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Kommentar Einigung in der Chemiebranche: Innovative Tarifpolitik muss man sich leisten können

Der Chemie-Tarifabschluss ist fortschrittlich, hat aber nur begrenzte Signalwirkung. Denn Beschäftigte in anderen Branchen können sich Abstriche beim Lohnplus kaum leisten.
22.11.2019 - 19:10 Uhr Kommentieren
Der tarifliche Durchschnittsverdienst in der Chemiebranche liegt bei 62.000 Euro im Jahr. Quelle: dpa
Bayer-Werk in Leverkusen

Der tarifliche Durchschnittsverdienst in der Chemiebranche liegt bei 62.000 Euro im Jahr.

(Foto: dpa)

Die Chemie-Tarifparteien haben überraschend schnell einen Abschluss hingelegt. Innovativ, gesellschaftlich relevant und betont geräuschlos – so, wie man das aus der Branche seit Jahrzehnten gewohnt ist.

Anders als in der Metallindustrie, wo der Streik zum Tarifritual gehört, zeigen Arbeitgeber und Gewerkschaft hier immer wieder, dass gelebte Sozialpartnerschaft auch ohne Krawall gute Lösungen bringen kann.

Das war zum Auftakt der Verhandlungen keinesfalls selbstverständlich, ist die Chemierunde doch die erste seit Jahren, die in einen wirtschaftlichen Abschwung fällt. Und das Geld sitzt nun mal weniger locker, wenn Produktion und Umsatz in den Keller rauschen.

Trotzdem ist es gelungen, mit der Wahloption Geld oder Zeit den Bedürfnissen der Beschäftigten gerecht zu werden und mit der ersten tariflichen Pflegezusatzversicherung auf Bundesebene ein zentrales Thema zu adressieren, um das die Politik sich noch weitgehend herumdrückt.

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    Sicher wird es auch Enttäuschungen geben. Die Chemie-Mitarbeiter werden irgendwann realisieren, dass die Option, sich ein paar zusätzliche freie Tage zu gönnen, nicht für jeden automatisch gilt. Aber die Kunst des Tarifkompromisses liegt eben darin, den Beschäftigten entgegenzukommen, ohne die Unternehmen zu überfordern.

    Es ist deshalb vernünftig, die Entscheidung über die Frage, wie weit die Wahloption zwischen Geld und Freizeit reichen darf, in die Hände der jeweiligen Betriebsparteien zu legen. Auch an einen Überforderungsschutz für Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten haben Arbeitgeber und Gewerkschaften gedacht. Und auch die lange Laufzeit gibt Planungssicherheit in konjunkturell unsicheren Zeiten.

    Die Chemiebranche kann aber auch deshalb besonders innovativ sein, weil es ihr lange sehr gut ging und trotz der ersten Alarmzeichen auch noch sehr gut geht. Tarifbeschäftigte verdienen im Durchschnitt 62.000 Euro pro Jahr.

    Da fällt es leicht, für zusätzliche freie Tage oder die Absicherung des Pflegerisikos ein paar Abstriche beim Lohnplus hinzunehmen. Viele Beschäftigte in Niedriglohnbranchen, die mit ihrem Monatsverdienst so eben über die Runden kommen, können sich diesen Luxus nicht leisten.

    Für eine starke Industriebranche kann sich der Chemie-Abschluss sehen lassen. Darüber hinaus ist seine Signalwirkung aber begrenzt. Und doch lohnt es sich, wenn die Tarifparteien immer wieder aufs Neue gemeinsam Antworten auf gesellschaftliche Fragen wie die Alterung der Bevölkerung suchen. Denn wo immer Arbeitgeber und Gewerkschaften eine Lösung finden, kann sich der Gesetzgeber die Arbeit sparen.

    Mehr: Zeit ist das neue Geld – so sieht der Tarifabschluss in der Chemiebranche aus.

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