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Morning BriefingDer Seismograph der Weltwirtschaft schlägt aus

Teresa Stiens 11.03.2025 - 06:06 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

Finanzmarkt: Börsen deutlich im Minus / Finanzpaket: Grünen verweigern Zustimmung

11.03.2025
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Liebe Leserinnen und Leser,

der Seismograf der globalen Wirtschaftslage, die New Yorker Wall Street, schlägt aus. Der Dow-Jones-Index rutschte gestern um knapp zwei Prozent ab, der breiter gefasste S&P 500 verlor knapp drei Prozent und der Index der Technologiebörse Nasdaq schloss um mehr als vier Prozent im Minus. Der plötzliche Stimmungswandel lässt selbst Profis verwundert zurück. Besonders heftig traf es die Tesla-Aktie, die knapp 15 Prozent verlor und deren Kurs sich in den vergangenen drei Monaten fast halbiert hat.

Die Börsen sind dafür bekannt, auf Indizien eines konjunkturellen Abschwungs sensibel zu reagieren. In der Zollpolitik der US-Regierung sehen sie momentan eine veritable Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung. Bisher hatten die Märkte überraschend positiv auf die zweite Amtszeit von Donald Trump geblickt.

Doch jetzt scheint den Anlegerinnen und Anlegern klar zu werden, dass in Trumps Politik der Zweck die Mittel heiligt – zur Not auch auf Kosten der Konjunktur. Ross Mayfield, Investmentstratege bei Baird, schätzt, dass die Trump-Regierung möglicherweise sogar mit einer Rezession einverstanden sei, um ihre übergeordneten Ziele durchzusetzen.

Da die US-Regierung in ihrer Zollpolitik regelmäßig zwischen Kompromissbereitschaft und Dogmatismus hin und her schwankt, gehen die Analysten auch für die Märkte von einer großen Volatilität aus. Und an der Börse bedeuten Schwankungen Unsicherheiten, die schnell zu einer echten Angst werden. Das zeigt der als Angstmesser bekannte Volatilitätsindex CBOE – er sprang um knapp 20 Prozent auf den höchsten Stand seit Mitte Dezember.

Händler an der New York Stock Exchange (am 4. März 2025). Die US-Börsen geraten schon seit einigen Tagen stark unter Druck. Foto: AP

Auch am deutschen Aktienmarkt geht die Unsicherheit um. Der Leitindex Dax fiel gestern um knapp 1,7 Prozent auf 22.621 Punkte. Beim Dax bereiten vor allem die starken Schwankungen von zuletzt börsentäglich mehr als einem Prozent große Sorgen. Eine derart hohe Wochenvolatilität gab es zuletzt im März 2023.

Thomas Altmann, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter QC Partners sagt:

Das zeigt, wie groß die Verunsicherung unter den Anlegerinnen und Anlegern aktuell ist. Und das, obwohl der Dax in der Nähe seines Rekordhochs notiert.

Auch die Ergebnisse der Handelsblatt-Umfrage Dax Sentiment unter 9.000 Privatanlegerinnen und -anlegern deuten darauf hin, dass bald ein deutlicherer Kursrücksetzer folgen könnte. Auf längere Sicht sieht die Entwicklung des Dax allerdings immer noch gut aus: Seit Jahresbeginn hat er 14 Prozent zugelegt. Das geplante Billionen-Paket der neuen Bundesregierung verbessert ebenfalls die Anlegerstimmung – sollte es tatsächlich noch das politische Licht der Welt erblicken.

Grünen wollen Finanzpaket ablehnen

Denn die Grünen haben am Montag ihre Zustimmung zu der nötigen Grundgesetzänderung für das Finanzpaket von Union und SPD verweigert. Co-Fraktionschefin Katharina Dröge begründete die Ablehnung mit den Worten:

Aus unserer Sicht sind das nicht die Dinge, die der Lage des Landes gerecht werden.

Neben inhaltlichen Differenzen äußerte sich die Grünen-Politikerin auch missbilligend über die Kommunikation der Union – CDU-Chef Friedrich Merz habe zu spät das direkte Gespräch gesucht und ihr schließlich seine Angebote auf die Mailbox gesprochen.

Abgeschlossen ist das Thema aber noch nicht. Bis in den späten Abend verhandelten die Spitzen von Union, SPD und Grünen gestern im Jakob-Kaiser-Haus, allerdings ohne dass ein Ergebnis bekannt wurde.

Alle aktuellen Entwicklungen erfahren Sie sofort in unserem Live-Blog.

Britta Haßelmann und Katharina Dröge (Grüne): Das Treffen der Fraktionsspitzen von Union, SPD und Grünen ist nach etwa anderthalb Stunden gegen 21 Uhr zu Ende gegangen.

Foto: Michael Kappeler/dpa

Eine gewisse Genugtuung in den Gesichtern der grünen Parteiführung beim gestrigen Pressetermin ließ sich nicht leugnen. Schließlich hatte die Union die Grünen wochenlang gedemütigt, beleidigt, lächerlich gemacht. Ausgerechnet Grünen-Chefin Franziska Brantner erinnerte CDU-Chef Merz an das Erbe Wolfgang Schäubles: Der ehemalige Finanzminister würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sähe, wie seine Partei die Schuldenbremse aushebele, um Wahlgeschenke zu verteilen.

„Ein brutaler Satz, der die Union ins Mark trifft, weil er wahr ist“, kommentiert mein Berliner Kollege Martin Greive. Statt einen Plan für die Zukunft des Landes vorzulegen, rechneten Union und SPD die Interessen ihrer Klientel zusammen und legten ein schuldenfinanziertes Volksbeglückungsprogramm auf. Reformen für eine wirtschaftliche Wende? Fehlanzeige.

Wolfgang Schäuble und Friedrich Merz hatten eine lange gemeinsame Geschichte in der CDU. Foto: imago images/Rainer Unkel

Sparbemühungen im Volkswagen-Vorstand

Der Volkswagen-Vorstand will auf einen Anteil seines Gehalts verzichten, um sich an den Einsparmaßnahmen des Autobauers „überproportional“ zu beteiligen. Mein Kollege Lazar Backovic hat jetzt aus Unternehmenskreisen erfahren, dass die Vorstände auf bis zu elf Prozent ihrer Vergütung verzichten wollen.

Die beschlossene Reduktion soll alle Teile des Gehalts umfassen, also sowohl das Fixum als auch den Jahresbonus sowie Langfristboni, die sich am Aktienkurs orientieren. Um die finanzielle Absicherung der Vorstände müssen wir uns trotzdem keine Sorgen machen. Volkswagens Konzernvorstand gilt als eines der bestbezahlten Führungsgremien im Dax, die Einsparungen auf Vorstandsebene sollen dem Konzern 15 Millionen Euro bringen.

VW-Chef Oliver Blume: Das Topmanagement hatte stets betont, man werde sich „überproportional“ am sogenannten Performance-Programm beteiligen. Foto: Dpa, Porsche AG [M]

Kommt eine neue KI-Revolution aus China?

Wenn Sie sich für Technologie und Künstliche Intelligenz interessieren, erinnern Sie sich sicherlich noch an den „Deepseek-Moment“ im Januar. Damals bewegte das chinesische Start-up mit seinem Modell R1 die Aktienkurse der großen Tech-Unternehmen, denn es stellte die Gewissheit infrage, dass die USA der große KI-Vorreiter sind. Jetzt könnte der KI-Szene ein weiterer chinesischer Aha-Moment bevorstehen.

Denn das Pekinger Start-up Monica sorgt mit „Manus AI“ für Aufsehen. Die KI geht dabei über einen Chatbot wie ChatGPT hinaus und soll das nächste Paradigma der „Mensch-Maschine-Kollaboration werden“, wie das Unternehmen verspricht. Meine Kollegen haben Manus getestet und festgestellt, dass die Maschine selbstständig Aufgaben übernimmt und neue Informationen auswertet. Was die KI kann und ob sich dahinter wirklich eine Revolution verbirgt, lesen Sie bei Luisa Bomke und Martin Benninghoff.

Zum Abschluss werfen wir noch einen kurzen Blick nach Kanada, wo gerade ein Wechsel an der Regierungsspitze vollzogen wird. Mark Carney ist neuer Vorsitzender der Liberalen Partei und löst somit auch den amtierenden Ministerpräsidenten Justin Trudeau als Regierungschef ab. Der 59-jährige Carney ist unter Beobachtern dafür bekannt, außergewöhnlich langweilig zu sein. Daniel Beland, Direktor des Institute for the Study of Canada an der McGill University, bezeichnete Carney gegenüber dem „Guardian“ als langweiligen Typen, der im Allgemeinen nicht viel Charisma habe.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich die Aussicht auf einen durch und durch langweiligen Regierungschef in Nordamerika angesichts der Chaostage in den USA wirklich sehr erbaulich finde. Langeweile wird bei der Regierungsführung in der aktuellen Zeit kolossal unterschätzt.

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Ich wünsche Ihnen einen guten Tag mit der richtigen Portion Langeweile.

Herzliche Grüße

Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt

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