 2023: Experten sehen langfristig Preisanstieg
Über die Frage, ob und wie sehr die USA in eine Rezession geraten werden, herrscht unter den Experten Uneinigkeit. In der von Bloomberg zitierten Juli-Umfrage der Bank of America, für die 222 Fondsmanager mit einem verwalteten Vermögen von 588 Milliarden Dollar befragt wurden, rechnen 68 Prozent der Teilnehmer mit einer Konjunkturabschwächung ohne Rezession.
Auch Shah sagt: „Wenn wir mit den durchschnittlichen Einschätzungen des Marktes zu Kennzahlen wie Inflation oder Rendite von Staatsanleihen rechnen, kommen wir auf ein Szenario, in dem keine Rezession zu erwarten ist.“ Commerzbank-Analystin Nguyen glaubt hingegen, dass sich zum Ende des Jahres die kräftigen Zinserhöhungen der Fed noch stärker bemerkbar machen dürften und klar würde, dass sich die US-Wirtschaft in einer Rezession befände.
Die Zentralbanken kauften vergangenes Jahr Rekordmengen an Gold.
Foto: dpaDWS-Portfoliomanager Kung rechnet zwar mit einer Rezession Ende dieses oder Anfang des nächsten Jahres, „allerdings wird es keine schwere Rezession sein“. Genau deshalb glaube er auch, dass die Fed ihre Strategie erst im zweiten Quartal nächsten Jahres ändere. Doch auch Kung sieht langfristig Potenzial für Preissteigerungen. „Ich rechne damit, dass der Goldpreis im Juni bei rund 2025 US-Dollar liegt“, sagt er.
Ein stützender Faktor seien die Zentralbankkäufe, die 2022 ein Rekordvolumen erreichten. Auch in diesem Jahr würden sich die Notenbanken weiter kräftig mit Gold eindecken, so Kung: „Länder wie China streben eine Ent-Dollarisierung an, wollen ihre Währungsreserven also vom US-Dollar wegdiversifizieren.“
Erstpublikation: 21.07.2023, 04:00 Uhr.