Analyse: Warum die Märkte der Fed vertrauen und die EZB ignorieren
In der kommenden Woche muss der Fed-Chef wieder seine Geldpolitik erklären.
Foto: ReutersAn den Märkten zeigt sich ein erstaunliches Phänomen: Die Inflation steigt immer weiter, aber die Investoren kümmert das immer weniger. Im Mai lagen die Verbraucherpreise in den USA um fünf Prozent über dem Vorjahresniveau, wie am Donnerstag veröffentlicht wurde. Trotzdem bleibt gegen Wochenende die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe unter 1,5 Prozent.
Am selben Tag hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Inflationsprognosen leicht angehoben. Trotzdem ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe noch etwas abgerutscht und lag am Freitag dann bei minus 0,27 Prozent.
Warum reagieren die Märkte nicht mehr auf die Inflationszahlen? Darauf gibt es zwei Antworten.
- Sie haben relativ großes Vertrauen, dass die US-Notenbank (Fed) trotz höherer Inflationszahlen die Zügel nur sehr vorsichtig anziehen wird.
- Die EZB hat am Donnerstag wie erwartet nichts beschlossen und keine neuen Signale gegeben. Die Sitzung des EZB-Rats war, jedenfalls von außen betrachtet, ein Nicht-Ereignis. Die leichte Anhebung der Prognosen war auch schon erwartet worden. Außerdem ist die EZB im Vergleich zur Fed ohnehin zweitrangig für die Kapitalmärkte.
Im März war die Situation noch anders. Da spielten Inflationssorgen eine große Rolle an den Märkten. Die Rendite der maßgeblichen US-Papiere durchstieß die Marke von 1,7 Prozent, schien sich schon fast auf zwei Prozent zuzubewegen. Die europäischen Renditen ließen sich vom Aufwärtstrend anstecken.
Heute zeigt sich: Zwar äußern sich prominente Ökonomen immer wieder besorgt, die Fed könne die Inflation zu wenig beachten und eine Überhitzung der US-Konjunktur riskieren. Aber die Anleger interessiert das offenbar immer weniger.