MG Cyberster im Test: 007 wäre begeistert – So fährt sich der Elektro-Roadster
Düsseldorf. Britische Autos und James Bond – das klingt wie eine Liebesgeschichte. Die einzige Begegnung des berühmten Geheimagenten mit einem MG ging für die Marke allerdings nicht so glimpflich aus. In „Der Mann mit dem Goldenen Colt“ parkt Bond-Sekretärin Mary Goodnight in Hongkong mit einem MGB vor dem Taxi des Geheimagenten. „Schrottmühle“, schimpft Bond und steigt auf den Beifahrersitz.
Zugegeben: Bonds Kritik war schon damals zu hart. Der MGB war ein eleganter Roadster, seiner Zeit voraus und eines der Autos, mit denen die britische Marke es zu Weltruhm schaffte.
Mittlerweile ist MG nicht mehr britisch. Schon 2005 wurde die damals erfolglose Marke von Rover nach China verkauft, heute ist sie in den Händen des Staatskonzern SAIC. Der hat MG wieder erfolgreich gemacht: Keine chinesische Marke verkauft heute mehr Autos in Europa.
Doch die Modelle waren bis zuletzt alles andere als Geheimagenten-tauglich. Zunächst bauten die Chinesen günstige Verbrenner für die Schwellenländer, mittlerweile günstige Elektroautos und Hybride, auch für Europa. Der MG4 ist 2025 bislang das erfolgreichste chinesische Elektroauto in Deutschland – wenn man mal Autos wie den BMW iX1 und den Cupra Tavascan ausklammert.
Mit der britischen Marke von einst haben die Modelle allerdings nicht mehr viel gemein – bis auf das Auto, das wir diese Woche testen. Denn zum 100-jährigen Jubiläum der Marke hat MG einen Roadster aufgelegt, der an die ruhmreiche Vergangenheit erinnert.
Der Cyberster ist schon optisch eine Erscheinung. Feuerrot, flach, mit Flügel- , Verzeihung, Scherentüren. Ein Auto, wie es James Bond gefallen hätte. Denn wie die Bond-Autos ist der Cyberster einzigartig. Kein anderer Hersteller baut einen vollelektrischen Roadster, der weniger als 100.000 Euro kostet.
Nicht retro, sondern cool
Wie die Bond-Mobile wurde auch der Cyberster in London entwickelt, natürlich nicht von Q, dafür durchaus mit einer Herausforderung in der Konstruktion. Denn der Roadster teilt sich eine Plattform mit den Mittelklasse-Modellen MG4 und MG5. Da braucht es schon Fantasie für ein echtes Sportwagenfeeling.
Doch das ist den Designern und Entwicklern beim Cyberster ohne jeden Zweifel gelungen. Die LED-Leuchten funkeln aggressiv, die unteren Kanten des Frontspoilers verlaufen nach innen, umrahmen die schwarzen Lufteinlässe und treffen sich in der Mitte. Das MG-Logo prangt selbstbewusst auf der langgezogenen Motorhaube.
Noch schöner ist das Heck: Die Kofferraumklappe wird nach oben geöffnet. Ihr Ende ist gleichzeitig der Spoiler, der sich wie ein Bogen über die Fahrzeugbreite spannt und das imposante Ende des Fahrzeugs markiert. Kammheck heißt das in der Branche – allerdings nicht benannt nach dem Frisörwerkzeug, sondern nach dem deutschen Ingenieur Willibald Kamm. Dass eine solche Konstruktion die Aerodynamik verbessert, muss also nicht erwähnt werden.
Unterhalb der Kofferraumklappe und Modellschriftzug zieht sich ein LED-Streifen, der auch die Rückleuchten umrandet, die MG in Pfeiloptik gestaltet hat. Darunter ein großer Diffusor, der die Hinteransicht schlanker macht. Alles wirkt dynamisch, modern und stimmig. Dass das Verdeck sich per Knopfdruck nahtlos versenken lässt, trägt dazu bei.
MG hat glücklicherweise auch nicht den Fehler gemacht, einfach die Modelle der Vergangenheit in die Neuzeit zu übertragen, sondern ein modernes Elektro-Cabrio zu bauen, das keine vergleichbaren Konkurrenten im Markt hat (selbst auf den Tesla Roadster wartet die Branche nun seit Jahren vergeblich).
Sechs Farben, zwei Antriebe – mehr Auswahl gibt es nicht
Allzu viel Individualismus lässt MG allerdings nicht zu. Gebaut wird das Auto schließlich in Shanghai. Darum haben Käufer die Wahl zwischen sechs Lackfarben, zwei Antrieben, zwei Verdeckfarben und zwei Interieurfarben. Alles andere ist serienmäßig.
Auch die markanten Scherentüren, die sich nach oben öffnen und darum leicht mit Flügeltüren verwechselt werden. Eine technisch herausfordernde Konstruktion an der A-Säule, die sonst kaum ein Hersteller noch einsetzt – abgesehen von teuren Sportwagenmarken wie Lamborghini. Geöffnet werden sie per Knopfdruck, entweder an der Tür oder auf dem Schlüssel.
Dann heißt es: Zurücktreten bitte. Denn jedes Hindernis im Weg sorgt dafür, dass die Öffnung sofort stoppt. Praktisch im Parkhaus, lästig für Hektiker, die sich über die Tür beugen, um schnell einzusteigen.
Doch für den großen Auftritt macht es schon was her. Auf dem Supermarktparkplatz bleibt ein Junge fasziniert stehen, als der Tester das Auto verlässt. Seine Mutter nutzt das für ein pädagogisches Statement. „Wenn du so ein Auto willst, musst du immer fleißig sein.“
Wir widersprechen an dieser Stelle nicht, möchten aber hinzufügen, dass man für den MG Cyberster deutlich weniger fleißig sein muss als für Sportwagen aus deutscher Produktion. Denn MG verkauft den Roadster schon ab 64.900 Euro, der Testwagen ist mit zwei Motoren und rotem Lack kaum teurer und kommt auf 70.900 Euro. Für einen Porsche als Cabrio müsste man da schon mindestens das Doppelte hinlegen.
Und beim MG ist das meiste, was andere Hersteller sich teuer bezahlen lassen, bereits inklusive. Darunter auch Assistenten wie ein adaptiver Tempomat und ein Spurhalteassistent, den man aber in einem Cabrio wie diesem wirklich selten einsetzt.
„Lass mal hören“
Der Innenraum ist komplett verkleidet mit Leder und einem Stoff, der an Alcantara erinnert, aber Dinamica heißt. Ein Microfasermaterial, das aus recyceltem Polyester und PET-Flaschen gewonnen wird – aber trotzdem richtig gut aussieht. Rote Ledersitze sind natürlich trotzdem gewagt, aber immerhin bequem.
Alles wirkt clever um den Fahrer herum gebaut. Die Getränkehalter lassen sich versenken. Alles, was während der Fahrt wegfliegen kann, kann man in einem Ladefach verstauen.
Nicht alles ist durchdacht: Drei Bildschirme reihen sich um den Fahrer. Die Navigation wird standardmäßig auf dem kleinen Bildschirm links ausgespielt, die Verbrauchdaten rechts. Beide werden allerdings zu nicht geringen Teilen durch das Lenkrad verdeckt. Man muss schon ein wenig den Kopf bewegen, um einen Blick auf die Route zu werfen.
Die Kippschalter für die Gangwahl sind plump groß und passen nicht unbedingt zum sonst stimmigen, eleganten Innenleben des Fahrzeugs.
„Lass mal hören“, sagt ein Nachbar. Doch zu hören gibt es nichts. Der MG fährt rein elektrisch. Wer jetzt meint, dass dabei Emotion verloren geht, dem muss man energisch widersprechen.
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In zehn Sekunden verschwindet das Verdeck im Heck. Das geht auch bei voller Fahrt bei bis zu 50 Stundenkilometern. Und dann ist es Zeit für Gefühle.
Rakete vom Start weg
Gerade vom Start weg beschleunigt der Cyberster mit seinen 510 PS Spitzenleistung wie ein Flugzeug, das bereit ist abzuheben. Der Körper wird in den Sitz gedrückt, schüttet Endorphine aus, und als Fahrer und Beifahrer kommt man nicht umhin, so zu lächeln, wie man es nur in einem Zustand zwischen Euphorie und Angst hinbekommt.
Damit die rasante Anfahrt sicher gelingt, muss der Sportmodus eingelegt werden. Dann muss der „Super Sport“-Knopf unterhalb des Lenkrads aktiviert werden. Wer jetzt Gas und Bremse gleichzeitig betätigt, der kriegt irgendwann eine kleine Rakete im Display angezeigt – und dann geht es los.
In 3,2 Sekunden schießt der Cyberster von 0 auf 100. Zum Vergleich: ein normaler Porsche Taycan braucht da etwa 1,5 Sekunden mehr. Wer dabei nicht auf Motorensound verzichten will, der kann sich über acht Lautsprecher zumindest der Illusion eines Verbrenners hingeben. Oder sich den Sound einer Turbine simulieren lassen.
Ab 100 Stundenkilometer sollten die Fenster lieber hochgefahren werden, damit der Wind nicht allzu heftig um die Ohren bläst. Bei 200 Stundenkilometern ist Schluss. Die lautlose Kraft der zwei Motoren wirkt bei offenem Verdeck so unmittelbar und leicht. Im Rückspiegel kann man in die erstaunten Gesichter sehen. Und für alle Fälle und die Straßenverkehrsordnung sorgen Brembo-Bremsen zuverlässig dafür, sich selbst auf die zugelassene Geschwindigkeit zu reduzieren.
Die sind allerdings auch nötig, denn mit etwa zwei Tonnen ist der Cyberster für einen Roadster fast schon ein Schwergewicht. Das bekommt man auf kurviger Strecke auch ein bisschen zu spüren. Den Fahrspaß dämpft das aber nicht.
Nicht allzu schnell am Lader
Wer allzu rasant unterwegs ist, liegt natürlich auch deutlich über dem offiziellen Verbrauch von 19,1 Kilowattstunden. Doch selbst mit gelegentlichen Beschleunigungsmanövern landen wir im Test bei sommerlichen Temperaturen bei 20,4 kWh und damit einer Reichweite von 412 Kilometern.
Am Schnelllader lässt sich die Batterie, die mit 77 Kilowattstunden etwa so groß ist wie bei einem VW ID.3 GTX, in 38 Minuten von 10 auf 80 Prozent aufladen. Die Spitzenleistung gibt MG mit 144 kW an. Das ist in Ordnung, aber nicht so beeindruckend wie die Fahrleistungen des Autos.
Auch die Zuladung von 150 Kilogramm ist darum knapp bemessen – selbst bei nur zwei Sitzplätzen. Der Stauraum im Heck ist mit 249 Litern begrenzt – zumindest gemessen an normalen Autos. Unter der langen Motorhaube lässt sich nichts verstauen. Für einen Sportwagen ohne Dach ist der Kofferraum aber noch üppig genug, um einen handelsüblichen Koffer oder zwei Handgepäckstücke einzupacken.
Abschließbar ist das Handschuhfach zwar nicht. Aber für Geheimagenten, die gerne offen fahren, hat der MG mitgedacht: In den Türen gibt es zwei Geheimfächer, in denen sich Kleinigkeiten verstauen lassen. Wenn James Bond jetzt noch mal auf einen MG trifft, dürfte er milder urteilen.