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Im Visier der SteuerfahnderSpenden in Verruf

Im Advent verschicken zahlreiche wohltätige Vereine Bittbriefe an mögliche Spender. Nun hat ein Dienstleister Ärger mit dem Finanzamt. Er soll zu geringe Umsatzsteuern abgerechnet haben.Andreas Dörnfelder 22.12.2015 - 06:10 Uhr Artikel anhören

Mehr als sechs Milliarden Euro spenden die Bundesbürger laut Deutschem Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) pro Jahr.

Foto: dpa

Düsseldorf. Der Krefelder Unternehmer Ulrich Kaltenmeier lässt Alte und Kranke in seiner Stadt seit Jahrzehnten mit preiswertem Essen auf Rädern versorgen. Dank seiner Hilfe hat auch die Haus- und Krankenpflege großzügige Spenden eingeworben. Im Frühjahr 2010 erhielt er für seinen Einsatz sogar das Bundesverdienstkreuz.

Doch Ulrich Kaltenmeier hat nicht nur ein großes Herz. Er hat auch großen Ärger. Seit rund drei Jahren hat Kaltenmeier die Steuerfahnder im Betrieb. Sein Druckerei- und Verlagshaus Van Acken zählt bundesweit zu den größten Anbietern im sogenannten Fundraising. Van Acken macht Werbung für das „Deutsche Rote Kreuz“, für „SOS-Kinderdorf“ oder die „Seenotretter“. Das Unternehmen verschickt Briefe an mögliche Spender oder dankt Gebern am Telefon – wenn es gut läuft, erteilen die dann gleich eine Einzugsermächtigung. Wenn einer weiß, wie man um Spenden wirbt, dann ist es Kaltenmeier aus Krefeld.

Doch brauchen seine Mitarbeiter alte Unterlagen aus der Buchhaltung, müssen sie auf die Beamten der Oberfinanzdirektion Köln warten. Die haben das Archiv der Firma versiegelt. Nur einmal in der Woche geben sie den Raum für eine Weile frei. Seit 2012 prüfen Ermittler schon die Abrechnungsmethoden von Van Acken.

Der ungebetene Besuch kam damals an einem Dienstag im März. Dutzende Beamte durchsuchten stundenlang Kaltenmeiers Wohn- und Geschäftsräume, befragten Mitarbeiter, nahmen Festplatten mit. Der Verdacht: Van Acken soll zu geringe Umsatzsteuern abgerechnet haben. Wenn das stimmt, könnte Kaltenmeier sich im Wettbewerb mit anderen Agenturen ganz nebenbei einen Preisvorteil verschafft haben. Sein Verteidiger sagte dazu: „Wir halten die Vorwürfe für haltlos.“ Details nannte er ebenso wenig wie die Höhe der untersuchten Umsätze.

Die Firma bewegt sich in einem ebenso gigantischen wie hart umkämpften Markt. Mehr als sechs Milliarden Euro spenden die Bundesbürger laut Deutschem Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) pro Jahr. Der Deutsche Fundraising-Verband, dem auch Agenturen angehören, rechnet gar mit neun Milliarden Euro. Längst hat sich ein Industriezweig gebildet, der von den Spenden lebt (siehe Artikel unten). Der Bertelsmann-Konzern verdient am Mitleid genauso wie die Deutsche Post. Die meisten Fundraiser sind Mittelständler.

Die Profis der Spendenindustrie arbeiten bevorzugt im Verborgenen. Das Handelsblatt hat 30 Agenturen befragt. Nur zwei legten offen, von wessen Spendengeld sie leben. Auch Ulrich Kaltenmeier und seine Agentur Van Acken ließen die Anfrage zunächst unbeantwortet.

Dabei gab gerade die Krefelder Firma Anlass zu weiteren Fragen. Aus Ermittlerkreisen hieß es: „In das Verfahren ist viel Arbeit gesteckt worden, und da ist inzwischen auch ein Erkenntnisgewinn vorhanden.“ Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Krefeld bestätigte, dass die Untersuchungen andauern. Weitere Angaben dürfe er wegen des Steuergeheimnisses nicht machen.

Kunden von Van Acken erzählen mehr. Einer der Kaltenmeier als „erfrischenden Partner“ beschreibt, erklärt die Geschichte so: Das Fundraising-Geschäft besteht zu einem Teil aus Dienstleistungen. Dazu zählen etwa die Gestaltung von Spendenbriefen und die Ausleihe von Adressen. Dafür sind 19 Prozent Umsatzsteuer fällig. Ein anderer Teil des Geschäfts sei der Druck der Briefe. Für diesen gilt die reduzierte Umsatzsteuer von sieben Prozent. Hat Van Acken möglicherweise Briefe gestaltet oder Adressen geliehen und dafür nur sieben statt der geforderten 19 Prozent Steuern genommen?

Das Handelsblatt bat Ulrich Kaltenmeier um ein Interview. Wegen einer Erkrankung lud seine Tochter Anja Raubinger in die Zentrale. Sie empfing im ersten Stock eines weißen Betonbaus und erklärte: „Für verschiedene Leistungen gelten in verschiedenen Regionen verschiedene Steuersätze.“ Das alles sei hochkomplex. Schon in Köln würden andere Regeln gelten als in Krefeld. Die Steuererklärungen habe Van Acken auf Basis einer Beratung erstellt. Ihr Anwalt werde im Fall einer Bestrafung gegen den Steuerberater klagen.

Ob ein Strafgericht über den Fall entscheiden wird, ist noch offen. Denn eine Anklage ist bisher nicht erhoben. Die Fahnder sind jedenfalls viel beschäftigt. Die Ermittlungsakte soll mehrere Tausend Seiten füllen.

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