Beyond the obvious: Amerikas Rücksichtslosigkeit – ein Geist, der nicht mehr verschwindet
Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird! Das mag der eine oder andere Beobachter mit Blick auf Donald Trumps Zollpolitik denken. Schließlich haben China und die USA einen temporären Waffenstillstand geschlossen, die EU – demnächst auch die Schweiz – kommt mit 15 Prozent Zoll noch glimpflich weg, und beide haben sich im Gegenzug verpflichtet, mehr in den USA zu investieren und von dort einzukaufen. Die Weltwirtschaft ist (noch) nicht eingebrochen, und selbst die US-Wirtschaft hält sich dank Rekorddefizit und KI-Investitionsboom (noch) erstaunlich gut.
In vielen Hauptstädten der Welt und in noch mehr Unternehmen wird man die Tage zählen, bis Donald Trump nicht mehr im Amt ist und alles wieder gut wird. Doch diese Hoffnung dürfte trügen.
Trump hat den internationalen Rahmen zerschlagen, der seit 1945 Sicherheit, Wachstum und Wohlstand garantierte. Damals schufen die USA und ihre Verbündeten auf der Bretton-Woods-Konferenz eine internationale Ordnung, die auf festen, aber anpassbaren Wechselkursen sowie Kapitalkontrollen zur Sicherung wirtschaftspolitischer Autonomie und schrittweiser Handelsliberalisierung beruhte. Später entwickelte sie sich weiter zu einer Weltordnung mit freiem Handel, der durch den Dollar und die militärische Präsenz der USA gestützt und gefördert wurde.
Dieses System funktionierte, weil alle die Lehren aus den „Beggar-thy-Neighbor“-Politiken der Zwischenkriegszeit gezogen hatten: Hohe Zölle und kompetitive Abwertungen, die zum Zusammenbruch des internationalen Handelssystems, zur Weltwirtschaftskrise, zu politischer Instabilität und letztlich zum Krieg führten, dürfen sich nicht wiederholen. Globale Kooperation, freier Handel und Verlässlichkeit der Beziehungen waren die Säulen der vergangenen 30 Jahre, die der Welt einen einmaligen Wohlstandszuwachs beschert haben.
Trump kehrt nun genau zur diskreditierten Wirtschaftspolitik der 1930er-Jahre zurück. Statt Allianzen zu schmieden, um strategische Abhängigkeiten von China gemeinsam zu reduzieren, isoliert der US-Präsident sein Land und treibt potenzielle Partner in die Arme Pekings. Die Botschaft an die Welt ist klar: Amerika ist kein verlässlicher Partner mehr. Neue globale Rivalitäten, ständige Unsicherheit für Unternehmen und das Risiko eines schleichenden Zerfalls multilateraler Zusammenarbeit sind die Folge.
Vielleicht wäre es auch ohne Donald Trump zu dieser Entwicklung gekommen, angesichts des beeindruckenden Aufstiegs Chinas und der sich daraus ergebenden Rivalität mit den USA. Trump hat die Entwicklung so gesehen „nur“ beschleunigt und dazu beigetragen, dass auch andere Regionen zu ähnlichen Instrumenten greifen. Der steigende Exportdruck Chinas in Richtung der EU lässt auch hier den Ruf nach Eingriffen in den Handel lauter werden.
Zölle für Elektroautos und Stahl mögen zwar besser sein als pauschale Zölle, die Gefahr ist jedoch groß, dass auch in anderen Bereichen nach immer mehr Handelsbeschränkungen gestrebt wird. Deutschland, lange der Vorkämpfer für weltweiten Freihandel, stimmt in diesen Kanon inzwischen mit ein. Politisch wird über Subventionen und neue Industriepolitiken diskutiert, die unter dem Banner der „Resilienz“ ganze Wertschöpfungsketten zurückholen sollen.
Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Trump – oder irgendjemand in seinem Umfeld – einen Plan hat, um das globale System zu ersetzen, das er gerade zerstört hat. Was bleibt, ist ein gefährliches Vakuum in einer Zeit, in der der Westen Zusammenhalt bitter nötig hätte. Die nächste Finanzkrise könnte deutlich verheerender ausfallen, wenn die Fed nicht mehr als unabhängige und global wohlwollende Zentralbank agiert.
Trumps Angriff auf die Weltwirtschaft
Ein Zurück zu der Welt vor Trump wird es nicht geben. Die Regelverletzung ist geschehen, die Bereitschaft, nationale Interessen rücksichtslos gegen langjährige Partner zu setzen, ist enttabuisiert. Wer – wie große Teile der deutschen und europäischen Politik – immer noch auf eine Rückkehr der USA zum multilateralen Führungsstil setzt, ist naiv. Es ist an der Zeit, die Realität zu akzeptieren: Wir sind in einer neuen, ungewissen Ordnung angekommen. Anpassung, nicht Rückwärtsgewandtheit, ist das Gebot der Stunde.