Kommentar: Berlin verschläft die KI-Revolution

Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.
Foto: Max Brunnert für HandelsblattErinnern Sie sich noch an die Koalition, die sich vorgenommen hatte, eine Fortschrittskoalition zu sein? Die dieses Land modernisieren und ein neues Wirtschaftswunder organisieren wollte? Innovationen, Aufbruch, Zukunft?
An die großen Pläne musste ich in den vergangenen Wochen öfter denken, als ich mit Unternehmerinnen, CEOs oder Vertretern der Finanzindustrie sprach. Sie alle haben gerade natürlich ganz unterschiedliche Themen – Bürokratiekosten, Fachkräftemangel, hohe Strompreise.
Doch irgendwann kommt das Gespräch immer auf Künstliche Intelligenz (KI). Auf die vielen Taskforces, die sich in Unternehmen mit generativen Sprachmodellen beschäftigen, die Risiken von KI für die Geschäftsmodelle, die Effizienzpotenziale. Nicht wenige sprechen von einem technologischen Umbruch, der tiefgreifender sein könnte als einst die industrielle Revolution.
Reist man nach solchen Gesprächen nach Berlin, könnte man denken, es sei nichts passiert. Dort streiten die Ampelpartner mit erstaunlicher Ausdauer über Technologien der Vergangenheit: Verbrennungsmotoren zum Beispiel oder Gasthermen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Hinter alledem stehen große, durchaus auch existenzielle Fragen.
Nur gilt das für den technischen Umbruch, der nun vor uns liegt, umso mehr. Wie gewaltig die Veränderung sein wird, erleben wir gerade in der Wissenschaft. Noch 2009 gab es einen Nobelpreis für das Entschlüsseln eines einzelnen Proteins. 2019 konnte Googles KI-Schmiede Deepmind mit Künstlicher Intelligenz bereits 220 Millionen Proteine entschlüsseln.
Es fehlen Führungsfiguren, die den Wandel erklären können
KI ermöglicht technologische Durchbrüche, die eben noch unvorstellbar waren: hochwirksame Krebsmedikamente, klimaresistentere Pflanzen oder Mikroorganismen, die im großen Stil CO2 absorbieren. Und ja, auch ganze Berufszweige lassen sich mindestens zum Teil automatisieren. KI hilft, Gerichtsurteile zu vergleichen, Röntgenbilder zu analysieren und wissenschaftliche Paper zu schreiben. 40 Prozent der Deutschen glauben laut einer Studie der Beratungsgesellschaft BCG, dass ihr Job von Künstlicher Intelligenz übernommen wird.
So schlimm wird es nicht kommen. Gerade in einer Zeit des Umbruchs bräuchte es aber Führungsfiguren, die den Wandel erklären können. Doch die Zukunft hat in Berlin derzeit keinen Ansprechpartner. Bundeskanzler Olaf Scholz hat sogar die wenigen digitalen Projekte seiner Vorgängerin abgewickelt: den „Digitalrat“, die „Datenstrategie“, und auch von der „KI-Strategie“ ist nichts mehr zu hören.
Dabei müsste Europa die Frage beantworten, welche Rolle dieser Kontinent im erbitterten Wettstreit zwischen den USA und China um die KI-Vorherrschaft spielen will. Denn KI wird so etwas wie das Betriebssystem unseres Alltags sein. Allein schon, weil sie einen jederzeit erreichbaren, digitalen Assistenten möglich machen wird, der unsere Tage plant, E-Mails beantwortet, Nachrichten vorliest und Termine vereinbart. Er wird tief in unseren Alltag eingreifen.
Diese Technologie – und das ist der Kern des Problems – wird vor allem von US-Unternehmen entwickelt, und sie läuft auf Plattformen, die von US-Tech-Riesen betrieben werden. Diese Abhängigkeit könnte man schulterzuckend zur Kenntnis nehmen – wir haben ja Volkswagen, Mercedes und BASF.
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Doch den Fehler hat Europa in den frühen Jahren des Internets schon einmal gemacht: zu glauben, dass technologische Durchbrüche einfach so geschehen.
USA und China bereiten sich mit Milliardenprogrammen vor – und was macht Europa?
Die US-Regierung dagegen hat bereits in den frühen Neunzigerjahren verstanden, welche Bedeutung das Internet einmal haben wird – und sich strategisch darum gekümmert. Der junge US-Präsident Bill Clinton machte 1993 den „Information Superhighway“ zu seinem großen Thema. Heute sind vier der zehn weltweit größten Konzerne amerikanische Digitalkonzerne.
Und gerade hat die US-Regierung mit dem „Chips Act“ ein Milliardenprogramm aufgelegt, um die für Künstliche Intelligenz so wichtige Chipindustrie in den USA zu stärken. Mit ähnlich großen Zielen geht Peking vor: China soll 2025 die führende KI-Nation der Welt sein. Dafür investiert die Volksrepublik Milliarden in Bildung, Forschung und junge Firmen.
Staaten sind nie die besseren Unternehmer. Aber sie können die Grundlagen dafür schaffen, dass Unternehmer große Wetten auf die Zukunft eingehen. Sie brauchen dafür Spitzenforschung, ein modernes Bildungssystem, Tech-Ökosysteme und eine Verwaltung, die Zukunft ermöglicht, anstatt sie zu verhindern.
Um all das könnten sich Berlin und Brüssel jetzt kümmern. Doch dort wird allenfalls etwas lustlos über Regulierung debattiert.
Künstliche Intelligenz wird in unserem Leben eine noch viel wichtigere Rolle spielen, als es das Internet je tat. Sie wird das Verhältnis von Mensch und Maschine verändern, weil wir schon in wenigen Jahren völlig anders mit Computern interagieren werden.
Wir werden mit ihnen sprechen wie mit anderen Menschen, und die für uns relevanten Informationen werden uns künftig über vernetzte Brillen oder sogar Kontaktlinsen angezeigt. Apples Brille Vision Pro zeigt, wie nah diese Vision bereits ist. Reale und virtuelle Welt werden miteinander verschmelzen.
All das wird eine Welle von Innovationen und neuen Geschäftsmodellen ermöglichen, wie wir sie seit vielen Jahren nicht gesehen haben. Es wäre schade, wenn Europa dabei keine Rolle spielt.