Kommentar: Boris Johnson nutzt die Coronamaßnahmen als Ablenkungsmanöver
Der Premier hat das Vertrauen vieler Briten verspielt.
Foto: APDer „Daily Telegraph“ fasste den ganzen Irrsinn in einer Schlagzeile zusammen. „Gehen Sie nicht ins Büro, aber zu Partys“, betitelte die konservative Zeitung ihren Bericht zu den neuen Coronaregeln in England.
Premier Boris Johnson hat am Mittwoch seinen „Plan B“ vorgestellt: Wegen der neuen Omikron-Variante sollen die Engländer nun wieder im Homeoffice arbeiten, bei Besuchen von Großveranstaltungen gilt fortan die 3G-Regel. Ihre Weihnachtsfeiern müssten sie aber nicht absagen, betonte der Regierungschef.
Der Plan ist so halbherzig, dass er die Ausbreitung der neuen Coronavariante wahrscheinlich kaum bremsen wird. Darum ging es Johnson nach Ansicht von politischen Beobachtern auch nicht primär. Vielmehr brauchte er dringend eine Ankündigung, um den Skandal um die Weihnachtsfeier in der Downing Street aus den Schlagzeilen zu verdrängen.
Dafür spricht auch die Tatsache, dass die Coronaregeln ursprünglich erst nächste Woche überprüft werden sollten. Johnson zog sie nun hastig vor – zur großen Überraschung seiner Minister.
Dass Johnson nicht einmal mehr davor zurückschreckt, die Coronamaßnahmen für seine eigenen Zwecke zu instrumentalisieren, zeigt, wie politisch angeschlagen er ist. Die Enthüllung, dass seine Mitarbeiter vor einem Jahr Party machten, während der Rest des Landes im Lockdown saß, hat in der Bevölkerung einen Nerv getroffen.
Johnsons Plan könnte aufgehen
54 Prozent der Briten fordern laut einer Umfrage sogar seinen Rücktritt. Selbst Parteifreunde wenden sich zunehmend von Johnson ab.
Das Kalkül, mit dem Plan B die Kontrolle über die Debatte zurückzugewinnen, könnte aufgehen. Scheinbar entschlossenes Handeln wird in der Pandemie schließlich honoriert. Viele Engländer hören allerdings längst nicht mehr auf das, was ihr Regierungschef sagt. Das wichtigste Kapital in einer Pandemie hat Johnson längst verspielt: Das Vertrauen ist weg.