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Kommentar Die vergessene Wärmewende

Während der Anteil Erneuerbarer am Strom steigt und die E-Mobilität endlich Fahrt aufnimmt, wird der Wärmesektor immer noch wie das Stiefkind der Energiewende behandelt. 
13.08.2020 - 08:12 Uhr 1 Kommentar
Im Müllheizkraftwerk Rothensee in Magdeburg wird aus Abfall Strom und Wärme.  Quelle: dpa
Müllheizkraftwerk

Im Müllheizkraftwerk Rothensee in Magdeburg wird aus Abfall Strom und Wärme. 

(Foto: dpa)

Düsseldorf Wenn es um die Energiewende geht, lobt Deutschland sich gern als Vorreiter. Und das sind wir auch, wenn der Umstieg von fossilen zu erneuerbaren Energien daran gemessen wird, wie viel grüner Strom durch die Netze fließt. Im ersten Halbjahr 2020 waren das laut dem Fraunhofer-Institut immerhin schon 55 Prozent. Schade nur, dass noch mehr zur Energiewende gehört als Strom. 

Knapp über die Hälfte der in Deutschland verbrauchten Energie wird nämlich für die Erzeugung von Wärme und Kälte verwendet. Sei es für Heizungen, Kühlschränke, Warmwasser, Prozesswärme oder Klimaanlagen. Und die benötigte Energie dafür wird auch heute noch zu fast 85 Prozent aus Kohle, Öl und Gas gewonnen. Nur 14,5 Prozent stammten 2019 aus erneuerbaren Quellen. In den vergangenen sieben Jahren ist das gerade einmal eine Steigerung um 0,4 Prozentpunkte.

Schlechter schneidet nur der Verkehrssektor als der größte Energiefresser ab. Hier hat sich der Anteil der erneuerbaren Energien seit 2011 sogar um 0,2 Prozentpunkte reduziert. Seit der Diesel-Affäre und Diskussionen über Abgase, Umweltauflagen und Emissionsziele kommt mit dem Ausbau der Elektromobilität aber immerhin Bewegung in diesen Bereich. 

Der Wärmesektor indes wird von der Politik immer noch wie das ungeliebte Stiefkind in Sachen Energiewende behandelt. Mit einem halb garen Gesetz zur Gebäudeenergie versucht die Bundesregierung, Kritiker zu besänftigen und fasst dabei am Ende doch lediglich mehrere bereits bestehende Gesetze zusammen.

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    Sie setzt auf Effizienz statt den Komplettumstieg auf erneuerbare Energiequellen. Von Energiewende kann hier keine Rede sein. In den meisten deutschen Haushalten prägen immer noch Öl- und Gasheizungen die Wärmeerzeugung. Der Wärmeverbrauch von Wohngebäuden ist 2019 im dritten Jahr hintereinander gestiegen. 

    Von 2026 an ist der Einbau neuer Ölheizungen zwar verboten, aber nur „in Gebäuden, in denen eine klimafreundlichere Wärmeerzeugung möglich ist“. Das heißt, wenn in einem Gebäude kein Anschluss an ein Gasversorgungs- oder Fernwärmenetz hergestellt werden kann, greift das Verbot nicht. Bei den strombetriebenen Wärmepumpen, die als alternative Heizung die fossile Konkurrenz nach und nach ablösen sollen, geht es derweil langsamer voran als geplant. 

    Zwischen fünf und sechs Millionen Umstellungen auf diese Wärmelösungen braucht es laut Experten bis 2030, wenn die Klimaziele erreicht werden sollen. Zwar werden immer mehr Wärmepumpen installiert, 2018 waren es aber nur 84.000. Das reicht nicht. 

    Die energetische Renovierung alter Gebäude ist ein weiterer unabdingbarer Baustein, wenn es um die Energiewende geht. Aber auch hier passiert zu wenig. Ein fatales Signal, wenn man bedenkt, dass etwa 35 Prozent des gesamten deutschen Energieverbrauchs auf die rund 20 Millionen Gebäude hierzulande entfallen. 

    Laut einer Studie der Deutschen Energieagentur (dena) müssten seit 2015 jedes Jahr 1,4 Prozent der älteren Gebäude saniert werden. Bis jetzt ist es allerdings nur rund ein Prozent der Gebäude pro Jahr, die mit Blick auf Energieeffizienz überholt werden. Dabei gibt es bei etwa 63 Prozent der Wohngebäude in Deutschland, die vor 1979 errichtet wurden, besonders viel Effizienzpotenzial: Sie verbrauchen bis zu fünfmal mehr Energie als nach 2001 errichtete Neubauten. 

    Die für unzählige Prozesse in der Industrie benötigte Wärme stammt ebenfalls fast ausschließlich aus fossilen Energiequellen. Dabei macht sie den aktuellsten Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums von 2017 zufolge 22 Prozent am Endenergieverbrauch aus. 

    Zu teuer, zu kompliziert, zu kleinteilig heißt es immer wieder über die verpasste Wärmewende. Und immer wieder wird das Thema mit kleinen Vorzeigeprojekten oder nicht ausgereiften Gesetzesänderungen in die Zukunft geschoben. Wenn der Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtenergieverbrauch in Deutschland bis 2030 allerdings auf 30 Prozent ansteigen soll, muss im Wärmesektor einiges passieren. Und zwar jetzt. 

    Es braucht mehr und bessere Anreizsysteme, Ausbauziele und Fördermaßnahmen, die den Einbau von Wärmepumpen, Solarthermie, Biomasse und Geothermie beschleunigen und die Sanierung alter Gebäude vorantreiben. 

    Dazu gehört ein schnellerer und ambitionierterer Start einer Bepreisung des Kohlendioxidausstoßes. Ein geplanter CO2-Preis nutzt wenig, wenn er erst 2025 in einer nennenswerten Höhe eingeführt wird. In den fünf Jahren zwischen 2025 und 2030, wenn die Klimaziele erreicht sein sollen, ist nicht aufzuholen, was in den vergangenen zwanzig Jahren ignoriert wurde.

    Zu lange hat sich Deutschland in Sachen Energiewende auf die Stromerzeugung konzentriert und darüber andere wichtige Bereiche vergessen. Wenn Deutschland die Wärmewende nicht bald in Angriff nimmt, hat das Land keine Chance, seine Klimaziele auch nur annähernd zu erreichen. 

    Mehr: Die Prozesswärme frisst hierzulande fast ein Viertel der gesamten Energie und speist sich immer noch aus fossilen Quellen. Jetzt kommt langsam Bewegung in den Markt.

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    1 Kommentar zu "Kommentar: Die vergessene Wärmewende"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • "Die energetische Renovierung alter Gebäude ist ein weiterer unabdingbarer Baustein, wenn es um die Energiewende geht. Aber auch hier passiert zu wenig".
      Und was sollte, ja muß hier passieren? Es müssen endlich wirtschaftliche Anreize geschaffen werden - seit vielen Jahren drückt sich die Politik darum! Nur das ist der Grund für eine geringe Renovierungsquote! Was zu tun ist, ist sattsam bekannt - es handelt sich hier nicht um eine Erkenntnislücke. Sondern um "Berufspolitiker-Mikado" ...

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