Kommentar: Ein fixer KI-Tag pro Woche bleibt ein ferner Traum

Das Steuer-Start-up Taxfix hat für seine 400 Mitarbeitenden einen festen KI-Tag eingeführt. Einmal pro Woche kommen sie zusammen, um neue Tools auszuprobieren, Automatisierungen zu testen oder eigene KI-Agenten zu entwickeln. Für Firmenchef Martin Ott sind diese Fähigkeiten so zentral, dass Fortschritte sogar in den Leistungsbewertungen festgehalten werden.
Damit geht Taxfix – zugegeben ein Start-up, das sich bewusst in Richtung KI-Unternehmen entwickeln will – deutlich weiter als der Großteil der deutschen Wirtschaft. Dort beschränkt sich Weiterbildung oft auf Pflichtschulungen: Halbstündige Videos zu Daten- und Arbeitsschutz anschauen, ein paar Fragen beantworten – fertig. Hauptsache, die Trainings sind pünktlich vor Jahresende erledigt, notfalls mit Unterstützung von ChatGPT.
Kopfschütteln und Bürokratie
Wer darüber hinaus zusätzliche Qualifikationen erwerben möchte, muss sich selbst darum kümmern – und dafür auch noch Zeit finden. Eigeninitiative ist gefragt, doch aus Kosten- und Aufwandsgründen führt sie nur selten zu einem festen Weiterbildungstag pro Woche. Wer so etwas fordert, erntet meist Kopfschütteln und muss erst neue bürokratische Hürden nehmen. Die Umsetzung einer solchen Idee wird oft durch Einwände der üblichen Bedenkenträger im eigenen Unternehmen ausgebremst.
Dabei muss es ja kein ganzer Tag pro Woche sein. Aber dieser häufig praktizierte Umgang mit Weiterbildung – zu teuer, zu ineffektiv – steht nicht im Einklang mit den Zielen der Nationalen Weiterbildungsstrategie (NKS), die vor sechs Jahren vom Bundesarbeitsministerium beschlossen wurde. Ihr Anspruch: Weiterbildung als festen Bestandteil beruflicher und unternehmerischer Entwicklung zu verankern und in Deutschland eine gemeinsame Weiterbildungskultur zu etablieren.
Auf der Nationalen Weiterbildungskonferenz am Donnerstag in Berlin soll der Strategie nun neues Leben eingehaucht werden. OECD-Generalsekretär Mathias Cormann spricht zwar über die Rolle der Weiterbildung angesichts globaler Herausforderungen – doch das Wort Künstliche Intelligenz (KI) taucht im Programm nicht auf. Dabei ist längst offensichtlich, welchen Einfluss KI auf den Arbeitsalltag und auf Weiterbildungen hat und wie wichtig es ist, dass Fähigkeiten wie Prompting in der Belegschaft weit verbreitet sind.
Der feste KI-Tag bei Taxfix lässt sich vielleicht nur schwer auf andere Unternehmen übertragen. Damit er aber kein ferner Traum bleibt, kann er zunächst als Inspiration dienen, Weiterbildung kreativer zu gestalten und Mitarbeitenden mehr Raum zu geben, gemeinsam neue Fähigkeiten zu entwickeln. Jenseits von Pflichtschulungen in Videoform zu DSGVO, Arbeitssicherheit oder KI, die – wie in meinem Fall – noch bis Jahresende abgearbeitet werden müssen.