Kommentar: Nvidia – der Wahnsinn der Börse hat Methode

An Superlative haben wir uns inzwischen gewöhnt bei Nvidia. Jetzt ist der Chiphersteller mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 3,3 Billionen Dollar auch noch das wertvollste Unternehmen der Welt. Das Unternehmen mit dem schwer lesbaren Namen, das vor einigen Jahren noch die wenigsten wirklich kannten, verdrängte Tech-Giganten wie Apple oder Microsoft. Das könnte man als Spekulation oder Hype abtun.
Aber dahinter steckt mehr als Wall-Street-Zauberei. Die erstaunliche Börsenentwicklung zeigt, was die meisten Menschen mittlerweile intuitiv erahnen: Künstliche Intelligenz wird unser Leben ähnlich verändern wie die Elektrizität, der PC oder das Internet.
Der Aufstieg folgt dem bekannten Muster vieler Wirtschaftsbooms: Nicht die Goldwäscher, sondern die Hersteller von Sieben oder Schaufeln werden richtig reich. So war General Electric bei der Elektrifizierung der Keyplayer. Microsoft und Intel dominierten den PC-Boom. Cisco stattete uns während des Internetbooms mit Routern und Netzwerktechnik aus.
Mit seinen Grafikprozessoren ist Nvidia jetzt ein unverzichtbarer KI-Ausrüster.
Seine Expertise baute das kalifornische Unternehmen über viele Jahrzehnte auf. Glück spielte dabei eine nicht geringe Rolle. Denn zunächst entwickelte Nvidia in den Neunzigerjahren seine „Graphic Processor Units“ (GPUs) für die boomende Branche der Videospiele. Beim Gaming ist ein großer Rechenaufwand mit vergleichsweise geringer Rechentiefe in kürzester Zeit nötig.
Mehr als zwei Jahrzehnte später stellt sich heraus, dass sich die gleichen Eigenschaften für das Erstellen und Trainieren von KI-Sprachmodellen eignen. Chef und Gründer Jensen Huang ist es hoch anzurechnen, dass er nicht nur über die Jahre bei der Technologie geblieben ist, sondern ihr Potenzial für KI auch früh erkannte.
Wie groß der Vorsprung des US-Unternehmen ist, darüber lässt sich im Detail streiten. Aber dass es zumindest viele Jahre sind, ist bei Experten unumstritten. Sicherlich versuchen Unternehmen wie AMD, Google oder Microsoft jetzt, ähnlich gute GPUs herzustellen. Aber das ist nicht so einfach, denn das technische Biotop von Super-Speicherchips und Firmware, also der Software, die die Chips steuern, beherrscht Nvidia so gut wie kein anderer.
Das Wettrennen um die KI ist im vollen Gange
Den entscheidenden Wettbewerbsvorteil kann Nvidia in diesen Zeiten perfekt nutzen. Das Wettrennen um die beste KI ist im vollen Gange, es geht um Zukunftsmärkte, die sich OpenAI, Deepmind oder Anthropic sichern wollen. Sie brauchen Datenzentren und Server, um ihre KI-Modelle immer genauer, intelligenter und damit kostbarer zu machen. Und zwar so schnell wie möglich.
Die Kosten für die KI-Infrastruktur belaufen sich auf Hunderte Milliarden Dollar – Gelder, die ihre Partner oder Mutterkonzerne wie Microsoft, Google oder Amazon aufbringen. Viel davon fließt in die Kassen von Nvidia. Deren neuester Chip Blackwell kostet bis zu 40.000 Dollar das Stück. Das mag viel erscheinen. Geht es aber um die Vorherrschaft in einer Schlüsseltechnologie, relativiert sich diese Summe.
Und das ist der Punkt: KI ist kein Hype, kein herbeigeredetes Metaverse oder eine überschätzte Blockchain. KI wird unser Leben so stark verändern wie einst die Elektrizität. Es ist eine Basisinnovation, die neue Anwendungen ermöglicht, die wir heute nicht einmal erahnen können. Wir leben derzeit wie die Menschen um 1890, als Thomas Edison die erste Glühbirne zum Erleuchten brachte – aber elektrische Maschinen erst viele Jahre später bei Ford und dem Fließband auftauchten.
Die Kosten für Intelligenz fallen auf den Nullpunkt
So, wie sich heute keiner die KI-Märkte der Zukunft in ihrem Ausmaß vorstellen kann, so muss es IBM in den Achtzigerjahren gegangen sein, als es die Softwarerechte für PCs leichtfertig an Microsoft vergab. Die Fehlentscheidung lässt sich gut am Verlauf der Aktienkurse beider Unternehmen in der Vergangenheit ablesen.
KI verändert unser Verhältnis zu Informationen genauso wie zuvor das Internet oder das Smartphone. KI ist ein radikaler Einschnitt in die Arbeitswelt, und KI verändert unsere sozialen Beziehungen. Wir betreten ein neues Zeitalter, in dem Intelligenz und Eloquenz für wenig Geld zu haben sind. Das will uns die Börsenbewertung von Nvidia sagen: KI ist kein Hype. Und: Niemand weiß, wer die Amazons oder Googles der Zukunft sein werden. Klar ist: Ausrüster wie Nvidia profitieren.
Kostolanys Hund und die Technologie
Nvidias Aktienkurs verhält sich wie der Hund bei Börsenlegende André Kostolany: Mal läuft er vor dem Spaziergänger, mal hinterher. Diese Beziehung verglich Kostolany mit dem Verhältnis von Wirtschaft und Börse. Der Mensch geht gleichmäßig und zielgerichtet, während der Hund wie wild vor- und zurückläuft. Aber beide gehen in die gleiche Richtung. Die Börse übertreibt gern, liegt aber im Großen und Ganzen richtig.
Daher mag der Börsenkurs von Nvidia irgendwann so stark einbrechen wie der von General Electric, Intel oder Cisco. Aber auch das würde kein Zeichen für das Ende des KI-Booms sein. Grundlegende Technologien setzen sich durch – erst langsam, dann mit atemberaubender Geschwindigkeit. Ganz so wie der Aktienkurs von Nvidia im vergangenen Jahr.
Erstpublikation: 19.06.2024, 18:05 Uhr.