Fachkräftemangel: Wie der Arbeitsmarkt von ausländischen Studierenden profitiert
Berlin. Deutschland ist attraktiv für Studierende aus dem Ausland. Vor allem für naturwissenschaftlich-technische Fachrichtungen wählen junge Leute gern eine hiesige Universität.
Das ist eigentlich eine gute Nachricht für den Standort Deutschland, denn die Absolventen dieser Fachrichtungen sind auf dem Arbeitsmarkt besonders gefragt. Jedoch gelingt es nicht immer, die angehenden oder fertigen Akademiker im Land zu halten und hier ins Berufsleben zu integrieren.
Das zeigt eine Studie des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, die dem Handelsblatt vorab vorliegt. Dafür hat der Betreiber einer Onlineplattform für internationale Studierende Fintiba Mitte 2022 rund 7300 Studentinnen und Studenten aus 120 Ländern befragt. Sie berichten von vielen positiven Erfahrungen in Deutschland, aber auch von Hürden, die immerhin gut die Hälfte von ihnen dazu bewegen, die Bundesrepublik wieder zu verlassen.
Im Ranking der internationalen Studienländer liegt Deutschland mittlerweile hinter den USA, Großbritannien und Australien auf dem vierten Platz. Das belegen auch Daten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). Und das Interesse wächst: Studierten im Wintersemester 2018/19 hierzulande gut 302.000 Menschen, waren es im Wintersemester 2022/23 schon knapp 368.000.
Jeder Fünfte von ihnen stammt aus China oder Indien, mit Anteilen von jeweils rund elf Prozent. Auf den Plätzen drei bis fünf folgen Syrien, Österreich und die Türkei mit Anteilen an allen ausländischen Studierenden von jeweils rund vier Prozent.
Für das Wachstum in Deutschland sind internationale Studierende auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie helfen könnten, die große Fachkräftelücke zu füllen, die vor allem im naturwissenschaftlich-technischen Bereich besteht. Nach einer Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) fehlen in technischen Berufen trotz der schwachen Konjunktur immer noch rund 285.000 Fachkräfte.
Studierende aus dem Ausland belegen überdurchschnittlich häufig eines der sogenannten MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Im Wintersemester 2022/23 waren rund 55 Prozent von ihnen in einem dieser Fächer eingeschrieben. Bei den deutschen Studierenden lag der Anteil nur bei etwas mehr als einem Drittel.
Umso wichtiger ist es also, die ausländischen Akademiker dann auch in Deutschland zu halten – zumal ihre Ausbildung von den deutschen Steuerzahlern finanziert wird und sie keine Studiengebühren zahlen.
In Teilen gelingt das schon gut. Laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) leben zehn Jahre nach Studienbeginn 45 Prozent der internationalen Studierenden noch in Deutschland. Im Industrieländervergleich kommt nur Kanada auf ähnlich hohe Werte.
Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass mehr als die Hälfte die Bundesrepublik wieder verlassen hat – entweder ohne das Studium abzuschließen oder als fertige Akademiker.
Probleme mit Bürokratie und bei der Jobwahl
Den Gründen spürt die Untersuchung des Stifterverbands nach. Ganz oben auf der Liste stehen Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Mehr als jeder dritte Befragte beklagt, dass wichtige Informationen nicht auch auf Englisch bereitgestellt werden.
Das beträfe sowohl die Studiengänge selbst als auch Anerkennungsdatenbanken. Gut ein Fünftel berichtet zudem von Schwierigkeiten mit der deutschen Bürokratie in Gestalt der Einwanderungsbehörden.
» Lesen Sie auch: Warum der Traum vom Arbeiten in Deutschland oft scheitert
Probleme schildern die Befragten demnach auch beim Übergang von der Hochschule ins Arbeitsleben. Etwa ein Drittel der internationalen Studierenden tut sich schwer bei der Berufssuche. Ein Grund dafür ist, dass ihnen Praxiserfahrung fehlt oder sie keinen Zugang zu möglichen Arbeitgebern haben.
Bei einigen Befragten, die ihr Studium abgebrochen beziehungsweise Deutschland wieder verlassen haben, spielen außerdem finanzielle Probleme durch die hohen Lebenshaltungskosten oder nicht verlängerte Visa eine Rolle. Hauptgrund dafür, nach dem Studium in Deutschland doch in ein anderes Land umzuziehen, sind laut der Studie aber die besseren Karrieremöglichkeiten, die sich dort bieten.
Aus Sicht des Stifterverbands ließen sich einige der genannten Hürden für die erfolgreiche Integration in Deutschland abbauen. Dafür sollten die Hochschulen den Erwerb der deutschen Sprache noch stärker fördern, etwa über Praktika oder spezielle Betreuungsangebote. Sogenannte Buddy-Programme könnten Studierenden aus dem Ausland helfen, über den Kommilitonenkreis hinaus soziale Netzwerke zu knüpfen.
Auch Arbeitgeber will der Verband in die Pflicht nehmen. Sie könnten über Mentoringprogramme oder Berufsinformationsveranstaltungen noch stärker Kontakt zu den Hochschulen und damit auch zu ausländischen Studierenden knüpfen. Abhilfe bei finanziellen Problemen ließe sich etwa durch Stipendienprogramme schaffen, die gemeinsam von Staat und Wirtschaft aufgelegt werden.
Nötig seien „passende politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die die stabilisierenden und bereichernden Potenziale internationaler Studierender adressieren“, heißt es zusammenfassend in der Studie. Denn sie spielten angesichts der schrumpfenden Bevölkerung und des Fachkräftemangels am Arbeitsmarkt eine immer bedeutendere Rolle.
Erstpublikation: 09.04.2024, 04:06 Uhr.