1. Startseite
  2. Meinung
  3. Morning Briefing
  4. Morning Briefing von Christian Rickens

Morning BriefingIntervention: Der Kopf hinter Joe Bidens Industriepolitik 

Christian Rickens 05.05.2023 - 06:25 Uhr
Artikel anhören
Christian Rickens Foto: Handelsblatt
Morning Briefing vom 05.05.2023

Intervention: Der Kopf hinter Joe Bidens Industriepolitik

05.05.2023
Abspielen 08:23

Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser,

der „Washington Consensus“ bezeichnete in den 90er-Jahren eine informelle Übereinkunft darüber, wie gute Wirtschafts- und Finanzpolitik auszusehen habe: ausgeglichene Haushalte, wenig Regulierung, offene Grenzen für Waren und Kapitalströme, freier Wettbewerb. Kommt Ihnen bekannt vor? Ist bis heute ja auch die offizielle, allerdings oft verletzte Wirtschaftsdoktrin der Bundesrepublik.

Mit seinen beiden Subventionsprogrammen Chips Act und Inflation Reduction Act (IRA) hat US-Präsident Joe Biden den Washington Consensus aufgekündigt. Bis zu 1,2 Billionen Euro Staatsgeld werden laut Expertenschätzung unter seiner Regentschaft an Unternehmen ausgereicht, die in den USA in Halbleiter oder grüne Technologien investieren – vorausgesetzt die Vorprodukte der Firmen kommen aus Nordamerika und sie machen nicht zu viel Geschäft mit China.

Verstößt gegen die Regeln der Welthandelsorganisation? Egal. Gute Wirtschaftspolitik ist unter Biden, was das Klima schützt, China klein hält und neue Jobs in der Industrie schafft. Das alles finanziert mit neuen Schulden.

Dabei sind die US-Subventionen so hoch, dass die Kosten bei der Wasserstoffproduktion in den USA in einigen Jahren sogar unter null sinken könnten, wie eine Studie des Jacques Delors Centre errechnet hat.

Foto: Polaris/laif

Damit werden die USA als Standort geradezu unwiderstehlich für deutsche Unternehmen, die auf billige Energie angewiesen sind. Matthias Zachert, Vorstandschef des deutschen Chemiekonzerns Lanxess, redete neulich in New York Klartext: „Wir bei Lanxess prüfen derzeit intensiv, welche unserer Wachstumsprojekte im Rahmen des Inflation Reduction Act förderfähig sind, und danach werden wir unsere Investitionsentscheidungen ausrichten.“

Sicher, Lanxess wolle seine deutschen Standorte verteidigen – „aber Zukunftsinvestitionen wird es wohl vor allem in den USA geben“.

Der Kopf hinter Bidens neuer Industriepolitik ist Jake Sullivan, der Nationale Sicherheitsberater des Präsidenten. Dass er bisweilen aussieht wie ein Mormonen-Missionar in der Fußgängerzone, sollte niemanden täuschen: Sullivan ist einer der mächtigsten Männer der USA – und er wird geleitet von einer klaren Idee. Das Konzept vom „Wandel durch Handel“ hält er für gescheitert. Schon ist in der US-Hauptstadt die Rede von einem „New Washington Consensus“, bei dem sich die Wirtschaft wieder den strategischen und politischen Interessen eines Landes unterzuordnen hat.

Deutschland und die EU stehen nun vor der Wahl, sich dem neuen Konsens aus Washington anzuschließen – oder sich zu widersetzen. Einfach wird weder das eine noch das andere, wie unsere Titelgeschichte über die „Bidenomics“ und ihre Folgen analysiert.

Foto: Reuters

Wir bleiben in den USA. Die erfolgreichste Bromance der Business-Welt begann mit einer Art Blind Date: Ein Ehepaar aus Omaha im US-Bundesstaat Nebraska lud Warren Buffett und Charlie Munger im Jahr 1959 zu einem gemeinsamen Mittagessen ein. „Und es hat sofort geklickt“, wie Buffett 2018 erzählte. „Charlie hat über seine eigenen Witze gelacht, so wie ich das auch immer mache. Und ich wusste: So einen wie ihn treffe ich nie wieder.“

Das Mittagessen war der Beginn einer langen, milliardenschweren Männerfreundschaft. Buffett (92), ist CEO der Investmentholding Berkshire Hathaway. Munger (99) ist sein stellvertretender Verwaltungsratschef und engster Vertrauter.

Am Samstag werden wieder zehntausende Aktionäre zur Hauptversammlung an den Konzernsitz von Berkshire nach Omaha pilgern. Aus diesem Anlass erzählt US-Finanzreporterin Astrid Dörner die Erfolgsgeschichte von Berkshire mal anders – als Geschichte zweier Freunde, die seit sechs Jahrzehnten gemeinsam durch dick und dünn gehen. Wobei das Dick überwog: Von 1964 bis 2022 erzielte die Berkshire-Aktie eine Rendite von rund vier Millionen Prozent.

Wie unsere Grafik zeigt, ist Apple die mit Abstand größte Position im Wunderportfolio der beiden Börsenkumpels. Gestern dürften Buffett und Munger zufrieden gewesen sein: Eine wieder anziehende Smartphone-Nachfrage hat Apple ein Quartalsergebnis über Markterwartungen beschert. Der Umsatz des US-Elektronikkonzerns fiel zwar um 2,5 Prozent auf 94,84 Milliarden Dollar – Analysten hatten allerdings ein fast doppelt so hohes Minus befürchtet. Der prognostizierte Gewinnrückgang blieb gänzlich aus. Der Überschuss lag unverändert bei 1,52 Dollar je Aktie.

Entgegen den Erwartungen steigerte Apple die Erlöse mit iPhones um 1,5 Prozent auf 51,33 Milliarden Dollar. „Wir verzeichnen in sämtlichen geografischen Regionen Rekorde bei der Zahl der genutzten iPhones“, sagte Firmenchef Tim Cook. Besonders stark habe die Nachfrage in Schwellenländern wie Brasilien, Indien und Mexiko angezogen.

Cook stellte eine Dividende von 0,24 Dollar je Aktie und einen Aktienrückkauf im Volumen von 90 Milliarden Dollar in Aussicht. Apple-Aktien stiegen daraufhin im nachbörslichen US-Geschäft um zwei Prozent.

Die Darmstädter Software AG mit ihrer knappen Milliarde Jahresumsatz gehört seit jeher zu den Mauerblümchen der Softwarebranche. Anleger mussten schon großes Glück haben, um mit dem SDax-Wert jemals Geld zu verdienen. Noch vor zwei Wochen lag der Kurs etwa auf dem gleichen Niveau wie Ende 1999.

Doch nun ist um das Unternehmen ein heißer Bieterwettstreit entbrannt. Der US-Technologieinvestor Silver Lake hat sein Angebot für die Software AG von bisher 30 auf 32 Euro pro Aktie erhöht. Die Kalifornier bewerten das Unternehmen nun mit 2,4 Milliarden Euro. Zuvor hatte die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, der US-Finanzinvestor Bain Capital habe ein Angebot über 34 Euro vorgelegt. Silver Lake bliebe also mit seinem neuen Angebot darunter.

Die Aktien der Software AG stiegen um bis zu 7,8 Prozent auf 35,88 Euro, noch über den von Bain gebotenen Preis. Die Aktionäre rechnen offenbar damit, dass sich der Preis für das Unternehmen noch weiter in die Höhe schraubt.

Erfreulich endete der gestrige Tag auch für den Musiker Ed Sheeran. Ein Gericht in New York sprach ihn von dem Vorwurf frei, Elemente seines Hits „Thinking Out Loud“ bei Marvin Gayes „Let’s Get It On“ geklaut zu haben. Mithilfe einer mitgebrachten Gitarre hatte Sheeran vor Gericht demonstriert, dass es sich bei den fraglichen Akkorden um „Bausteine“ handele, die jeder Songwriter „zu seinem Werkzeugset“ zähle. Sie könnten „ebenso wenig jemandem gehören wie die Farbe Blau“.

Eine US-Jury hat die Urheberrechtsklage der Erben des Musikers Ed Townsend gegen Ed Sheeran zurückgewiesen. „Die Entscheidung wird dazu beitragen, den kreativen Prozess von Songwritern überall auf der Welt zu schützen“, erklärte der Popstar.

Besondere Brisanz hatte der Fall dadurch erlangt, dass Sheeran angekündigt hatte, im Falle eines Schuldspruchs seine Musikerkarriere umgehend zu beenden. Ob es sich dabei um ein Versprechen oder eine Drohung handelte, ist nun müßig – Sheeran wird weitersingen und dabei weiterhin gelegentlich klingen, als würde Marvin Gaye Werbung für Yogurette machen.

Ich wünsche Ihnen einen Wochenausklang, an dem man Sie beim lauten Denken mitmachen lässt.

Verwandte Themen
USA
Warren Buffett
Software AG
Lanxess
Apple
Joe Biden

Herzliche Grüße

Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt

PS: Wir haben Sie am Dienstag gefragt: Ist das Deutschlandticket Revolution oder Revolutiönchen für den Nahverkehr? Hier finden Sie unsere Leserdebatte.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt