Editorial: Wir haben nicht zu viele Insolvenzen – sondern zu wenige Innovationen

Wir erleben derzeit eine bemerkenswerte Gleichzeitigkeit von Rekorden. Während der Dax in dieser Woche erstmals die Marke von 25.000 Punkten überschritt, meldete das Handelsblatt auf der Titelseite zugleich, dass die Zahl der Unternehmensinsolvenzen 2026 voraussichtlich ein Niveau erreichen wird, wie Deutschland es seit der globalen Finanzkrise nicht mehr erlebt hat.
Die Gleichzeitigkeit dieser Rekorde zeigt das Dilemma der deutschen Wirtschaftspolitik. Denn die eine Zahl verführt zur Selbstberuhigung, die andere zur Überreaktion.
Der Dax-Rekord könnte leicht den Eindruck erwecken, es sei ja doch so schlecht nicht bestellt um die deutsche Wirtschaft. Doch die Kursentwicklung der größten Börsenkonzerne verrät wenig über den wahren Zustand einer Volkswirtschaft. Das gilt vor allem für Deutschland: Die 40 Dax-Unternehmen erwirtschaften mittlerweile rund 80 Prozent ihrer Gewinne im Ausland.
Wie es der Wirtschaft wirklich geht, zeigt das sensibelste Fieberthermometer der Realwirtschaft: die Insolvenzzahlen. Im Jahr 2025 meldeten in Deutschland 471 Unternehmen mit mehr als zehn Millionen Euro Umsatz Insolvenz an – 25 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Doch ebenso falsch, wie es wäre, steigende Börsenkurse unkritisch zu feiern, wäre es, aus den steigenden Insolvenzzahlen vorschnell die falschen politischen Schlüsse zu ziehen.