Innovationen: Moorschutz trifft Heavy Metal – und schafft Großes fürs Klima
Düsseldorf. Vermutlich haben Sie schon mal vom Wacken Open Air gehört, dem Heavy-Metal-Festival in Schleswig-Holstein. Etwa 85.000 Besucherinnen und Besucher kommen Jahr für Jahr in die kleine Gemeinde Wacken.
Die Metalheads waren in diesem Jahr bei einer besonderen Premiere dabei. Auf den ersten Blick mutet sie vielleicht etwas skurril an, auf den zweiten aber passt sie hervorragend dazu – und hält als Beispiel dafür her, wie Innovationen alltägliche Probleme lösen können, wenn die richtigen Leute aufeinandertreffen.
Eine gute halbe Autostunde vom Festivalgelände entfernt liegt die Klimafarm der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. Ein Projektteam vernässt auf insgesamt 400 Hektar in der Eider-Treene-Sorge-Niederung Moorgebiete wieder. Über Jahrhunderte hatten Landwirtschaftsbetriebe diese zur konventionellen Nutzung trockengelegt.
2021 erhielt die Klimafarm für das Vernässen eine Förderzusage vom Bund. Das siebenköpfige Projektteam der Klimafarm um Leiterin Elena Zydek misst seitdem, wie sich die Wiedervernässung auf das Klima auswirkt. Außerdem erforscht es Potenziale und entwickelt marktfähige, nachhaltige Produkte.
Biomasse als Ausgangsmaterial
Denn durch die Wiedervernässung entsteht Biomasse, die zu einem Rohstoff aufbereitet werden kann. Das Team experimentiert dabei mit verschiedenen Bewirtschaftungs- und Erntemethoden und hat die Biomasse in Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen zu Produkten wie Pflanzenkohle, Torfersatzsubstrat und Substrat für Dächer verarbeitet – und zu Erosionsschutzmatten.
Diese Matten werden häufig im Straßenbau eingesetzt und dort vor allem an Hängen ausgelegt, um das Anwachsen von Vegetation zu fördern. So lässt sich vermeiden, dass Regen zum Beispiel verdichtete Aufschüttungen unterspült.
Das Problem: Herkömmliche Matten bestehen aus Kokosfaser. Das ist weder nachhaltig noch umweltfreundlich. So entstand in der Klimafarm gemeinsam mit einem privaten Unternehmen die Idee, eine Matte aus dem im Moorgebiet gewonnenen Rohstoff zu entwickeln.
„Als wir die Matte ausgelegt haben“, sagt Projektleiterin Zydek, „hat einer den Witz gemacht: Die Matte würde super zu Wacken passen!“ Immerhin ist das Festival berüchtigt für seinen schlammigen Untergrund.
Matten fürs Festivalgelände?
Das Projektteam nahm dann tatsächlich mit den Festivalveranstaltern Kontakt auf. Und stellte in einer Videokonferenz fest, dass die Matten überhaupt nicht geeignet sind für das Event.
Schließlich wird das Festival auf aktiv genutzten Landwirtschaftsflächen ausgerichtet – und die Landwirtschaftsbetriebe müssen ihre Flächen unmittelbar nach Festival-Ende wieder nutzen können. Doch einige Tage später erhielt Zydek einen Anruf. „Die Veranstalter wollten die Matten doch testen – auf einem 200 Meter langen Waldabschnitt“, sagt sie. „Das war für uns die perfekte Teststrecke.“
Die Matte überstand den Test mit Bravour und sie erhielt ein sehr gutes Feedback der Metal-Fans. „Es verlief wirklich top“, sagt Zydek, die mit ihrem Team einen Stand auf dem Festivalgelände aufgebaut hatte. „Zu uns kamen begeisterte Besucher, die als Manager oder Stadträte arbeiten, also ein echtes Fachpublikum. Auch Rollstuhlfahrer haben sich für die Matten bedankt.“
Die Matten blieben nach dem Festival-Ende liegen. „Es wird spannend, was dort wächst und wie die Natur reagiert“, sagt Zydek.
Spannend ist auch, wie es mit ihrem Projekt weitergeht. Der positive Test in Wacken ließ die Nachfrage nach den Matten immens steigen. „Wir haben viele, vor allem aber zwei, drei größere Anfragen, etwa von Kommunen und Veranstaltern. Die Anfragen arbeiten wir jetzt ab“, sagt Zydek.
Das Klimafarm-Team erprobt noch weitere Wege, den Rohstoff zu nutzen. Potenziale bietet zum Beispiel die Papierindustrie. Dort können die im Moor gewonnen Fasern eine Alternative zu Holz sein. Angesichts des bevorstehenden CO2-Preises und des wachsenden Fokus auf Nachhaltigkeit wird der Rohstoff für die Industrie zunehmend interessant. Die Christian-Albrechts-Universität Kiel begleitet das Projekt übrigens durch das Messen von Treibhausgaswerten.
„Es gibt viele Optionen, die wir testen wollen“, sagt Zydek. „Wacken war ein Meilenstein – wir haben gesehen, dass Moorschutz und Wertschöpfung Hand in Hand gehen.“
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Dieser Text ist zuerst am 6. Oktober 2025 im Newsletter Handelsblatt Shift erschienen. Den Newsletter können Sie hier abonnieren.