Morning Briefing: Volkswagens Zeitenwende: Es ist die Software, Dummkopf!
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
dass man als Autoboss inzwischen gefeuert werden kann, weil irgendeine Software nicht funktioniert, muss echten Automenschen als persönliche Beleidigung erscheinen: Ist Software nicht das, was nerdige Informatiker in die Autos pfriemeln, nachdem die Ingenieure mit ihrer Entwicklungsarbeit fertig sind?
Lange her. Inzwischen ist der Programmcode, der die Funktionen im Auto steuert, das eigentliche Kernprodukt. Dieser Tatsache trägt der neue Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume in seiner Softwarestrategie Rechnung. Am 15. Dezember will er sie dem Aufsichtsrat vorstellen. Das Handelsblatt hat die Eckpunkte bereits vorab aus Konzernkreisen erfahren:
1. Der Konzern soll künftig erst Funktionsumfang und Zeitplan für die Fahrzeugsoftware festlegen und dann daraus die einzelnen Automodelle und deren Marktstart ableiten – nicht mehr andersherum.
2. Die Entwicklung eines selbstfahrenden Autos auf den Stufen 4 und 5 des autonomen Fahrens, bei denen das Auto weitgehend eigenständig unterwegs ist, übernimmt künftig statt Audi die Konzernschwester VW Nutzfahrzeuge.
3. Weil die neue Volkswagen-Softwareplattform nicht wie geplant bis 2026 einsatzbereit ist, sollen die vorhandenen Softwarearchitekturen 1.1 und 1.2 weiterentwickelt und bis zum Ende des Jahrzehnts wettbewerbsfähig gehalten werden.
Blumes Vorgänger Herbert Diess hatte vor allem wegen des Softwarechaos bei Volkswagen seinen Job verloren. Noch profitiert Blume davon, dass die Fehler seinem Vorgänger angelastet werden – doch lange wird der Neue dieses Privileg nicht haben.
Pannen wie beim frisch gelaunchten Elektrobulli „ID.Buzz“ sollte sich VW in Zukunft besser nicht mehr erlauben. Die Tester der Zeitschrift „Auto, Motor und Sport“ kritisierten bei dem immerhin 81.000 Euro teuren Testwagen: „Das Infotainmentsystem ist lahm und träge“. Die Bedienung sei „ein Graus“.
Frei nach Bill Clinton gilt: Es ist die Software, Dummkopf!
Das Wochenende brachte einen wichtigen Punktsieg für die westliche Allianz gegen Russland: Das Opec plus genannte Kartell der Ölexportstaaten wird seine bis Ende Dezember gültige Fördermenge von rund 41,9 Millionen Barrel pro Tag auch im neuen Jahr beibehalten.
Die Opec-plus-Allianz geht mit dieser Ankündigung neuem Streit mit den USA aus dem Weg. Die Entscheidung im Oktober, die Angebotsmenge um zwei Millionen Barrel pro Tag zu drosseln, hatte insbesondere in Washington Empörung ausgelöst. Eine Sprecherin des Weißen Hauses sagte seinerzeit: „Es ist klar, dass sich die Opec plus mit Russland verbündet.“ Russland ist nach Saudi-Arabien das einflussreichste Mitglied der Opec-plus-Allianz.
Das Ergebnis des virtuellen Opec-plus-Treffens am Sonntag war auch deshalb mit Spannung erwartet worden, weil sich die größten sieben Industriestaaten (G7) auf einen Preisdeckel für russisches Öl von 60 Dollar pro Barrel (rund 159 Liter) verständigt haben, der heute in Kraft tritt. Mit dem Preisdeckel wird beispielsweise Reedereien und Versicherungen aus G7-Staaten das Geschäft mit russischem Öl verboten, wenn der Preis für die Ware über der Obergrenze liegt. Der Preisdeckel ist eine Ergänzung zum teilweisen Einfuhrstopp für russisches Öl in Europa.
Für Russland wären weitere Produktionskürzungen vorteilhaft gewesen, weil sie die Kosten der Sanktionspolitik für die G7-Staaten in die Höhe getrieben hätten.
Viele Kommentatoren bezweifeln die Wirksamkeit des Preisdeckels. Mein Brüsseler Kollege Christoph Herwartz hingegen ist vorsichtig optimistisch, dass die Obergrenze von 60 Dollar Putin tatsächlich weh tut.
Nur eine Taktik, um Zeit zu gewinnen – oder ein Signal der Veränderungsbereitschaft? Die Proteste im Iran scheinen zu ersten Zugeständnissen des Regimes zu führen. Die verhasste Sittenpolizei ist womöglich aufgelöst worden. Das berichteten zumindest iranische Medien am Sonntag unter Berufung auf den Generalstaatsanwalt des Landes.
Die Sittenpolizei war für die Einhaltung der Kleidungsvorschriften von Frauen zuständig – und hatte die Proteste ausgelöst: Mitte September war die 22-jährige Mahsa Amini verhaftet worden, weil unter ihrem Kopftuch ein paar Haarsträhnen hervorgetreten sein sollen. Amini starb wenige Tage später im Gewahrsam der Sittenpolizei.
Die Zeitung „Shargh“ zitierte Generalstaatsanwalt Mohammed-Dschafar Montaseri: „Die Sittenpolizei wurde aufgelöst, aber die Justizbehörde wird sich weiterhin mit dieser gesellschaftlichen Herausforderung auseinandersetzen.“
Weitere Details zur angeblichen Auflösung gab es nicht. In einer Meldung der iranischen Nachrichtenagentur Isna am Freitag war Montaseri auch mit den Worten zitiert worden, die Regierung überprüfe die Vorschrift für Frauen, ein Kopftuch tragen zu müssen. Eine Bestätigung für die Aussage gibt es bislang nicht.
Europa ringt um eine angemessene Antwort auf den Inflation Reduction Act (IRA) von US-Präsident Joe Biden. Das Gesetzespaket aus Washington verspricht Unternehmen Milliardenhilfen für Investitionen in grüne Technologie – aber nur, wenn die in Nordamerika produziert wird.
Am Sonntag hat erstmals EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen dargelegt, wie aus ihrer Sicht eine angemessene Reaktion der Europäer aussehen könnte.
Ihr Plan klingt vor allem eines: teuer.
Die CDU-Politikerin schlägt vor, einen „Souveränitätsfonds“ aufzulegen – ein neues Programm für gemeinsame EU-Anleihen, mit denen klimafreundliche Industrieprojekte in Europa finanziert werden könnten. Denn: „Die neue selbstbewusste Industriepolitik unserer Konkurrenten erfordert eine strukturelle Antwort.“
Der Idee, auf die protektionistische Klimapolitik der USA mit einer Klage vor der Welthandelsorganisation WTO zu reagieren, erteilte von der Leyen eine Absage, auch um die Zusammenarbeit im Ukrainekrieg nicht zu gefährden. Dazu von der Leyen: „Das ist nicht in unserem Interesse.“
Eine Anregung: Bevor die EU neue Schulden macht für ihren „Souveränitätsfonds“ sollten wir vielleicht mal überprüfen, was eigentlich die anderen Milliardenprogramme bewirkt haben, mit denen die EU Investitionen, Innovationen und Nachhaltigkeit fördern will.
- Welche konkreten Produktneuheiten haben wir zum Beispiel den „Important Projects of Common European Interest“ (IPCEI) zu verdanken, mit denen die EU „bahnbrechende Technologien aus dem Labor zu ihrem ersten industriellen Einsatz“ bringen will?
- Welche Wachstumsimpulse hat der 750 Milliarden Euro schwere Corona-Wiederaufbaufonds bislang bewirkt, mit dem ebenfalls unter anderem grüne Investitionen gefördert werden sollten?
- Wo ist die ehrliche Analyse, was der „EU Infrastructure Investment Plan“ wirklich gebracht hat, besser bekannt als „Juncker-Plan“?
Beurteilungsmaßstab sollte dabei weniger sein, dass die Hilfen ordnungsgemäß in irgendwelche Projekte abgeflossen sind. Sondern dass die Programme mehr zusätzliche Wirtschaftsleistung auslösen als sie selbst kosten. Nur dann nämlich können sie volkswirtschaftlich sinnvoll sein.
Ich wünsche Ihnen einen Tag, der Ihnen viel mehr bringt als er Sie kostet.
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt