Interview: Ökonom Cantner über Forschungsförderung: „Staat muss Zügel in die Hand nehmen“
Der Wirtschaftswissenschaftler leitet die leitet seit Kurzem die Expertenkommission für Forschung und Innovation.
Foto: Uni JenaDer Jenaer Ökonom Uwe Cantner leitet seit Kurzem die Expertenkommission für Forschung und Innovation EFI, die die Bundesregierung berät.
Herr Cantner, 3,13 Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung – super?
Das ist schön. Rein rechnerisch müssen wir nun bei durchschnittlich 1,5 Prozent Wachstum jährlich 3,7 Milliarden zulegen, um 2025 das 3,5-Prozent-Ziel zu erreichen. Das scheint machbar. Und es sieht so aus, als ob die Unternehmen überproportional mehr beigetragen haben als der Staat.
Sie sehen die Lage trotzdem kritisch?
Ja, weil wir nicht wissen, wohin genau das Geld fließt. Stecken es die Unternehmen in tradierte Technologien, die vielleicht gar nicht mehr zukunftsfähig sind, oder in innovative? Das ist die entscheidende Frage. Denn wir brauchen eine Richtungsänderung – über die die Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung nichts aussagen.
Die Autobauer haben gut zugelegt ...
Aber wir wissen nicht, ob sie vor allem Verbrennermotoren noch besser und sparsamer machen wollen oder ob sie vor allem in alternative, zukunftsträchtige Antriebe investieren.
Wie gelingt der Richtungswechsel?
Angesichts der Probleme mit Klima, Umwelt, Ressourcen, sozialer Ungleichheit und unserer Souveränität bei IT muss die Politik die Zügel eine Zeit lang in die Hand nehmen, um entsprechende Anreize für eine nötige Richtungsänderung der Wirtschaft zu setzen. Wenn die Unternehmen dann auf den Pfad eingeschwenkt haben, kann man es wieder laufen lassen.
Nimmt der Bund mit dem Klimapaket „die Zügel in die Hand“?
Nein, das ist viel zu wenig. Der geplante CO2-Preis von zehn Euro ist deutlich zu niedrig. Um die Umweltschäden auszugleichen, müssten es sogar 180 Euro sein. Aber auch um die erneuerbaren Energien wettbewerbsfähig zu machen, müsste er zwischen 50 und 80 Euro liegen. Die Technologien sind alle vorhanden, es muss nur noch der Preis richtig gesetzt werden, um sie in den Markt zu bringen.
Reichen drei Milliarden Euro für die Künstliche Intelligenz?
Drei Milliarden sind ein sicherlich guter Anfang. Hier muss der Staat jetzt klotzen. Er kann dann auch schnell wieder raus, wenn der Prozess von selber läuft. Wenn es die Unternehmen kapiert haben, kann man wieder aufhören, sie zu pampern. Und es hätte schon viel mehr passieren müssen. Der Bund tut sich in der Umsetzung unendlich schwer.