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USALand of the Free? Nicht für Alejandro

Unser Kolumnist wollte den trotz Donald Trump beeindruckenden Zusammenhalt der Menschen in den USA loben. Dann kam das Vorgehen gegen Migranten. Und er erkennt das Land nicht wieder.Philipp Depiereux 04.07.2025 - 04:00 Uhr Artikel anhören
Flüchtlinge in den USA, Kolumnist Depiereux: Ständige Angst. Foto: Dpa, Privat

Eigentlich wollte ich heute über die Kraft amerikanischer Communities schreiben. Über Nachbarschaftshilfe, soziales Engagement, Zusammenhalt. Aber dann kam ICE. Und mit ICE meine ich nicht den schnellen deutschen Zug, sondern die Einwanderungspolizei der USA – jene aggressive Truppe, die unter Präsident Trump zur Jagd auf Menschen ohne Papiere bläst. Und zwar wortwörtlich.

Vor wenigen Tagen standen sie wieder bei uns in Newport Beach. Diesmal nicht vor einer Großbaustelle oder in einem Problemviertel – sondern bei meinem Autowaschservice. Ich kenne den Laden gut. Seit drei Jahren lasse ich dort mein Auto waschen.

Und ich kannte Alejandro. Einen höflichen, fleißigen Mexikaner, der immer freundlich grüßte, immer lächelte und hier in Orange County seit über 30 Jahren lebt. Mit Familie. Seine Kinder sind hier geboren, haben Schulen besucht, Jobs, Träume, Steuern gezahlt. Wie Alejandro selbst.

Das alles zählt in Trumps Amerika nicht. Kein Visum? Dann raus. ICE hat Alejandro einfach mitgenommen. Ohne Haftbefehl. Ohne Identifikation. Einfach so.

Willkür mit Uniform

Was sich hier abspielt, ist erschreckend. Die Beamten treten vermummt auf, zeigen keine Ausweise, keine Badge-Nummern, keine Bodycams. Sie fahren Zivilfahrzeuge, wirken wie paramilitärische Trupps. Und sie jagen nicht etwa Schwerverbrecher – sondern Menschen mit lateinamerikanischem Aussehen. Vor Schulen, an Tankstellen, beim Einkaufen, beim Car Wash. Ich selbst habe einen Einsatz vor einem Home Depot in Costa Mesa beobachtet – tagsüber, mitten im Alltag, direkt vor Familien und Kindern.

Dann geht alles schnell: Inhaftierung in ein sogenanntes „Detention Center“, binnen weniger Tage die Abschiebung. Kein Verfahren. Keine Verteidigung. Kein Recht auf Menschlichkeit.

Ja, es gibt Gesetze. Und ja, es braucht eine geordnete Einwanderungspolitik. Aber was ICE hier tut, ist keine geordnete Politik. Es ist gezielte Einschüchterung. Es ist rassistische Willkür. Und es ist ein klares politisches Signal: Wir jagen die, die nicht ins Weltbild von Trumps MAGA passen.

Kalifornien wehrt sich – mit Mut und Haltung

Aber: Es gibt Widerstand. Tausende mutige Menschen stellen sich ICE entgegen. Sie filmen die Einsätze, blockieren Zufahrten, klären auf. Selbst große Unternehmen wie die LA Dodgers zeigen Haltung: Als ICE versuchte, das Stadiongelände zu betreten, wurde ihnen der Zutritt verweigert. Ohne Durchsuchungsbefehl kein Zugang – das ist Gesetz. Nur: Kaum jemand weiß das. Und noch weniger haben den Mut, es durchzusetzen.

Anti-ICE-Protest in Los Angeles: Wir dürfen Unrecht nicht relativieren, nur weil es weit weg passiert, schreibt Kolumnist Depiereux. Foto: Getty Images via AFP

Ich will mit dieser Kolumne keinen Alarmismus betreiben. Aber ich möchte beschreiben, was ich sehe. Und ich sehe ein Amerika, das zwischen Demokratie und Demontage balanciert. Ein Land, das mir so viel gegeben hat – Inspiration, viele Freunde, eine tolle Community, eine neue Perspektive – und das zugleich in manchen Momenten düsterer wirkt als alles, was ich in Europa je erlebt habe.

4. Juli. Tag der Freiheit. Und der Abschiebungen.

Heute ist in den USA Nationalfeiertag. Der 4. Juli – Independence Day. „Land of the Free“ steht auf den Bannern, den Baseballmützen, den Pick-ups mit wehenden Flaggen. Doch für Menschen wie Alejandro ist es das längst nicht mehr. Wer braun ist statt weiß, Spanisch spricht statt Englisch, der lebt in Angst. Selbst nach Jahrzehnten im Land. Selbst mit Kindern, Jobs und Steuerbescheiden.

Land of the Free? Nicht für alle.

Mut ist keine Option. Mut ist Pflicht.

Ich glaube, wir brauchen wieder mehr Haltung – in Amerika, aber auch in Deutschland. Wir dürfen Unrecht nicht relativieren, nur weil es weit weg passiert. Und wir dürfen unsere eigene Demokratie nicht für selbstverständlich halten.

Wenn eines sicher ist, dann das: Der Geist, den Trump und seine Vasallen freigesetzt haben, bleibt nicht lokal. Er strahlt aus. Und wenn wir nicht aufpassen, landet er auch bei uns.

Deshalb sage ich wieder einmal: Mut ist keine Option. Mut ist eine Notwendigkeit.

Ich bin in zwei Wochen bei der nächsten Großdemo dabei. Diesmal in Connecticut an der Ostküste, wo wir als Familie vor unserem Europa-Trip unseren Sommerurlaub verbringen. Für Alejandro. Für seine Kinder. Und für ein Amerika, das wieder zu dem werden kann, was es vorgibt zu sein:

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Land of the Free. Home of the Brave. Nicht nur am 4. Juli.

Philipp Depiereux ist Unternehmer und Autor und lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern seit knapp drei Jahren in Newport Beach, Kalifornien. Er teilt ab sofort seine Eindrücke aus den USA und Deutschland alle 14 Tage im Handelsblatt Wochenende.

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