Kommentar: Das Chaos bei OpenAI spiegelt einen Grundkonflikt im Umgang mit KI wider

Sam Altman ist kurz nach seinem Rauswurf offenbar wieder im Gespräch mit OpenAI.
Foto: Getty Images; Per-Anders PetterssonDas Silicon Valley hat sein nächstes Drama mit großer Tragweite. Ein Führungsstreit beim KI-Unternehmen OpenAI hat die Firma ins Chaos gestürzt. Auf der einen Seite steht der geschasste CEO Sam Altman. Auf der anderen Seite seine internen Kritiker, denen sein Kurs zu weit ging.
Der Konflikt geht aber weit über OpenAI hinaus. Die Firma steht nicht nur an der Spitze der globalen Forschungen rund um Künstliche Intelligenz. Der Streit steht auch für eine fundamentale und bislang ungelöste Frage im Umgang mit der Technik.
Auf der einen Seite stehen Vordenker wie Altman, die an die transformative und positive Kraft von KI glauben. Sie sind davon überzeugt, dass sie in der Lage sein werden, die Risiken der Technik einzudämmen. Und diese Gruppe setzt auf einen ökonomischen Einsatz der Technologie. KI soll Teil der Wirtschaft sein und nicht länger auf Labore von Hochschulen und Forschungseinrichtungen beschränkt sein.
Auf der anderen Seite stehen KI-Vordenker wie Ilya Sutskever. Der Forscher hatte OpenAI zusammen mit Altman gegründet. Er hatte immer die großen Risiken der Technik betont und stand einer frühen Kommerzialisierung der Technik von Altman skeptisch gegenüber. Am Freitag war Sutskever Teil der Gruppe von vier der sechs Mitglieder des Verwaltungsrats von OpenAI, die Altman aus der Firma drängten.
Der Rauswurf von Altman ist ein Wendepunkt in der globalen Debatte um KI. Es ist ein Moment, der die wachsende Spannung zwischen dem Drang nach schneller Innovation und der Notwendigkeit von Verantwortung und Vorsicht veranschaulicht. Es ist kein Konflikt nur bei OpenAI. Es ist ein globaler Konflikt, der über eine einzelne Firma oder ein einzelnes Land hinausgeht.
Altman forderte zwar regelmäßig die Politik auf, den Einsatz von KI stärker zu regulieren. Gleichzeitig war er als Manager jedoch die treibende Kraft, die das globale Wettrennen um die besten KI-Technologien überhaupt erst angestoßen hat. Dabei entschied er sich für einen Kurs, bei dem OpenAI entscheidende Informationen zum Geschäftsgeheimnis erklärte: beispielsweise auf welchen Daten die KI-Modelle trainiert wurden oder wie die Feinjustierung dieser Modelle funktionierte.
Sorge vor ethischen Risiken
Dieser Spagat führt zwangsläufig zu Konflikten. KI ist eine so mächtige Technologie, dass sie unser Leben grundlegend verändern wird. Auf der einen Seite hat KI das Potenzial, viele Probleme zu lösen. Medikamente können schneller entwickelt und damit mehr Krankheiten ‧geheilt werden, lautet eines der Versprechen.
Ein anderes sieht gewaltige Fortschritte im Umweltschutz. Zudem könnte jedes Kind auf der Welt einen KI-Tutor bekommen, der ihm die weltbeste und genau zugeschnittene Bildung verschafft.
Auf der anderen Seite droht der schnelle Ausbau der Technik ethische Grundsätze zu unterlaufen und das Kräfteverhältnis zu verschieben. Es gibt gewaltige Risiken in Bezug auf Datenschutz, die Sicherheit von Arbeitsplätzen und die Verbreitung von Fehlinformationen. Bislang ist es nur einigen wenigen Firmen gelungen, wirklich gute KI-Modelle zu entwickeln. Sie haben eine gewaltige Macht.
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Das gilt vor allem für ein Unternehmen wie OpenAI mit gerade einmal rund 700 Mitarbeitenden. Das Unternehmen ist gerade dabei, für die globale Wirtschaft systemrelevant zu werden.
Ein Führungschaos bei OpenAI ist daher nicht nur eine Querele innerhalb eines Start-ups in San Francisco. Es droht globale wirtschaftliche Schockwellen auszulösen.
Die Balance zwischen Fortschritt und Verantwortung ist entscheidend
Die Entlassung Altmans ist ein Spiegelbild der größeren Debatte um den richtigen Umgang mit KI. Sie symbolisiert die Notwendigkeit eines ausgewogenen Ansatzes, der Innovationen fördert, gleichzeitig aber ethische und soziale Verantwortung nicht aus den Augen verliert. Diese Balance zu finden ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit – eine, die weit über die Grenzen eines einzelnen Unternehmens hinausgeht und das Potenzial hat, die Zukunft der Menschheit maßgeblich zu prägen.
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Es ist richtig, dass sich die Europäische Union um einen verantwortungsvollen Umgang mit KI bemüht. Dabei muss sie einen Weg finden, die Chancen der Technik zu fördern und gleichzeitig die Risiken einzudämmen.
Diesen Spagat muss Brüssel meistern. Und Europa braucht eigene, mächtige Gegenspieler zu OpenAI, damit das nächste Chaos in San Francisco nicht länger die Chefetagen in Berlin und Paris erschüttert, sondern es genug europäische Alternativen gibt.
Erstpublikation: 20.11.2023, 04:28 Uhr.