Beschäftigung: Kaum Dynamik im Arbeitsmarkt – das sind die Gründe
Berlin. Auf Deutschlands Arbeitsmarkt gibt es zu wenig Bewegung. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wächst kaum noch, Arbeitslose hatten es noch nie so schwer, eine neue Beschäftigung zu finden. Und obwohl die deutsche Wirtschaft in der Transformation steckt, wechseln Beschäftigte selten zwischen verschiedenen Branchen. Das zeigen die aktuellen Arbeitsmarktdaten der Bundesagentur für Arbeit (BA) und das Branchenwechselradar des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
Im Juni registrierte die BA gut 2,9 Millionen Arbeitslose – 188.000 mehr als ein Jahr zuvor. Im Vergleich zum Vormonat waren 5000 Personen weniger arbeitslos. Rechnet man jedoch die jahreszeitlichen Schwankungen heraus, stieg die Zahl im Juni im Monatsvergleich saisonbereinigt um 11.000 Personen.
„Der Arbeitsmarkt zeigt weiterhin Spuren der konjunkturellen Schwäche“, sagte BA-Chefin Andrea Nahles am Dienstag bei der Präsentation der aktuellen Daten in Nürnberg. Im Juni lasse sich „noch keine Trendwende erkennen“, betonte auch die Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium, Leonie Gebers.
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Der Anstieg der Arbeitslosigkeit sei aber nicht in erster Linie auf Entlassungen zurückzuführen, sondern spiegele die Schwierigkeiten von Arbeitslosen wider, einen neuen Job zu finden, erklärte Nahles. Die Chancen seien selbst während der Coronapandemie größer gewesen.
Das liegt auch daran, dass die Nachfrage der Unternehmen nach neuen Arbeitskräften schwach bleibt: Im Juni waren 632.000 offene Stellen bei der BA gemeldet – eine Viertelmillion weniger als 2022. Als weiterer Grund gilt, dass nur 13 Prozent der Arbeitslosen als sofort vermittlungsfähig gelten.
Manche Branchen stellen stark ein
Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wächst nur noch leicht – und auch nur noch dank der Zuwanderer aus Ländern außerhalb der EU. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Branchen.
- So wurden im verarbeitenden Gewerbe bis April binnen Jahresfrist 138.000 Arbeitsplätze abgebaut, allein in der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie lag das Minus bei 103.000.
- Dagegen sind im Pflege- und Sozialbereich 70.000 und im Gesundheitswesen 61.000 Stellen aufgebaut worden.
- Im Finanzdienstleistungssektor und im Verkehrsbereich lag das Plus jeweils bei mehr als 20.000 Jobs.
Doch trotz dieser Verschiebungen, die mit der konjunkturellen Schwäche, dem Umbau der Industrie und dem demografischen Wandel zu tun haben, gibt es bisher kaum Wechsel von Beschäftigten zwischen verschiedenen Branchen.
Die Wechseldynamik ist sogar auf einem Tiefpunkt angekommen, wie das IAB in Zusammenarbeit mit dem Karrierenetzwerk LinkedIn ermittelt hat. Für den Branchenwechsel-Radar werden seit 2019 Bewerbungen und Stellenwechsel zwischen Branchen erhoben. Grundlage sind dabei Bewerbungen, die über das Karriereportal erfolgt sind, sowie Profilanpassungen nach Stellenwechseln.
IAB-Experte Weber: „Die Erneuerung ist zu schwach“
„Wir stecken in einer Transformationskrise, es kommt zu wenig in Gang, die Erneuerung ist zu schwach“, sagt Enzo Weber, der beim IAB den Forschungsbereich Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen leitet. Allerdings sei in Rezessionsphasen die Bereitschaft von Beschäftigten, etwas Neues zu probieren, gedämpft. Und Unternehmen hielten sich angesichts der Unsicherheit mit Investitionen in neue Geschäftsideen zurück.
Gründe dafür, dass es bei der industriellen Transformation nicht so recht vorangeht, sieht Weber aber auch in der Bundespolitik. „In der Windkraft, bei der E-Mobilität oder bei den Wärmepumpen hat politisches Hin und Her viel Verunsicherung produziert“, sagt der Ökonom.
Die registrierten Branchenwechsel sind seit 2022 immer weiter gesunken, während es bei den Bewerbungen aus einer anderen Branche seit dem Tiefstand Anfang 2024 langsam wieder aufwärtsgeht. Es könnte bei den Branchenwechseln also bald eine Trendwende geben.
Die Unternehmen hätten das selbst mit in der Hand, sagt Barbara Wittmann, die bei LinkedIn das Geschäft im deutschsprachigen Raum verantwortet. Der Wandel der Arbeitswelt sei in vollem Gange, sagt die Managerin. „Unternehmen sind jetzt gefordert, diesen Wandel aktiv mitzugestalten – durch mehr Agilität, durch die Förderung neuer Kompetenzen und durch eine Unternehmenskultur, die lebenslanges Lernen in den Mittelpunkt stellt.“
Auf dem Arbeitsmarkt insgesamt ist dagegen noch keine Trendwende in Sicht. Mit einer spürbaren Erholung rechnet BA-Chefin Nahles erst im Sommer oder Herbst kommenden Jahres. Voraussetzung sei aber, dass die Bundesregierung jetzt schnell ihre Maßnahmen zur Stärkung der Wirtschaft wie den „Investitionsbooster“ auf den Weg bringe. All das habe „das Potenzial, die Konjunktur wieder in Schwung zu bringen“, sagte die frühere Bundesarbeitsministerin Nahles.
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger mahnte, die Politik müsse der Versuchung widerstehen, mit fehlgeleiteten Maßnahmen den Strukturwandel zu behindern und Arbeitslosigkeit zu verlängern. Viele Unternehmen suchten weiterhin dringend nach Personal, sagte Dulger. „Jetzt ist der richtige Moment, um Arbeitsuchende und Betriebe schnell und passgenau zusammenzubringen.“