Pflege: In der Pflege fehlen bis zu 690.000 Fachkräfte
Berlin. Deutschland steht vor einer gewaltigen Fachkräftelücke in der Pflege. Aufgrund der Alterung der Gesellschaft könnten nach einer Prognose des Statistischen Bundesamts bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen.
Wie die Wiesbadener Behörde am Mittwoch mitteilte, steigt der Bedarf an Pflegekräften bis 2049 im Vergleich zu 2019 voraussichtlich um ein Drittel auf insgesamt 2,15 Millionen. Für das Vor-Corona-Jahr 2019 rechnete Destatis mit einem Bedarf von 1,62 Millionen Pflegekräften.
Die Gründe für den Mangel sind vielfältig. Im Wesentlichen aber trifft ein steigender Personalbedarf durch mehr und mehr Pflegebedürftige auf teils unattraktive Arbeitsbedingungen. Die Probleme sind seit Jahren bekannt, wirklich verbessert hat sich die Lage allerdings nicht. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat teilweise die Bedingungen verbessert, unter anderem mit einem höheren Pflegemindestlohn.
Die Prognosen sorgten für teils alarmierte Reaktionen. „Der Mangel an Pflegefachkräften ist eklatant und wird sich in den nächsten Jahren weiter verschärfen“, sagte die Grünen-Politikerin Kordula Schulz-Asche dem Handelsblatt. Der Schlüssel sei, den Pflegeberuf attraktiver zu machen. Hier habe die Koalition bereits wichtige Schritte unternommen, die sich allerdings erst in den nächsten Jahren voll entfalten würden.
Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, kommentierte wieder auf X: „Der Pflegenotstand in Deutschland wird immer größer“. Ohne noch stärkere Migration werde Deutschland weder seine Wirtschaft noch seine Sozialsysteme retten können.
Laut der Vorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen, Ulrike Elsner, zeige der Mangel wiederum, „dass an einer Modernisierung der Versorgungsstrukturen kein Weg vorbeiführt.“ Die ambulante Versorgung müsse gestärkt und digitale Tools stärker genutzt werden. „Das führt zu einem effizienten Einsatz des Pflegepersonals und einer höheren Versorgungsqualität“, sagte sie dem Handelsblatt.
Zur Entwicklung der Zahl an Pflegekräften wurden zwei Varianten mit unterschiedlichem Fokus auf demografischen und gesellschaftlichen Veränderungen vorausberechnet:
Bei der „Trend-Variante“ berücksichtigte Destatis neben der demografischen Entwicklung auch die positiven Trends am Pflegearbeitsmarkt aus den 2010er-Jahren. Danach steigt die Zahl der erwerbstätigen Pflegekräfte bis 2049 auf 1,87 Millionen. Daraus ergibt sich eine Lücke von 280.000 Pflegekräften.
Die „Status-quo-Variante“ zeigt dagegen ausschließlich die Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die künftige Zahl an Pflegekräften. Nach dieser Variante würde die Zahl der Pflegekräfte von 1,62 Millionen im Jahr 2019 bis 2049 auf 1,46 Millionen sinken.
Aussteiger könnten zurückkehren
Dabei ist es durchaus nicht unrealistisch, die bestehende Lücke mit den vorhandenen Pflegefachkräften zu schließen, wie eine von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie aus dem Jahr 2022 nahelegt.
Demnach stünden mindestens 300.000 Vollzeitpflegekräfte zusätzlich zur Verfügung, wenn es gelänge, Aussteiger zur Rückkehr in den Beruf und Teilzeitkräfte zur Aufstockung ihrer Arbeitszeit zu motivieren. Voraussetzung wäre aber eine deutliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen.
Für die Studie wurden rund 12.700 ausgestiegene sowie in Teilzeit beschäftigte Pflegekräfte befragt. Als zentrale Bedingungen für die Rückkehr in den Beruf oder eine Aufstockung der Arbeitszeit nannten die Befragten beispielsweise eine bessere Bezahlung, verlässliche Arbeitszeiten und mehr Zeit für menschliche Zuwendung.
In einem optimistischen Szenario stünden dann sogar bis zu 660.000 Vollzeitpflegekräfte zusätzlich bereit. Das entspricht etwa der nun prognostizierten Lücke.