Gastkommentar: Wir müssen Arbeitslosigkeit verhindern, bevor sie entsteht
Unsere Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland verändern sich rasant: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz durchdringen mehr und mehr Alltag und Arbeit. Deutschland ist eine Einwanderungsgesellschaft. Integration durch Arbeit ist eine Chance, und sie geht mit Herausforderungen im Bildungssystem einher.
Der demografische Wandel wird immer stärker bemerkbar: Während in einzelnen Branchen wie der Automobilindustrie Stellen verloren gehen, werden in anderen, zum Beispiel im Gesundheitssektor oder im Handwerk, händeringend Fachkräfte gesucht.
Berufliche Mobilität und lebensbegleitendes Lernen werden vor diesem Hintergrund immer wichtiger, um gut durch den Wandel der Arbeitswelt zu kommen. Wer sich weiterbildet, gestaltet mit. Wer Neues lernt, verliert die Angst vor Veränderung. Wer Chancen bekommt, bleibt Teil des Fortschritts.
Kurzum: Weiterbildung stärkt nicht nur jede und jeden Einzelnen, sondern auch Integration, die Wirtschaft und so unsere Demokratie als Ganzes.
Mit der Nationalen Weiterbildungsstrategie haben Bund, Länder, Sozialpartner, Kammern und die Bundesagentur für Arbeit seit 2019 eine tragfähige Basis geschaffen, die beständig weiterentwickelt wird. Gemeinsam werden wir in dieser Legislaturperiode neue Impulse geben, um Weiterbildung noch transparenter, zugänglicher und wirksamer zu gestalten. Dazu starten wir jetzt die Weiterbildungsoffensive 2030.
Unser Ziel ist ehrgeizig: Bis 2030 soll der Prozentsatz der Erwachsenen, die sich an Weiterbildungen beteiligen, auf 65 Prozent steigen – elf Prozentpunkte mehr als heute. Damit wollen wir zu den nordischen Ländern wie etwa Schweden und Finnland aufschließen, die hohe Weiterbildungsbeteiligungen erreichen.
90 Prozent der Weiterbildungen dauern nur wenige Tage
Doch mit mehr Weiterbildung alleine ist es nicht getan, wir müssen auch andere Zielgruppen erreichen. Noch immer zeigt sich ein eklatantes Ungleichgewicht: Menschen mit akademischem Abschluss nehmen mehr als doppelt so häufig an betrieblichen Weiterbildungen teil als Beschäftigte ohne Berufsabschluss.
Fast drei Millionen junge Erwachsene zwischen 20 und 34 Jahren haben keine berufliche Erstausbildung. Wer keinen Abschluss hat, ist rund sechsmal häufiger arbeitslos.
Diese Bildungs- und Chancenlücke ist nicht nur ein gesellschaftliches und soziales Problem, sondern auch ein wirtschaftliches Risiko. In einer Wirtschaft, die sich rasant wandelt, kann kein Betrieb, keine Region und keine Branche dauerhaft auf Potenziale verzichten.
Weiterbildung muss deswegen auch dort ankommen, wo sie bisher zu wenig stattfindet: bei Menschen mit niedriger Qualifikation oder fehlender Grundbildung, bei Zugewanderten, bei in Teilzeit beschäftigten Frauen, in kleinen Betrieben und im ländlichen Raum.
Gerade die Unternehmen stehen in der Verantwortung. Zwar investieren viele bereits in Weiterbildung – was wir sehr begrüßen –, doch häufig beschränken sich die Maßnahmen auf kurze Fortbildungen: 90 Prozent dauern höchstens wenige Tage.
Das allein reicht nicht, um neue Tätigkeiten und Berufsfelder zu erschließen. Wir appellieren daher an die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber: Gestalten Sie den Wandel vorausschauend, und investieren Sie gezielt in die Qualifizierung Ihrer Beschäftigten.
Gelder aus dem Sondervermögen für neue Angebote
Doch auch wir sehen uns in der Pflicht. Unsere Ministerien fördern Nachqualifizierung, berufsabschlussorientierte Teilqualifikationen, Grundbildung und berufliche Lernwege. Diese unterstützen wir durch betriebsbezogene Weiterbildungsmentoren und regionale Netzwerke wie Weiterbildungsagenturen.
Die Weiterbildungsförderung für Beschäftigte durch die Bundesagentur für Arbeit wurde in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut. Damit wurde ein Paradigmenwechsel hin zu einer befähigenden und vorausschauenden Arbeitsmarktpolitik eingeleitet. Diesen Weg setzen wir in der Bundesregierung mit der Stärkung der Weiterbildungsberatung fort.
Wir wollen Arbeitslosigkeit verhindern, bevor sie entsteht. Wir planen daher, Mittel aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität in die Weitentwicklung des Nationalen Onlineportals für berufliche Weiterbildung „mein NOW“ zu investieren. Das Weiterbildungssystem wird transparenter, und digitale Zugänge zu Weiterbildungsangeboten sowie Förder- und Beratungsmöglichkeiten bauen wir aus.
Gleichzeitig müssen wir das Thema Weiterbildung noch stärker in gesellschaftspolitische Debatten bringen. Es braucht Orientierung und Vorbilder. Aus diesem Grund richten wir am 27. November 2025 die Nationale Weiterbildungskonferenz aus und bringen zahlreiche Akteure aus Weiterbildungspolitik, Wissenschaft und Praxis für Austausch, Vernetzung und Debatte in Berlin zusammen. Es gibt viel zu diskutieren und viel zu tun.
Die Autorinnen:
Bärbel Bas ist Bundesministerin für Arbeit und Soziales.
Karin Prien ist Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.