1. Startseite
  2. Politik
  3. Deutschland
  4. Moderna im Überfluss: Bundesländer vernichten massenweise Impfstoff

Corona-VakzineModerna im Überfluss: Bundesländer vernichten massenweise Impfstoff

Karl Lauterbach tätigte im Dezember eine Großbestellung bei Moderna. Mehr als 80 Millionen Impfdosen sind in diesem Frühjahr deshalb verfügbar. Wohl zu viele.Marie Zahout 16.02.2022 - 19:36 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

Das Ministerium unter Karl Lauterbach hat zu viele Impfdosen bestellt.

Foto: dpa

Berlin. Die Nachfrage nach Covid-19-Impfungen in Deutschland ist im Januar stark eingebrochen. Tausende Impfstoffdosen mussten daraufhin vernichtet werden, wie eine Umfrage von Tagesspiegel Background unter den Gesundheitsministerien der Länder zeigt.

Vor allem der Moderna-Impfstoff, den Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) besonders zahlreich bestellt hatte, nachdem er kurz vor Weihnachten vor einem akuten Engpass warnte, muss vernichtet werden.

Zum Hintergrund: Im Dezember verkündete der damals gerade ins Amt gekommene Lauterbach, dass er kurzfristig zusätzliche 35 Millionen Booster-Dosen (eine Boosterdose von Moderna besteht nur aus der Hälfte einer Dose) bestellt habe, da der Impfstoff sonst im Januar nicht reichen würde – noch in der Pressekonferenz allerdings drängte sich der Verdacht auf, Lauterbach habe versehentlich doppelt so viel bestellt wie beabsichtigt.

Tatsächlich gab das Bundesgesundheitsministerium (BMG) im Januar dann bekannt, dass es nicht nur 64 Millionen Moderna-Boosterdosen im ersten Quartal dieses Jahres bekomme, sondern noch 22,3 Millionen Dosen aus dem Vorjahr lagere – weit mehr, als selbst bei maximal erhöhter Impfquote benötigt würde.

Auf Nachfrage kann das BMG bislang nicht erklären, wie es mit den überschüssigen Vakzinen umgehen will und wann diese verfallen. Die Abfrage in den Ländern zeigt nun, dass man dort offenbar vielfach Moderna-Impfstoffe vernichtet oder zurück an den Bund schickt. Bei diesem scheint sich der Moderna-Bestand indes nur noch weiter zu vergrößern.

Auch Biontech wird vernichtet

Wie das Sozialministerium Sachsen auf Anfrage mitteilte, kam es nach einer sehr hohen Nachfrage an Impfungen im Dezember zu einem schnellen Rückgang kurz nach Weihnachten. Gleichzeitig seien die Verantwortlichen zu diesem Zeitpunkt davon ausgegangen, dass eine noch größere Kapazität benötigt werde.

Im Januar ist die Nachfrage dann aber „weiter massiv zurückgegangen“, so das Ministerium. 38.000 Impfdosen von Moderna seien daraufhin wegen abgelaufener Haltbarkeit entsorgt worden. Vom Hersteller Biontech wurden rund 1000 Dosen vernichtet und 100 von Johnson & Johnson.

Die Zahlen beziehen sich auf Angaben des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Dieses agiert in Sachsen als „Auffang-Impfinfrastruktur“ für andere, nicht-staatliche Impfstellen und übernimmt Impfstoff etwa von Krankenhäusern oder Landkreisen, die diese nicht verabreichen können. Zahlen zur vernichteten Impfstoffmenge von nicht-staatlichen Impfangeboten liegen dem Tagesspiegel Background nicht vor.

Es sei eine Herausforderung, Bedarf „und damit Bestellung und tatsächliche Nachfrage“ auszutarieren, so das Sozialministerium Sachsen. Der Moderna-Impfstoff müsse zwei Wochen im Vorfeld bestellt und dann innerhalb von vier Wochen verbraucht werden.

Biontech werde hingegen noch zentral ausgegeben und tiefgekühlt. „Daher kann dort recht kurzfristig auf Veränderung der Nachfrage reagiert werden.“ Der Impfstoff wird erst zwei Tage vor der Auslieferung aufgetaut.

Ein Booster mit dem amerikanischen Wirkstoff besteht nur aus einer halben Dosis.

Foto: AP

In Rheinland-Pfalz sind nach Angaben des dortigen Ministerium 5420 Moderna-Impfstoffdosen und lediglich 18 von Biontech vernichtet worden. Allerdings seien auch nur 35.100 der ursprünglich 91.260 bestellten Biontech-Dosen geliefert worden. Die 60.000 bestellten Moderna-Dosen kamen hingegen wie geplant an.

Ende Dezember wurden 16.380 Impfdosen Biontech und Ende Januar 12.000 Impfdosen Moderna an den Pharmagroßhandel abgegeben, um den Bedarf bei den niedergelassenen Ärzten zu decken. Im Zeitraum von Ende Dezember bis Anfang Januar sind 21.500 Impfdosen von verschiedenen Impfberechtigten (z. B. Krankenhäuser, Apotheken, Bundes-, Landespolizei) angenommen worden, um diese vor dem Verfall in den Impfzentren und Impfstellen des Landes zu verimpfen.

Großer Impfstoffverwurf bei geöffneten Vials

Wie das Ministerium in Brandenburg erklärte, wurden im Januar 18.000 Impfstoffdosen von Moderna und 3000 von Biontech vernichtet. Eine Impfstoffabgabe an andere Bundesländer sei „von einigen Landkreisen und Einrichtungen“ durchgeführt worden. In Thüringen wurden 1030 Moderna-Impfstoffdosen vernichtet. Bestellt worden sind für das zentrale Impfstofflager im Januar 171.320 Dosen.

In Bremen sind 3084 Biontech-Dosen vernichtet worden. 84 davon entfallen auf die Stadt Bremen, die Impfstoffe mit sehr kurzer Haltbarkeit aus einem Landkreis im niedersächsischen Umfeld übernommen habe. Die 3000 in Stadt Bremerhaven vernichteten Impfstoffe wurden bei zu geringer Temperatur geliefert und waren deutlich kürzer haltbar.

Das Impfzentrum Bremen sei in der Lage, Impfstoff in größeren Mengen von anderen Leistungserbringern zu übernehmen und diesen auch kurzfristig zu verimpfen, hieß es.

An andere Stellen sei deshalb kein Impfstoff abgegeben worden. Insgesamt bestellt wurden im Land Bremen 17.640 Dosen Biontech und 2500 von Moderna. Letztere gingen komplett an die Stadt Bremerhaven. Von anderen Leistungserbringen übernommen hat Bremen 3990 Dosen Biontech und 5410 von Moderna.

Überhaupt kein Impfstoff musste im Saarland im Januar vernichtet werden, auch ist kein Impfstoff an andere Stellen wie die Länder abgegeben worden. Bestellt hatte das Saarland ursprünglich 76.260 Biontech-Impfstoffdosen, allerdings hat es aufgrund der Kontingentierung zu Beginn des Jahres nur 30.726 Dosen erhalten. 12.000 Moderna-Dosen konnten hingegen wie bestellt geliefert werden.

Auch Niedersachsen teilt mit, dass das Gesundheitsministerium keine Kenntnis von Impfstoffvernichtungen hat, da diese nicht mitgeteilt werden müssten. Seit Oktober werden Impfstoffe durch die Gesundheitsämter über die Apotheken bestellt.

Bekannt ist aber, dass das Interesse im Januar „plötzlich eingebrochen ist“ und die Bestellmengen vor Ort sich teilweise noch an den Impfzahlen im Dezember orientiert haben. Das Ministerium wies zudem darauf hin, „dass sich Impfstoffverwurf durch die Mehrdosenbehältnisse, die geöffnet nur kurz haltbar sind, leider nicht immer vollständig vermeiden lässt“.

Lieferkürzungen führte zu Mehrbestellungen

Wie gerade eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei den Landkreisen und kreisfreien Städten zeigt, musste in Niedersachsen dennoch eine große Menge Impfstoff vernichtet werden.

Nur sechs der 30 Kommunen, die eine Rückmeldung gaben, haben bisher noch keinen Impfstoff beseitigen müssen – dazu zählte etwa die Region Hannover. Im Landkreis Lüneburg mussten etwa nach Angaben einer Sprecherin im Januar insgesamt 5.000 Dosen vernichtet werden.

Der Landkreis Osterholz spricht von 3600 Dosen. Dem Landkreis Hameln-Pyrmont zufolge wurden 300 Impfstoff-Fläschchen weggeschmissen, was eine weit höhere Zahl an Dosen bedeutet. Die Stadt Osnabrück berichtete etwa von 100 Fläschchen Moderna, die entsorgt werden mussten, was bis zu 2000 Dosen für Auffrischungsimpfungen entspreche. Mehrere Kommunen gaben an, dass vereinzelt Impfstoff entsorgt werden musste, nannten aber keine konkreten Zahlen.

Wie der Landkreis Verden berichtete, hat es in der Vergangenheit zudem wiederholt Kürzungen von Impfstofflieferungen gegeben. Um den Bedarf sicherzustellen, sei deswegen mehr bestellt worden. Eine Sprecherin des Landkreises Lüchow-Dannenberg berichtete, dass der Landkreis Ende Dezember unangekündigt 3000 Impfdosen bekommen habe, die jedoch über dem tatsächlichen Bedarf gelegen hätten. Auch andere Landkreise gaben an, Sonderlieferungen erhalten zu haben, die sich jedoch nicht an der Nachfrage orientiert hätten, sondern an der Einwohnerzahl.

Aus Nordrhein-Westfalen heißt es zumindest von Ministeriumsseite, dass keine Dosen vernichtet worden seien. Die Kreise und kreisfreien Städte bestellen die Impfstoffdosen allerdings direkt beim Bund und werden von diesem auch direkt beliefert. Das Land habe auch keine Sonderlieferungen für den Notvorrat vom Bund erhalten.

Impfdosen würden „grundsätzlich rechtzeitig vor Erreichen der Verfallgrenze an die Kreise und kreisfreien Städte zur prioritären Verimpfung abgegeben“. So hätten im Januar gar keine Vials mit kurzem Verfall im nordrhein-westfälischen Landeslager gelagert.

Der Impfstoff muss kühl gelagert werden.

Foto: dpa

Auch das Land Baden-Württemberg betreibt keine eigene Impfstofflogistik, weshalb das Ministerium keine Angaben zu vernichtetem Impfstoff machen kann. Einzig Mitte Dezember hatte das Land auf Initiative von Minister Manne Lucha (Grüne) eine Sonderlieferung von 400.000 Biontech-Dosen erhalten, um „damalige Lücken in der Impfstoffversorgung etwas abzufedern“. Hamburg und Schleswig-Holstein erklärten ebenfalls, dass nach Auskunft der Ministerien keine Impfstoffe vernichtet worden seien.

Hessen und Bayern konnten keine Angaben machen. Der Verwurf werde nicht von allen Leistungserbringern erfasst und an die Ministerien gemeldet. Bayern hat zudem bereits im Oktober 317.300 Impfdosen Moderna an den Bund zurückgegeben.

Beim Bund lagern 28,5 Millionen Moderna-Dosen

Wie das Bundesgesundheitsministerium auf Nachfrage von Tagesspiegel Background mitteilte, seien bis Anfang Februar 126.000 Dosen Bintech, 2,7 Millionen Dosen Moderna und 36.000 Dosen von Johnson & Johnson von den Ländern und dem pharmazeutischen Großhandel an das zentrale Lager des Bundes zurückgeführt worden.

Diese Impfstoffe seien „nach Prüfung dem Bundesbestand wieder zugeführt“ worden. Ganz anders bei Astra-Zeneca: Die vier Millionen bereits im Herbst zurückgegeben Dosen wurden im Rahmen bilateraler Abkommen als Impfstoffspende abgegeben. Weil der Bund über die zentrale Beschaffung und Finanzierung von Covid-19-Impfstoffen zuständig ist, erfolgen Impfstoffspenden an Drittstaaten ausschließlich über den Bund.

Der Bund verfügt mit Stand 7. Februar über 5,8 Millionen Dosen Biontech für Menschen ab zwölf Jahren sowie 2,3 Millionen Impfstoffdosen für Kinder im Alter zwischen fünf und elf Jahren.

Verwandte Themen
Moderna
Biontech
Karl Lauterbach
Bremen
Johnson & Johnson
Bayern

Daneben werden insgesamt 28,5 Millionen Erstimpfungsdosen Moderna sowie 1,3 Millionen Dosen Johnson & Johnson in den zentralen Lagern des Bundes bevorratet – Anfang Januar war noch von 22,3 Millionen gelagerten Boosterdosen Moderna die Rede, was ungefähr 11 Millionen Dosen entspricht.

Eine Verteilung erfolge auf Bestellungen der Leistungserbringer anhand der Verfalldaten der Impfstoffe, erklärt das Ministerium. So sei möglich, dass Impfstoffe entweder sofort verteilt werden oder zunächst eine Einlagerung erfolgt.
Dieser Text ist zuerst im Tagesspiegel erschienen.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt