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Organspendeausweis

In Deutschland ist die Bereitschaft, Organe zu spenden gering.

(Foto: dpa)

Pro & Contra Sollten wir automatisch Organspender sein?

Appelle reichen nicht aus, die Zahl der Organspender zu erhöhen, sagt Gregor Waschinski. Mit der Widerspruchslösung ist die Würde des Menschen nicht mehr unantastbar, entgegnet Thomas Sigmund.
16.01.2020 - 04:18 Uhr 1 Kommentar

Pro: Es ist ein zumutbarer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte

Appelle reichen nicht aus, um die Zahl der Organspender zu erhöhen. Die Widerspruchslösung nimmt die Bürger in die Pflicht, sich mit dem Thema zu beschäftigen, meint Gregor Waschinski.

Die Deutschen haben ein zwiespältiges Verhältnis zur Organspende. Die abstrakte Idee finden sie gut, Umfragen zeigen regelmäßig eine sehr hohe Zustimmung zur Organspende. Konkretes Handeln folgt daraus aber selten, nur eine Minderheit besitzt einen Organspendeausweis. Verwunderlich ist das nicht.

Die Frage der Organspende ist auch immer die Frage nach dem eigenen Tod, ein unbequemes Thema. Allerdings: Es ist für viele Menschen auch eine Frage des Überlebens. Im Schnitt sterben jeden Tag drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein neues Herz, eine neue Leber oder eine neue Niere bekommen.

Die Bereitschaft zur Organspende ist in Deutschland im internationalen Vergleich sehr niedrig. Der richtige Weg, um die Zahl der Organspender zu erhöhen, ist die Widerspruchslösung. Der von einer Abgeordnetengruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn eingebrachte Gesetzentwurf klingt radikal: Wer zu Lebzeiten nicht widerspricht, soll nach dem Tod zum Organspender werden.

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    Doch es geht darum, dass die Bürger sich mit dem Thema auseinandersetzen und ihre Entscheidung dokumentieren. So ließe sich die Kluft zwischen abstrakter und konkreter Spendebereitschaft verringern.

    Der alternative Gesetzentwurf, der im Bundestag zur Abstimmung steht, würde am Status quo wenig ändern. Zwar sollen die Menschen beim Arzt und auf dem Bürgeramt regelmäßig auf die Möglichkeit hingewiesen werden, dass sie sich in ein Organspenderegister eintragen können.

    Appelle und Informationsbroschüren haben bislang aber auch nicht gefruchtet. Wer trifft schon beim Abholen des Reisepasses in der Amtsstube noch schnell die Entscheidung, was nach dem Ableben mit seinen Organen passieren soll?

    Die Widerspruchslösung bedeutet keinen Zwang zur Organspende. Jeder kann seinen Willen in einem zentralen Register eintragen. Nach dem Tod sollen auch die Angehörigen gefragt werden, ob ihnen eine Willenserklärung des Verstorbenen bekannt ist. Menschen, die etwa wegen einer geistigen Behinderung die Entscheidung nicht überblicken können, sind grundsätzlich von der Organspende ausgenommen.

    Die Widerspruchslösung nimmt die Bürger in die Verantwortung, eine Entscheidung zur Organspende zu treffen. Das ist ein zumutbarer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte – zumal wohl jeder auf ein Spenderorgan hoffen würde, wenn er selbst auf der Warteliste stünde.

    Contra: Ein Ausdruck sanften Paternalismus'

    Mit der Widerspruchslösung ist die Würde des Menschen nicht mehr unantastbar. Sie wird trotz aller guten Absichten der Befürworter verhandelbar zwischen Staat und Bürgern, meint Thomas Sigmund.

    Der aktive Widerspruch gegen die eigene Organspende wird den letzten Fragen von Leben und Tod nicht gerecht. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ steht in Art 1 des Grundgesetzes. Wenn der Bundestag über das Organspende-Gesetz abstimmt, steht dieses Fundament unseres Staates auf dem Prüfstand.

    Die Lösung von Gesundheitsminister Jens Spahn sieht nämlich ein Hintertürchen aus diesem unabänderlichen Grundrecht vor. Die Regel lautet: Alle über 16-Jährigen sollen drei Mal angeschrieben und über ihr Widerspruchsrecht informiert werden. Wer nicht reagiert, ist dann zur Organspende verpflichtet. Damit ist die Würde des Menschen nicht mehr unantastbar. Sie wird trotz aller guten Absichten der Befürworter verhandelbar zwischen Staat und Individuum.

    Die Befürworter der Widerspruchslösung gehen natürlich davon aus, dass viele Leute zu träge sind und nicht widersprechen. Doch das ist Ausdruck eines sanften Paternalismus. Die Experten nennen das Nudging. Die Freiheit des Einzelnen wird dabei nicht nur durch Verbote und Gebote gefährdet, sondern durch eine ausgeklügelte Verhaltensökonomie. Doch das Ausnutzen wirtschaftswissenschaftlicher Erkenntnisse ist hier fehl am Platz. Der Staat suggeriert seinen Bürgern: Sorgt euch nicht, wir helfen euch, das Richtige zu tun. Das ist aber der falsche Weg.

    Es gibt genug Menschen, die sich zu Recht oder zu Unrecht Sorgen machen, dass sie anders medizinisch versorgt werden, wenn ein Engpass an Organen besteht. Die Ärzte handeln natürlich verantwortungsvoll. Doch die Sorgen bekommt man nicht weg. Durch die Widerspruchslösung wird zudem eine komplette Infrastruktur aufgebaut. Man muss aufpassen, dass aus der Organspende, die auf Freiwilligkeit beruht, keine Organabgabepflicht wird. Allein das geplante Zentralregister hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Aus so einem Register wird schnell ein Pranger der Nichtwilligen. Das Argument, die Angehörigen könnten am Ende auch noch Widerspruch einlegen, ist richtig, aber die Entscheidung trifft letztendlich der Arzt, und der Wille des Toten wird auch nur kolportiert. Es gibt einfach zu viele Argumente, die dagegensprechen.

    Das Werben für den Organspendeausweis ist deshalb der härtere, aber richtige Ansatz. Man muss sich aber die Zeit nehmen, darüber nachzudenken und zu entscheiden. Das kann und sollte einem keiner abnehmen.

    „Ohne die Widerspruchslösung wird sich bei der Organspende nichts ändern”

    Mehr: Deutschland braucht mehr Organspender, mögliche Lösung wäre die „doppelte Widerspruchslösung“. Doch was heißt das überhaupt? Die wichtigsten Fakten.

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    1 Kommentar zu "Pro & Contra: Sollten wir automatisch Organspender sein?"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Ein eindeutiges Nein!
      Wir Bürger gehören nicht dem Staat der über unseren Körper oder Körperteile willkürlich verfügen kann auch nicht per Gesetz. Ach nicht nach dem Tod. Wie wird mit Menschen aus anderen Religionen verfahren wie Islam, Judentum? Sind die aus religiösen Gründen ausgenommen? Wie wird das festgestellt?
      Widerspruchslösung soll die Bürger in die Pflicht nehmen, das ist ein Rechtsverständnis wie in China wo Menschen in Gefängnissen Organe entnommen werden weil die auch eine Pflicht zur Wiedergutmachung haben.
      Bei der Organentnahme wird der Mensch ausgeschlachtet und zerlegt ähnlich wie im Schlachthof. Von Herz, Leber, Niere, Gehörknochen, Netzhaut und vieles mehr und täglich wird mehr benötigt. Beerdigt wird dann ein paar Knochen und ein bisschen Fleisch.
      Der Mensch ist kein wandelndes Ersatzteillager auch wenn ihn Politik und Transplantationskliniken so sehen. Der Missbrauch welcher schon öfters zu sehen war wird noch größer man lässt heilbare Patienten sterben um ihre Organe für andere zu gewinnen was bei diesen kriminellen noch als gute Tat verstanden wird.
      Dieser Staat entfernt sich täglich weiter von der Demokratie und seinen Bürgern weg.

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