Transformation: Der Niedergang der ländlichen Räume muss gestoppt werden
Deutschland hat mich schon immer fasziniert. Meine Mutter stammte aus Hamburg-Altona. Zu Beginn meiner Karriere konzentrierte ich mich auf die neuere deutsche Geschichte, insbesondere auf die Wirtschafts- und Finanzgeschichte der Zwischenkriegszeit.
Auch heute beschäftige ich mich noch immer viel mit Deutschland und beobachte mit Sorge, wie sich das Land derzeit wirtschaftlich entwickelt. Neben den bekannten Problemfeldern halte ich aber ein anderes Thema für essenziell hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit Deutschlands: Was passiert mit den ländlichen Räumen?
>> Dieser Gastkommentar ist ein Beitrag zur großen Handelsblatt-Aktion „Zukunftsplan Deutschland“. Alle Texte finden Sie hier.
Das Grundgesetz schreibt gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land vor. Das zu erreichen wird immer schwieriger werden. Der demografische Wandel lässt die Bevölkerung vor allem in den ländlichen Räumen schrumpfen. Der damit einhergehende Arbeitskräftemangel macht das Leben dort immer unattraktiver, weil Geschäfte oder Ärzte nur noch in weiter Entfernung zu erreichen sind. Das schürt Frustration und treibt manchen Bewohner in die Hände der Populisten.
EU-Kommission, Bundesregierung, Landesregierung, sie alle müssen die Regionalpolitik stärker mitdenken. Dieses Feld darf kein politisches Nischenthema bleiben. Es braucht zeitnah Initiativen , um die ländlichen Räume wieder attraktiver als Lebensort zu machen und damit ihren wirtschaftlichen Niedergang zu stoppen.
Vor allem in der Grundversorgung wachsen die Probleme im ländlichen Raum. Arztpraxen schließen, Apotheken machen dicht, Schulen stellen ihren Betrieb ein, weil die Lehrer fehlen.
Digitale Lösungen entlasten Fachkräfte vor Ort
Die Lösung liegt im technischen Fortschritt. Schülerinnen und Schüler auf dem Land müssen nicht zwangsläufig von Fachkräften beaufsichtigt werden. Das können auch andere Berufsgruppen vor Ort machen. Die Lerninhalte wiederum lassen sich heutzutage auch durch digitale Kurse vermitteln. Dafür muss ein Lehrer nicht vor Ort sein. Der Lehrer kann so auch größere Gruppen unterrichten.
In der Apotheke ist es wichtig, dass der Rat für das richtige Medikament von einem Pharmazeuten kommt. Aber das Medikament aus dem Regal nehmen und es in eine Tüte verpacken, dass kann fast jeder. Der Apotheker kann also auch digital zugeschaltet sein. In manchen medizinischen Fachbereichen wird es so auch mit Ärzten laufen können. Videosprechstunden erfreuen sich ohnehin einer zunehmenden Beliebtheit.
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Dafür müssen die Gesetze und einschlägigen Berufsordnungen angepasst werden. Das wird nicht einfach. In den genannten Bereichen stößt jede kleinste digitale Neuerung regelmäßig auf massive Abwehrreaktionen. Aber die Politik muss den Mut haben, sich dagegen durchzusetzen.
Satelliteninternet als Lösung für ländliche Räume
Es ist davon auszugehen, dass sich die Lage in den ländlichen Räumen dafür erst noch weiter zuspitzen muss. Große Würfe funktionieren am besten in Krisen, das haben wir schon beim Home-Schooling in der Coronapandemie gesehen. Da ging beim Digitalunterricht viel voran, wenn auch längst nicht genug.
Voraussetzung dafür ist natürlich die flächendeckende Verfügbarkeit von vernünftigem Internet. Da gibt es noch immer große Lücken. Derzeit versucht Deutschland im Eiltempo, Glasfaser ins Land zu bringen. Das dauert aber viel zu lange und ist angesichts der vielen Straßen, die dafür aufgerissen werden müssen, zu aufwendig.
Stattdessen sollte Deutschland stärker auf Satelliteninternet setzen. Elon Musk macht es mit seiner Firma Starlink vor, er bringt Internet selbst zu abgelegenen afrikanischen Stämmen.
Von Musk allerdings sollten wir uns nicht abhängig machen. Europa muss deshalb ein eigenes Satellitennetzwerk aufbauen. Die Planungen laufen dafür derzeit im Projekt Iris2. Allerdings meinen manche Beteiligte, man sollte die Satelliten nur für die Regierungskommunikation zwischen Staaten einplanen. Das wäre ein Fehler, gerade die zivile Anwendung könnte dem Projekt enorme Wichtigkeit verleihen.
Vorausschauende Regionalpolitik stärkt ländliche Räume
Zuletzt braucht es für all diese Dinge in den ländlichen Räumen die notwendige Finanzierung. Den Großteil wird der Privatsektor stemmen müssen. Aber damit diese privaten Investitionen fließen, benötigen sie in vielen Fällen eine staatliche Anschubfinanzierung. Das wichtigste Programm in Deutschland dafür ist die „Gemeinschaftsaufgabe Regionale Wirtschaftsförderung“ (GRW) von Bund und Ländern. Doch die GRW ist immer wieder Teil von Kürzungsdebatten. Das muss sich ändern, wenn die Leute wieder Vertrauen in die ländlichen Räume bekommen sollen.
Darüber hinaus muss die Architektur des GRW besser an die Herausforderungen des ländlichen Raums angepasst werden. Die Bundesregierung hat bereits eine Reform umgesetzt und das Programm entbürokratisiert. Die zu fördernden Regionen orientieren sich allerdings immer noch zu sehr an der momentanen wirtschaftlichen Schwäche. Studien zeigen, dass diese Regionen gar nicht unbedingt die mit den künftig größten sozioökonomischen Herausforderungen sein werden. Die schwächsten Regionen holen eher auf, hat der jüngste Gleichwertigkeitsbericht der Bundesregierung gezeigt.
Dafür kriegen andere Regionen verstärkt Probleme, die bislang wirtschaftlich eher noch besser dastanden. Das gilt vor allem für Gegenden mit einer besonders starken industriellen Transformation, etwa Auto- und Stahlstandorte. Eine vorausschauende Regionalpolitik muss schon jetzt diese Regionen fokussieren.
Die konkreten Handlungsempfehlungen:
- Schulen, Arztpraxen und Apotheken sollten in Zukunft auch von Fachkräften digital aus der Ferne gesteuert werden können, sonst werden die ländlichen Räume endgültig abgehängt.
- Für flächendeckendes Internet sind weder Kupferkabel noch Glasfaser die Lösung, stattdessen braucht Europa ein eigenes Satelliteninternet.
- Regionale Fördergelder von Bund und Ländern müssen weniger an wirtschaftsschwache Landstriche, sondern verstärkt an industrielle Transformationsregionen verteilt werden.