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Kommentar – Der Chefökonom Der Fachkräftemangel wird zum Wachstumshemmnis Nummer eins

Wegen der alternden Gesellschaft muss sich Deutschland auf weniger Erwerbstätige einstellen. Es braucht eine neue Berechnung der Schuldenbremse.
07.01.2021 - 13:49 Uhr Kommentieren
Vergangenes Jahr lag die Zins-Steuer-Quote des Bundes bei etwa 3,6 Prozent. Quelle: dpa
Schuldenuhr am Gebäude des Bundes der Steuerzahler in Berlin

Vergangenes Jahr lag die Zins-Steuer-Quote des Bundes bei etwa 3,6 Prozent.

(Foto: dpa)

„Aufwärtstrend am Arbeitsmarkt nach 14 Jahren beendet“, betitelte das Statistische Bundesamt seine erste Pressemittelung des neuen Jahres. Der Grund: Die Anzahl der Erwerbstätigen lag im abgelaufenen Jahr um 477.000 Personen oder 1,1 Prozent unter der des Jahres 2019. Gleichzeitig waren, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Dienstag mitteilte, im vergangenen Jahr im Durchschnitt knapp 2,7 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet und damit 429.000 mehr als im Vorjahr.

Diese beiden Zahlen sind unschön, doch angesichts eines Konjunktureinbruchs von über fünf Prozent im Jahr 2020 kann man diese Arbeitsmarktfolgen als „glimpflich“ bezeichnen. Viele andere EU-Staaten wären über solche Werte froh. Insbesondere in den stark vom Tourismus abhängigen Volkswirtschaften Südeuropas gerieten die Arbeitsmärkte massiv unter Druck.

So beziffert die EU-Kommission die international vergleichbare Arbeitslosenquote für Deutschland auf 4,5 Prozent; in Spanien ist sie mit 16,2 Prozent nahezu viermal so hoch.

Die deutsche Politik hat viel Geld aufgeboten, um die von der Pandemie getroffene Wirtschaft zu unterstützen und möglichst viele Unternehmen vor dem Konkurs zu bewahren. Zudem löste die BA ihre hohen Rücklagen auf, um mit Kurzarbeitergeld Millionen Beschäftigte vor der Entlassung zu bewahren.

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    Nach Ifo-Schätzungen waren zum Jahreswechsel noch immer knapp zwei Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit – und damit rund 600.000 Personen mehr als auf dem Höhepunkt der Rezession im Frühjahr 2009.

    Der noch wichtigere Grund dafür, dass trotz des schweren Konjunktureinbruchs vergleichsweise wenig Menschen arbeitslos wurden, dürfte jedoch die Weitsicht vieler insbesondere inhabergeführter mittelständischer Unternehmen sein. Zum einen fühlen sich die meisten von ihnen für ihre Belegschaften verantwortlich. Zum anderen gibt es institutionelle und betriebswirtschaftliche Gründe dafür, dass die angelsächsische „Hire-and-fire“-Mentalität in Deutschland wenig verbreitet ist, und das gilt auch für die Töchter von US-Konzernen.

    Die Beschäftigten in Deutschland gelten durchweg als gut qualifiziert, und in vielen Segmenten herrscht bereits oder droht zumindest Fachkräftemangel. Gerade viele Mittelständler sind daher froh, bewährte und eingearbeitete Mitarbeiter zu haben. Zudem macht der Kündigungsschutz in Deutschland Entlassungen recht teuer. Unternehmenslenker, die erwarten, dass ihr Geschäftsmodell nach dem Ende der Pandemie wieder funktioniert, sind daher gut beraten, ihr Personal zu halten.

    Handelsblatt: Prof. Bert Rürup
    Der Autor

    Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zur Arbeit von Professor Rürup und seinem Team finden Sie unter research.handelsblatt.com.

    Denn bereits in wenigen Jahren setzt in Deutschland ein massiver Alterungsschub ein, der alle Teile der Gesellschaft und damit nicht zuletzt die Wirtschaft treffen wird. In einigen Jahren werden die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge sukzessive in den Ruhestand wechseln und müssen durch deutlich schwächer besetzte Kohorten ersetzt werden.

    Bislang konnten Zuwanderung sowie die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren die in der niedrigen Geburtenrate angelegte schleichende Alterung kompensieren. Doch sehr bald wird dieses Reservoir ausgereizt sein und das Erwerbspersonenpotenzial zu schrumpfen beginnen.

    Derzeit hat Deutschland gut 83 Millionen Einwohner, von denen nach jüngsten Daten 47,3 Millionen potenzielle Erwerbspersonen sind, also Menschen, die erwerbstätig, erwerbslos oder Teil der „stillen Reserve“ sind.

    Da die Menschen, die 2035 zum Erwerbspersonenpotenzial zählen werden, bereits geboren sind und zudem relativ wenige der heute unter 60-Jähringen in den kommenden 15 Jahren sterben werden, sind die Folgen der Alterung auf das Erwerbspotenzial recht präzise abschätzbar: Ohne Zuwanderung und ohne Mobilisierung der stillen Reserve sinkt das Erwerbspersonenpotenzial bis 2035 um 7,5 Millionen Menschen oder 16 Prozent, schätzt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

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    Migration kann diesen Rückgang abschwächen, aber nicht stoppen. Unterstellt man eine jährliche Nettozuwanderung von 200.000 Personen, würde das Erwerbspotenzial bis 2035 dennoch um etwa sechs Prozent zurückgehen. Selbst wenn jedes Jahr die Nettozuwanderung bei 400.000 Personen läge, würde der Rückgang noch 1,5 Prozent betragen. Die von manchen Ökonomen geforderte Verlängerung der Lebensarbeitszeit wäre ein wirksames Instrument, diesem Trend zu begegnen.

    Da aber bereits heute das mittlere Alter der Wahlberechtigten fast bei 54 Jahren liegt, käme es für jede nach Regierungsverantwortung strebende Partei einem politischen Selbstmord gleich, sich diese Forderung ins Wahlprogramm zu schreiben. Damit ist klar: Deutschland muss sich auf ein sinkendes Arbeitsangebot einstellen.

    Das wird gravierende Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft haben. Ein nennenswertes reales Wirtschaftswachstum ist bei spürbar sinkendem Arbeitsangebot kaum realistisch, denn das Produktivitätswachstum ist seit vielen Jahren trotz Automatisierung und Digitalisierung sehr bescheiden.

    Ohne Wirtschaftswachstum kann jedoch der Wohlstand kaum noch steigen. Für neue soziale Wohltaten wie in der zurückliegenden Dekade wird es keinen Spielraum mehr geben, zumal die wachsenden Kosten der Alterung ohnehin durch Steuer- oder Beitragserhöhungen finanziert werden müssen.

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    Ein Patentrezept gegen die Folgen der Alterung gibt es nicht. Aber es gibt eine Reihe von Stellschrauben, die nachjustiert gehören. Die Unternehmen müssten sicherstellen, dass ihre Beschäftigten regelmäßig fortgebildet werden, damit diese den Anforderungen einer zunehmend digital werdenden Arbeitswelt gerecht werden können.

    Originäre Aufgabe des Staates ist es, Kindern und Jugendlichen in den Schulen mit zeitgemäßen Methoden die zukunftsrelevanten Inhalte zu vermitteln und die Anzahl der Schulabbrecher weiter zu drücken. Zudem wären neue Anreize zu setzen, damit mehr Personen freiwillig über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus erwerbstätig bleiben.

    Nicht minder wichtig ist das Folgende: Die nächste Bundesregierung sollte prüfen, ob die zurzeit ausgesetzte Schuldenbremse nach Überwindung der Corona-Rezession wieder scharf gestellt und die strukturellen Defizite des Bundes auf 0,35 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt und die der Länder auf null begrenzt werden sollten.

    Klare Regeln der staatlichen Kreditaufnahme sind zweifellos wichtig, um die jederzeitige Kreditwürdigkeit des Staates und damit die Resilienz der Staatsfinanzen zu sichern. Allerdings hängen Kreditwürdigkeit und Resilienz nicht von der Höhe des Defizits in Relation zur Wirtschaftsleistung oder zum Schuldenstand ab, sondern vorrangig von der Höhe der Zinsverpflichtungen in Relation zum Steueraufkommen. Vergangenes Jahr lag die Zins-Steuer-Quote des Bundes bei etwa 3,6 Prozent – vor allem als Folge der sehr niedrigen Zinsen.

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    Daher wäre es weit klüger, die Obergrenze der Staatsverschuldung – zumindest für den Bund – nicht wie bisher an einem Prozentsatz im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung festzumachen, sondern an einem Anteil seiner Zinsverpflichtungen in Relation zu dem ihm zustehenden Steueraufkommen – zum Beispiel zehn Prozent.

    Diese neue Schuldenbremse würde damit in unmittelbarer Beziehung zum finanzpolitischen Handlungsspielraum stehen. Zudem könnte die Niedrigzinsphase genutzt werden, um mit staatlichen Investitionen und der damit verbundenen Modernisierung des staatlichen Kapitalstocks die Wachstumsperspektiven zu verbessern.

    Mehr: Der Historiker Niall Ferguson prophezeit nach dem Ende der Pandemie 2021 einen wirtschaftlichen Boom – und warnt vor Inflation und Schuldenbergen

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