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KommentarKinderarmut nicht entschieden zu bekämpfen, ist ökonomisch dumm

Die hohe Kinderarmut ist ein Strukturproblem des deutschen Sozialstaats. Dabei hat die Politik in der Coronakrise bewiesen, dass sie helfen kann – wenn sie will.Barbara Gillmann 22.07.2020 - 16:59 Uhr

„Es geht um ein Strukturproblem des deutschen Sozialstaats.“

Foto: dpa

Im reichen Deutschland wachsen rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche in Armut auf. Mehr als jeder fünfte Minderjährige wird also massiv in seiner Entwicklung eingeschränkt und herabgewürdigt. Dass Corona den Skandal noch verschärft, ist keine Überraschung, aber Anlass, endlich etwas zu ändern.

Es geht um ein Strukturproblem des deutschen Sozialstaats. Die Kinderarmut verletzt die für einen freiheitlichen Sozialstaat unverzichtbare Chancengerechtigkeit massiv und bildet einen Sprengsatz für die Zukunft – ökonomisch und sozial.

Die Dimension ist lange bekannt. Zuletzt hat sie sich nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung sogar noch erhöht – trotz eines Jahrzehnts permanenten Wachstums. Als arm gilt, wer entweder Hartz IV bezieht oder über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Das sind für einen Erwachsenen aktuell etwas mehr als 1100 Euro im Monat. Taschengeld, Urlaub, selbst Kino- oder Zoo sind bei solchen Familien nicht drin.

Das ist nicht nur unglaublich unsozial und eines Wohlfahrtsstaats unwürdig, sondern politisch wie ökonomisch dumm. Denn wer arm aufwächst, lernt gerade in Deutschland weit weniger in der Schule wie Bessergestellte, bringt es anschließend beruflich nicht so weit, ist häufiger arbeitslos und krank – kurz: trägt weniger zur Gesellschaft bei oder kostet sie mehr.

Abhilfe müssen vor allem Finanzhilfen an die Eltern schaffen – die im Fall von Kinderarmut in jedem zweiten Fall alleinerziehend sind. Ob man das am besten über Grundsicherung, Teilhabegeld, höheres Hartz IV oder mehr Kindergeld organisiert, müssen Sozialpolitiker entscheiden. Das Vorurteil jedoch, das Geld komme nicht bei den Kindern an, kann im Einzelfall zutreffen, in der Breite lässt es sich aber empirisch nicht belegen und dient daher nur zu oft als Ausrede für politische Untätigkeit.

Daneben gibt es in der Bildungspolitik diverse Hebel: Wer zu Hause nicht ordentlich versorgt wird, muss in Kita und Schule kostenloses Essen bekommen. Wer keinen Laptop oder kein ruhiges Zimmer hat, braucht Leihgeräte und gute Ganztagsschulen, Zugang zu Sport und Musik inklusive.

Möglichkeiten gibt es genug. Die Politik hat bewiesen, dass sie in der Corona-Not sehr schnell sehr viel Hilfe organisieren kann – wenn sie will. Diese Hilfe brauchen nun auch endlich die fast drei Millionen ärmsten Kinder und Jugendlichen im Land.

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