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Gastkommentar Wie eine faire Impfstrategie gegen Covid-19 aussehen sollte

Ein Jahr nach Ausbruch der Coronakrise sind Impfstoffe vorhanden, aber noch nicht für alle. Nun ist Solidarität gefragt – mit den gefährdeten Menschen weltweit, fordert Heinrich Bedford-Strohm.
17.02.2021 - 09:21 Uhr Kommentieren
Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Quelle: imago images/Lindenthaler [M]
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Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

(Foto: imago images/Lindenthaler [M])

Sie sind heftig, die Diskussionen um das Impfen. Und das ist nachvollziehbar. Denn es geht um viel. Die Bilder von Menschen an Atemmaschinen, die um ihr Leben kämpfen, sitzen uns in den Knochen. Geimpft sein heißt auch Schutz vor einem solchen Schicksal. Und für manche geht es auch um die materielle Existenz. Das Impfen ist der große Lichtblick, nicht zuletzt auch, um die ersehnte Normalität zurückzuerlangen.

In dieser Situation brauchen wir aber keinen Wettstreit um Reihenfolgen und vermeintliche Privilegien, sondern als Erstes ein Innehalten. Zeit, um dankbar zu werden.

Als die Pandemie sich vor bald einem Jahr in ihrer ganzen Drastik abzeichnete, hätte niemand auch nur zu hoffen gewagt, jetzt schon einen Impfstoff zu haben, der nicht nur gründlich getestet ist, sondern auch einen so hohen Wirkungsgrad hat, dass er tatsächlich begründet Hoffnung auf eine Überwindung der Pandemie in Rekordzeit zu machen vermag. Manchmal helfen religiöse Texte zu einer Dankbarkeit, die im täglichen Vielerlei schnell verschüttet zu werden droht. „Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat“, beten wir in Psalm 103.

Vielleicht kann solche Dankbarkeit auch helfen, solidarisch mit dem Impfen umzugehen: denen den Vortritt beim Impfen zu lassen, die besonders verletzlich sind, weil sie alt sind, weil sie eine Behinderung haben oder weil sie aus anderen Gründen ein besonderes Risiko für einen schweren oder gar tödlichen Verlauf der Covid-19-Erkrankung tragen. Und es heißt auch, diejenigen zu priorisieren, die sie medizinisch betreuen, pflegen oder seelsorglich begleiten.

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    Zum Solidarischsein gehört aber auch, dass Menschen überhaupt bereit sind, sich impfen zu lassen, wenn die notwendigen Impfmengen zur Verfügung stehen. Sosehr jeder Eingriff in den eigenen Körper auf der eigenen Entscheidung beruhen sollte, am Ende ist das Sich-impfen-Lassen auch Ausdruck von Nächstenliebe.

    Denn je weniger Impfbereitschaft da ist, desto mehr steigt das Risiko, dass das Virus sich doch wieder ausbreitet und das Leben von Menschen gefährdet. Das allein ist schon für mich selbst Grund, mich impfen zu lassen, wenn ich an der Reihe bin.

    Nächstenliebe ist gefordert, wenn es darum geht, geduldig miteinander zu bleiben und in Solidarität zusammenzuhalten, bis wir gemeinsam über den Berg sind. Solange nicht sicher ausgeschlossen werden kann, dass von Geimpften noch eine Ansteckung ausgehen kann, trägt auch die Debatte über die Rückgabe der Grundrechte, die eben genau keine Privilegien sind, letztlich nur zu einer Entsolidarisierung bei.

    Lage in Afrika und Südamerika ist dramatisch

    Nächstenliebe ist aber zuallererst auch gefordert, wenn es darum geht, die Armen und Schwachen weltweit nicht aus dem Blick zu verlieren. Sie fest einzuschließen in all unsere Überlegungen zu Impfstrategien und Hilfspaketen.

    Unsere ökumenischen Kontakte mit den Partnerkirchen in allen Kontinenten geben uns täglich Einblick in das Wüten des Coronavirus in anderen Regionen dieser Welt. Wir bekommen schmerzliche Nachrichten über vertraute kirchliche Gesprächspartner, die an Corona verstorben sind. Wir hören, wie dramatisch die Lage in Ländern Afrikas, Südamerikas oder Südostasiens aussieht.

    Hilfe ist noch lange nicht in Sicht – allen Bemühungen der Weltgesundheitsorganisation mit ihrer Covax-Initiative zum Trotz. Die Impfstoffe sind für die ärmeren Länder der Südhalbkugel schlicht unerschwinglich. Und wenn es zutrifft, dass es für zwei Drittel der Weltbevölkerung bis zu drei Jahre dauern wird, ehe sie mit einer Impfung rechnen können, weil sich die entwickelten Länder 80 Prozent der verfügbaren Impfstoffe gesichert haben, ist die humanitäre Katastrophe absehbar. Im Kampf um Impfstoffmengen global zu denken ist auch in unserem eigenen Interesse. Denn das Virus kann nur global besiegt werden oder gar nicht.

    Rechtzeitiges Handeln ist notwendig

    Es müssen alle politischen und finanziellen Kräfte mobilisiert werden, den finanzschwachen Ländern zu helfen, eine wirksame Impfstrategie aufzubauen. Hier haben wir uns alle immer und immer wieder selbstkritisch zu fragen: Haben wir genug Initiative gezeigt, genug Geld in die Hand genommen, um die Katastrophe von den Ärmsten der Armen abzuwenden? Haben wir das uns Mögliche dazu getan, dass die zur Verfügung stehenden Impfdosen in einem transparenten und fairen Verfahren verteilt werden?

    Wir werden uns – so hat der Gesundheitsminister gesagt – viel zu vergeben haben. Und er hat recht. Noch besser ist, rechtzeitig zu sehen, wo wir uns schuldig zu machen drohen – und zu handeln. Jeder Mensch ist geschaffen zum Bilde Gottes. Ein afrikanisches Menschenleben ist genauso viel wert wie ein europäisches oder amerikanisches.

    Deswegen heißt es, dankbar zu sein, dass der Impfstoff da ist. Geduldig zu sein, bis wir mit dem Impfen dran sind. Und Solidarität zu zeigen, damit alle von dem Impfstoff profitieren.

    Der Autor ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

    Mehr: Der Faktor Zeit wird in der Impfstoff-Debatte unterschätzt

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