Asia Techonomics: Warum Chinesisch die schnellste digitale Sprache der Welt ist
Peking. Der Kontrollwahn der chinesischen Staatsführung bremst die Entwicklung der generativen Künstlichen Intelligenz in China. Und dennoch haben Chinesen Vorteile, wenn es um die Anwendung der neuen Technologie geht. Das liegt an der chinesischen Sprache, genauer gesagt daran, wie sie von Computern verarbeitet wird.
Haben Sie sich schon mal gefragt, wie Chinesen ihre Schriftzeichen auf den üblichen Computer- oder Handytastaturen mit lateinischen Buchstaben eingeben? Immerhin gibt es rund 7000 Schriftzeichen, die häufig genutzt werden, und unzählige Kombinationsmöglichkeiten der Zeichen. Denn die meisten Wörter bestehen lediglich aus einem oder zwei Schriftzeichen.
Lange mussten gedruckte chinesische Texte ähnlich gesetzt werden wie beim Buchdruck mit Lettern, wie zu Gutenbergs Zeiten. Allerdings war die Suche nach den passenden der mehreren Tausend Schriftzeichen sehr viel zeitaufwendiger als bei den 26 Buchstaben des lateinischen Alphabets – ein echter Nachteil. Politische Führer wie Mao Zedong hatten sogar die Sorge, dass dies die Entwicklung Chinas hemmen könnte.
Das änderte sich mit der Erfindung moderner Computer. Dank KI ist die Eingabe eines chinesischen Textes sehr viel schneller möglich als die eines vergleichbaren Texts in einer auf Latein basierenden Sprache.
„Chinesisch ist eine der schnellsten, wenn nicht die schnellste digitale Sprache, die es gibt“, sagt Thomas Mullaney, Professor der US-Eliteuniversität Stanford, der sich mit Technologie in China beschäftigt und jüngst ein faszinierendes Buch zu dem Thema veröffentlicht hat („The Chinese Computer“).
Mehr als 200 Schriftzeichen pro Minute
Mehr als 200 Schriftzeichen pro Minute kann ein geübter Schreiber tippen. Wie ist das möglich? Dazu folgendes Beispiel: Das chinesische Wort für Computer (电脑, Lautschrift: diannao) setzt sich zusammen aus den Schriftzeichen für Elektrizität (dian) und Gehirn (nao). Um das Schriftzeichen 电脑 am Computer zu erzeugen, müssen die Anfangsbuchstaben der Silben in Lautschrift eingetippt werden, also „d“ und „n“.
Obwohl es im Chinesischen zahlreiche Wörter gibt, deren Silben mit „d“ und „n“ beginnen, erkennt die Software aus dem Kontext und früheren Nutzereingaben, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit das Wort Computer gemeint ist und schlägt das entsprechende Schriftzeichen als erste Wahlmöglichkeit per Pop-up vor.
Weitere Vorschläge im Pop-up sind etwa „dang nian“ (damals) oder „duo nian“ (seit Jahren). Das korrekte Schriftzeichen muss mit der zugeordneten Ziffer bestätigt werden, in diesem Fall für Computer, das erste vorgeschlagene Wort, also dn1.
Noch höher ist die Trefferquote, wenn komplette Sätze eingegeben werden. Im übertragenen Sinne funktioniert das wie folgt: „Mein Computer ist kaputt“ („mcptikp1“) oder „Ich möchte einen Computer kaufen“ („imtencptkf1“).
Chinesen prompten seit den 1950er-Jahren
Das sei nichts anderes als KI-basiertes Schreiben, betont Mullaney. Die Interaktion zwischen Computer und Mensch sei etwas, woran sich die westliche Welt in Zeiten von ChatGPT und generativer KI erstmals gewöhnen müsse. Chinesen hingegen „prompten seit den 1950er-Jahren“, sagt der Tech-Experte.
Er hält das KI-basierte Eingabesystem für einen wichtigen Grund, warum Chinesen deutlich weniger Berührungsängste mit Technologie generell haben. Selbst Senioren nutzen in der Volksrepublik völlig selbstverständlich ihr Smartphone, um per App im Supermarkt zu bezahlen oder den Bus kostenlos zu nutzen.
In Palo Alto habe er hingegen noch nie einen 80-Jährigen gesehen, der seine Zeitung oder einen Bagel mit dem Handy bezahle, konstatiert der Stanford-Professor.
Ihm persönlich sei egal, ob jemand in seinen Hosentaschen nach Wechselgeld krame, betont Mullaney. Doch er komme nicht umhin, sich zu fragen, ob in einer Zeit, in der Geschwindigkeit und Effizienz das Maß aller Dinge seien, im Westen eigentlich schon aufgefallen ist, „dass das andere Team richtig, richtig gut darin ist“.
In der Kolumne Asia Techonomics schreiben Nicole Bastian, Martin Benninghoff, Sabine Gusbeth, Dana Heide, Martin Kölling und Mathias Peer im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in der dynamischsten Region der Welt.