Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar Wir brauchen eine neue Diskussion über die Prinzipien der Einkommensteuer

Wohlhabende Unternehmer beklagen sich darüber, dass sie zu wenig Steuern zahlen und kritisieren damit das Steuersystem. Ein Diskurs ist notwendig – aber bitte konkret, nicht abstrakt.
30.07.2020 - 11:06 Uhr 1 Kommentar
Unternehmer in Deutschland haben sich zusammengeschlossen und das Steuersystem kritisiert. Quelle: dpa
Steuererklärung

Unternehmer in Deutschland haben sich zusammengeschlossen und das Steuersystem kritisiert.

(Foto: dpa)

Vor wenigen Tagen ging eine Meldung durch die Medien: Etwa 100 wohlhabende UnternehmerInnen aus einer Reihe von Industrienationen beklagten sich darüber, dass sie zu wenig Steuern an ihren jeweiligen Staat zahlen. Wohlgemerkt: zu wenig, nicht zu viel.

Ihr Kernargument: Was sie zahlten, stehe in keinem angemessenen Verhältnis zu dem, was sie zur Bewältigung gesellschaftlicher und öffentlicher Aufgaben leisten können und wollen 

Unter den Unterzeichnern war auch Christina Hansen, deutsche Familienunternehmerin und Erbin eines großen Vermögens. Thomas Sigmund vom Handelsblatt kommentierte auf Twitter mit Humor und Hintersinn, dass ihr geholfen werden könnte – und er verwies auf die IBAN-Nummer des Bundeskontos, wo sich ja mühelos durch Spenden das entstandene Problem beseitigen ließe. 

Karl-Heinz Paqué ist Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Quelle: Lehrstuhl für Internationale Wirtschaft
Der Autor

Karl-Heinz Paqué ist Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

(Foto: Lehrstuhl für Internationale Wirtschaft)

Na ja, das stimmt für Christina Hansen individuell, aber nicht für die Gesellschaft, denn andere „Reiche“ könnten sich aus eigenem Entschluss einer freiwilligen Abgabe entziehen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Christina Hansen will also mit ihrer Aussage wohl doch eine Kritik an unserem deutschen Steuersystem liefern. Vor allem: an der Besteuerung des Einkommens, denn die ist mit einem Aufkommen von rund 300 Milliarden Euro quantitativ seine bei weitem wichtigste Säule – und dazu noch jene, die tatsächlich die Ströme der Umverteilung über die Progressivität des Tarifs mit Abstand am stärksten beeinflusst.

     Die Einkommensteuer wirkt bereits umverteilend    

    Wie sieht nun die Realität der Einkommensbesteuerung in Deutschland aus? Wo stehen wir heute? Die Statistik des Bundesfinanzministeriums zeigt für 2019, dass die wohlhabendsten ein Prozent der Steuerpflichtigen 21,5 Prozent des Steueraufkommens erbringen, die oberen zehn Prozent mehr als die Hälfte des Aufkommens, nämlich 54,8 Prozent. Die untersten 30 Prozent tragen dagegen nur ein Prozent des Aufkommens bei.

    Es kann also eigentlich nicht die Rede davon sein, dass unsere Einkommensteuer nicht stark umverteilend wirkt. Dies überrascht auch nicht, weil ab circa 57.000 Euro Jahresverdienst der Grenzsteuersatz auf jeden zusätzlich verdienten Euro bei 42 Prozent liegt und ab 271.000 Euro Jahresverdienst noch auf 45 Prozent ansteigt. Also: Fast die Hälfte der Zusatzverdienste von „Reichen“ landet zur öffentlichen Verwendung im Staatshaushalt.

    Offenbar will Christina Hansen diesen Grenzsteuersatz erhöht sehen, anders ist ihre Einlassung nicht zu verstehen. Das ist eine legitime Forderung. Aber sie bleibt auch aus dem Munde einer Betroffenen merkwürdig inhaltsleer, solange nicht über konkrete Zahlen gesprochen wird: Wo soll der höchste Grenzsteuersatz in Zukunft liegen? Bei 50, 60 oder 70 Prozent? Oder noch höher? Und ab welchem Einkommen soll er einsetzen?

     Balance zwischen dem Staat und den Bürgern  

    Solange hier keinerlei Zahlen genannt werden, lässt sich darüber nicht ernsthaft diskutieren. Der Grund liegt auf der Hand: Es geht um eine höchst komplexe Frage im Spannungsfeld zwischen Prinzipien der Gerechtigkeit, Folgen für den gesamtwirtschaftlichen Wohlstand sowie Aspekten der Praktikabilität.

    Inwieweit ist es fair, den Menschen Selbstverdientes oder Ererbtes zur Hälfte (oder mehr) wegzunehmen und der privaten Verwendung zu entziehen? Besteht nicht ein großer Teil dieser Verwendung in privaten Investitionen, die dem Wohlstand der Gesellschaft nützen und damit zumindest langfristig auch ihren ärmsten Mitgliedern? Führt nicht die hohe Besteuerung zu Abwanderung von dringend benötigten unternehmerischem Kapital in andere Länder?

    Fragen über Fragen, die in Zeiten von Corona und Globalisierung durchaus nochmals neu gestellt werden sollten. Aber bitte konkret und nicht abstrakt. Einfache Rufe nach „mehr“ oder „weniger“ mögen zunächst die Moral auf ihrer Seite haben, aber sie helfen nicht, die Architektur des Steuersystems und der Umverteilung in den Blick zu nehmen.

    Hier bedarf es einer umfassenden Analyse der Balance zwischen dem Staat und den Bürgern – und zwar in allen Gesichtspunkten, die für eine Gesellschaft von Bedeutung sind. Eine große Aufgabe im Aufgalopp zur Bundestagswahl – und für die Zeit danach.

    Mehr: Studie: Reichste zehn Prozent besitzen gut zwei Drittel des Vermögens.

    Startseite
    Mehr zu: Gastkommentar - Wir brauchen eine neue Diskussion über die Prinzipien der Einkommensteuer
    1 Kommentar zu "Gastkommentar: Wir brauchen eine neue Diskussion über die Prinzipien der Einkommensteuer"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Wie wäre es denn mit einem Spitzensteuersatz wie zu Zeiten von Konrad Adenauer und Ludwig Erhardt? Oder wie in den USA zu Zeiten von John F. Kennedy oder davor? Oder einem Abschmelzen von Freibeträgen? Von einer Anhebung des Grundfreibetrags profitieren ausgerechnet diejenigen mit den höchsten Grenzsteuersätzen am meisten. Das ist keine Naturnotwendigkeit, wie ein Blick in andere Länder zeigt. Das Anliegen von Frau Hansen und ihren Mitstreitern ist jedenfalls mehr als berechtigt. Beim Argument "Fairness" könnte man auch an andere als Spitzenverdiener und Erben denken. Ich zahle übrigens Spitzensteuersatz und Soli.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%