Gastkommentar: Der Kampf der Hollywood-Autoren gegen die KI geht alle an
Daron Acemoglu ist Professor für Wirtschaftswissenschaften am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Simon Johnson ist Professor für Entrepreneurship an der MIT Sloan School of Management. Austin Lentsch ist Doktorand und Forscher am MIT in Cambridge.
Foto: Reuters, Imago, PRIm Big Business ist das Thema Künstliche Intelligenz in aller Munde. Unstrittig ist, dass KI die Produktivität erheblich steigern könnte. Doch wer wird davon profitieren? Der Streik der Writers Guild of America (WGA) hat gezeigt, worum es hier geht. Die Drehbuchautoren in Hollywood sehen sich mit einer Zukunft konfrontiert, die alle Wissensarbeiter bald erleben werden – ohne den Vorteil einer gewerkschaftlichen Vertretung. Die Frage ist, wie und von wem KI genutzt wird.
Werden Fernseh- und Filmproduzenten KI als eine Möglichkeit sehen, Autoren zu ersetzen und Kosten zu sparen, oder werden sie KI nutzen, um qualitativ hochwertigere Inhalte zu produzieren und kreativen Angestellten zu ermöglichen, produktiver zu sein und höhere Einkommen zu erzielen?
Einen ähnlichen Weg sind wir schon einmal gegangen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führten rasche Verbesserungen in der Fertigungstechnologie zu einem starken Anstieg der Produktivität. Henry Ford schätzte, dass allein die motorgetriebenen Maschinen „wahrscheinlich die Effizienz der Industrie verdoppelt haben“. Aber die Arbeiter wurden nicht automatisch an diesen Gewinnen beteiligt.
Die beiden Säulen des gemeinsamen Wohlstands
Im Gegenteil, dies geschah erst, nachdem neue Arbeitsplätze geschaffen worden waren und die Arbeitnehmer genügend Verhandlungsmacht erlangt hatten, um höhere Löhne zu fordern. Dies sind die beiden Säulen des gemeinsamen Wohlstands.
Ford und seine Zeitgenossen automatisierten zwar einige Prozesse, aber ihre verbesserten Fabriken führten auch viele neue Tätigkeiten ein, die menschliche Arbeitskraft erforderten.
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Foto: Richard Shotwell/Invision/APDiese Aufgaben erweiterten den Beitrag der Arbeiter zur Produktion und führten zu einem starken Anstieg der Nachfrage nach Arbeitskräften. Im Jahr 1899 beschäftigte die US-Autoindustrie einige Tausend Arbeiter. Im Jahr 1929 stellten Ford und GM jeweils 1,5 Millionen Autos pro Jahr her, die Branche beschäftigte mehr als 400.000 Menschen.
Die zweite Säule ist die Verhandlungsmacht. Der berühmte Sitzstreik bei GM in den Jahren 1936/37 war ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Anerkennung der Gewerkschaften, zu besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen für die Beschäftigten. Über mehrere Jahrzehnte hinweg trug das neue Gleichgewicht zwischen Management und Beschäftigten in der Automobilproduktion zu einem raschen Anstieg der Löhne bei.
Verhandlungen zwischen Kapital und Arbeit
In den 1960er-Jahren hatte sich die Zahl der Beschäftigten in der US-Autoindustrie gegenüber den 20er-Jahren verdreifacht. Der Aufstieg der organisierten Arbeiterschaft in der Automobilindustrie schuf auch ein Modell für Verhandlungen zwischen Kapital und Arbeit, dem andere Branchen folgen sollten.
Henry Ford schätzte, dass allein motorgetriebene Maschinen „wahrscheinlich die Effizienz der Industrie verdoppelt haben“.
Foto: dpaHeute stehen Technologieunternehmen vor ähnlichen Entscheidungen wie die Automobilhersteller zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es geht um die Frage, wie sie generative KI auf alle Komponenten der Wissensproduktion und -verteilung anwenden können.
Sollen leistungsfähige neue Technologien eingesetzt werden, um die Wissensarbeit zu automatisieren und Beschäftigte zu verdrängen? Oder könnte KI zu einem Werkzeug werden, das die Produktivität und Kreativität der Beschäftigten steigert? Viel wird davon abhängen, ob die Arbeitnehmer ein Mitspracherecht haben und wie sich solche Entscheidungen auf Produktivität und Produktqualität auswirken.
Zukunftsweisender Streik
Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass der Streik der WGA noch wichtiger werden könnte als die Kämpfe um die Anerkennung von Gewerkschaften bei Ford und GM vor einem Jahrhundert.
Vor allem sind die Kreativarbeiter in Hollywood im Vergleich zu den Beschäftigten in anderen Branchen einzigartig gut organisiert und mächtig. Wenn sie scheitern, werden andere Wissensarbeiter noch weniger Chancen haben, die Zukunft von Arbeit und Technologie zu gestalten.
Die Entscheidungen, die vor uns liegen, sind epochal, denn die Versuchung für Filmproduzenten, den bequemen Weg zu gehen und, „so viel wie möglich zu automatisieren“, ist groß. Dieser Ansatz mag kurzfristig profitabel sein, wenn er es ermöglicht, mehr Sendungen mit weniger Drehbuchautoren, Schauspielern und anderem Personal kostengünstig zu produzieren. Aber Studioprofite und qualitativ hochwertige Produktionen sind nicht dasselbe.
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Menschlicher Einfallsreichtum und Kreativität sind nach wie vor nicht zu ersetzen.
Wenn man den Hype hinter sich lässt, sollte klar sein, dass die Vorhersage des nächsten Wortes in einem Satz und die Zusammenfassung der im Internet verfügbaren „Weisheit“ wahrscheinlich nicht zu einer besseren künstlerischen Leistung führen – auch wenn große Sprachmodelle mittelmäßige Sitcoms produzieren können.
Der bequeme Weg ist aufgrund seiner fehlenden Eigenschaften besonders kostspielig. Generative KI könnte in den Händen kreativer Künstler zu einem äußerst nützlichen Werkzeug werden, das die Forschung und die Entwicklung neuer Ideen unterstützt.
Wenn es uns gelingt, diesen Weg zu beschreiten, könnte die KI den technologischen Fortschritt weiter vorantreiben und die Erträge des menschlichen Einfallsreichtums steigern.
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Vieles hängt vom Streik der Drehbuchautoren ab. Es wäre natürlich eine Katastrophe für die Beschäftigten, wenn sie von den Filmstudios ausgeschlossen würden.
Die Wissensarbeiter – und eigentlich alle Arbeitnehmer – sollten hoffen, dass es der WGA und ihren Mitgliedern gelingt, nicht nur zu zeigen, wie die Gewerkschaften kurzfristig die Löhne erhöhen können, sondern auch, wie die Technologie genutzt werden kann, um die Kreativität zu fördern, anstatt sie einfach zu verdrängen.
Die Autoren:
Daron Acemoglu ist Professor für Wirtschaftswissenschaften am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge.
Simon Johnson ist Professor für Entrepreneurship an der MIT Sloan School of Management.
Austin Lentsch ist Doktorand und Forscher am MIT in Cambridge.