Kolumne „Trump Watch“: Die Flucht vor der Trump-Realität
East Hampton. Wenn es Sommer wird in New York, zieht es die Reichen und Schönen der Weltmetropole nach Osten. Die Straßen in den Feriendomizilen auf der Insel Long Island sind verstopft, die Züge überfüllt. Es ist ein Schauspiel, das sich alle Jahre wiederholt.
In diesem Jahr ist der Andrang jedoch besonders groß. Denn die New Yorker fliehen nicht nur vor der Betonhitze und dem Maisschweiß – ja, der Maisanbau im Mittleren Westen sorgt derzeit für extreme Luftfeuchtigkeit in der Stadt. Sie fliehen vor der neuen Trump-Realität.
Ihre Parallelwelten heißen die Hamptons: mondäne Kleinstädte wie East Hampton, Bridgehampton und Southampton, gelegen am Atlantik. Hier wollen sie alle Unsicherheiten, für die Trump gesorgt hat, kurz vergessen dürfen. Basecaps und T-Shirts mit politischen Aufdrucken haben sie zu Hause gelassen, in den Vorgärten der Ferienhäuser sind keine Wahlkampfschilder in den Rasen gesteckt.
Trumps Politik belastet auch Vermögende
Und manch ein Café hält das ungeschriebene Gesetz sicherheitshalber doch schriftlich fest. „Keine Politik oder Religion“, so mahnt ein Schild die Gäste, während sie Eis-Kardamom-Kaffee aus Plastikbechern mit Strohhalmen schlürfen.
Was mussten sie in den vergangenen Monaten nicht alles aushalten: Trumps radikale Zollpolitik hat für massive Verwerfungen an den Aktienmärkten gesorgt. Gleichzeitig leidet ihr Vermögen unter einem schwächelnden Dollar, der internationale Käufe verteuert und ausländisches Kapital abschreckt. Und als wäre das nicht genug, nagt die anhaltend hohe Inflation an der realen Kaufkraft – nicht nur beim täglichen Konsum, sondern auch bei sicheren Anlageformen.
Zwar hat der S&P 500 zuletzt wieder Rekordhöhen erklommen. Doch die Unsicherheit ist längst nicht ausgestanden: Die ohnehin schon hohe Staatsverschuldung der USA dürfte mit Trumps jüngstem Haushaltsgesetz weiter wachsen. Außerdem setzt der US-Präsident die Notenbank Fed nach wie vor unter Druck, die Zinsen zu senken – obwohl es die gegenwärtigen Inflationsdaten nicht rechtfertigen. All das sind Risiken fürs Vermögen.
In East Hampton lächeln sie die Sorgen vor den Schaufenstern der örtlichen Immobilienmakler weg. Männer mit Topgolf-Kappen tauschen sich über die Bausubstanz der inserierten Stadtvillen aus, so als wären die jüngsten Marktturbulenzen nicht gewesen.
Tesla-Fahrer können hier noch ungestört mit ihrem Model X Plaid oder dem Cybertruck über die Straßen fahren, ohne schnippische Kommentare oder gar Vandalismus fürchten zu müssen – anders als in New York, wo Proteste gegen den E-Auto-Bauer von Elon Musk an der Tagesordnung sind.
Unternehmerin hofft auf Ruhe
Und während Trump die Staatsmittel für Entwicklungshilfe massiv zusammenstreicht, lässt sich das Gewissen hier noch mit Spenden an der Supermarktkasse reinwaschen. Ein paar Dollar für die Aufforstung des Regenwalds oder die Rettung der Wale gehören hier nach wie vor zum guten Ton, wie das aufdringliche Fragen der Kassierer beweist.
Apropos Spenden: So ganz will man dem politischen Burgfrieden dann doch nicht trauen. Eine Unternehmerin plant eine große Spendenaktion über das Wochenende. Sie dürfe es zwar nicht so laut sagen, aber sie hoffe inständig, dass Trump die Füße stillhält, sagt sie. Jede wirtschaftliche Verunsicherung könne schließlich die Spendenbereitschaft bremsen.
Trump scheint die politische Stillhaltepraxis in den Hamptons wiederum zu akzeptieren. „Ich komme gerne in die Hamptons“, sagte er einst bei einem Wahlkampfauftritt. Auch wenn die Menschen es hier nicht offen zugeben würden, so ist er doch sicher: „Alle hier wählen mich.“