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Rafael Laguna Deutschlands Cheferfinder fahndet nach der großen Innovation

Rafael Laguna sucht für die Bundesregierung nach Neuheiten, die eine Branche umkrempeln können. Der Zukunftsmanager hat einige Projekte auf dem Zettel, aber hadert mit den Finanzierungsregeln.
06.07.2020 - 15:29 Uhr Kommentieren
Der Unternehmer sucht im Auftrag der Bundesregierung nach Sprunginnovationen, die ganze Branchen umkrempeln. Quelle: dpa
Rafael Laguna

Der Unternehmer sucht im Auftrag der Bundesregierung nach Sprunginnovationen, die ganze Branchen umkrempeln.

(Foto: dpa)

Berlin Rafael Laguna sucht im Auftrag der Bundesregierung nach sogenannten Sprunginnovationen. Das sind Neuheiten, die eine Branche völlig umkrempeln oder völlig neue Wege ermöglichen. Die ersten Projekte könne man voraussichtlich schon ab September finanzieren, sagt Deutschlands Chefinnovator im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wir geben Vollgas.“

Lagunas Leipziger Agentur für Sprunginnovationen namens SprinD hat seit ihrer Gründung im vergangenen Herbst eine ganze Palette von Themen identifiziert – von einer Technik zur Entfernung von Mikroplastik aus Wasser über einen stromsparenden Analogcomputer bis zu einem Megawindrad in der Größe des Berliner Fernsehturms.

Trotz der Coronakrise sieht Laguna die Lage weiter positiv: „Die Pandemie hat den Erfindergeist nicht abgewürgt, sondern eher beflügelt.“ Natürlich seien Start-ups pleitegegangen, auch weil die Risikokapitalgeber extrem vorsichtig geworden sind. Dennoch sei die Stimmung äußerst gut. Nicht nur, weil „im Keller sitzen, tüfteln und ab und zu eine Videokonferenz abhalten für Nerds, wie wir sie suchen, ohnehin der Normalzustand ist“, sagt Laguna und lacht. 

Die Coronakrise habe in Sachen Digitalisierung in Deutschland enormen Nachholbedarf offenbart. Zugleich sieht Laguna in der Corona-App ein ermutigendes Beispiel: „Am Anfang haben viele geunkt, aber dann haben wir alles richtig gemacht: open source, dezentral und Vertrauen geschaffen. Und – bums! – werden wir von der ganzen Welt für ein Digitalprojekt beneidet. Das gab es schon lange nicht mehr“, sagt Laguna. „Diesen Geist müssen wir jetzt für die überfällige Digitalisierung vor allem beim Staat nutzen.“ 

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    Dass die schwedische Risikokapitalgeberin Sophia Bendz zum Risikokapitalgeber Cherry Ventures nach Berlin wechselte, sei eine gute Nachricht für die Start-up-Szene in Deutschland. „Wenn schlaues Kapital, und dann auch noch europäisches, hier herkommt, muss man dankbar sein“, so Laguna. Denn erstens sei Risikokapital immer knapp, zweitens käme es sonst vor allem von US-Amerikanern, Chinesen oder Saudis, „also weiter von unserem Kulturkreis entfernt“. 

    Beihilferecht als Hemmschuh

    Laguna warnt auch vor der Gefahr, „dass uns Innovationen weggekauft und außer Landes geschafft werden“. Das habe etwa die USA beim Impfstoffentwickler Curevac versucht. In China und den USA habe man „mit Beihilferecht gar nichts am Hut“.

    Das Vorbild für die Sprunginnovationsagentur SprinD ist die amerikanische Defense Advanced Research Projects Agency (Darpa), die beim US-Verteidigungsministerium angesiedelt ist. Doch während SprinD über ein Budget von gut einer Milliarde Euro für zehn Jahre verfügt, kann die Darpa pro Jahr rund 3,5 Milliarden Dollar ausgeben – und damit auch „jede Menge Geld in Start-ups stecken“, so Laguna. „Wir dürfen das gar nicht“, klagt der deutsche Chefinnovator, „denn unser aktuell geltendes Beihilferecht ist eine Katastrophe.“ 

    Den Fachleuten in der Bundesregierung sei durchaus bewusst, dass man sich mit den geltenden Regeln selbst fessele, obwohl man im globalen Wettbewerb stehe. Ändern könne man das aber nur auf EU-Ebene. „Ich hoffe deshalb sehr, dass Deutschland während unserer Ratspräsidentschaft hier eine Reform anstößt.“

    Wenn das Beihilfeproblem gelöst sei, könne Deutschland auch viel besser mit seinen Pfunden wuchern. „In der Coronakrise hat die ganze Welt gesehen, wie wertvoll unser System ist: ein funktionierendes Gesundheitssystem, eine Politik, die anders als in den USA nicht durch Spaltung gelähmt ist, keine antiwissenschaftliche Atmosphäre und große Anstrengungen für Umwelt- und Klimaschutz. Das finden auch Chinesen und Amerikaner toll. Und weil dieses europäische Wertesystem auch in unseren Produkten steckt, ist es ein echter Exportschlager. Das sollten wir als ‚Made in Germany 2.0‘ vermarkten.“ 

    In diesem Sinne suchen Laguna und sein Team – bis Jahresende sollen es rund 25 Innovationsmanager sein – nach Topinnovationen. „Meine anfängliche Sorge, wir könnten vielleicht nicht genug interessante Innovationen finden, hat sich zerstreut: Es haben sich schon 170 bei uns gemeldet, wir kommen kaum mit der Sichtung hinterher.“ 30 sind in der engeren Wahl, fünf haben bereits kleinere sechsstellige Beträge bekommen, um ihre Idee weiterzuentwickeln. „Wenn sie dann immer noch gut sind, können wir sie ab Herbst fest finanzieren.“ 

    Drei Hoffnungsträger

    Aktuell setzt Laguna vor allem auf drei Projekte: den sogenannten Analogrechner, die Infrastruktur für die europäische Datenwolke Gaia-X und eine Lösung für das Mikroplastikproblem.

    Der Analogcomputer ist ein Projekt des Frankfurter Informatikers Bernd Ulmann. „Der könnte 100.000 Mal schneller sein als ein Digitalcomputer und dabei nur ein 100.000stel der Energie brauchen“, schwärmt Laguna.

    Der etwa schrankgroße Rechner verbrauche nicht mehr Energie als ein Heizlüfter. „Das ist keine Magie, sondern möglich“, sagt Bernd Ulmann, der den Analogcomputer erfunden hat. Für die Realisierung benötige er lediglich eine Mannschaft von zehn bis 15 Experten und zwei Jahre Zeit. 

    Die IT-Infrastruktur für die europäische Cloud-Infrastruktur Gaia-X, die der Open-Source-Vordenker und IT-Stratege Kurt Garloff entwickelt hat, sei dagegen „im Prinzip fertig“, berichtet Laguna. Die Infrastruktur könne von jedermann angeschaut werden. „Ich bin sicher, dass schon Anfang 2021 erste Unternehmen das Gaia- X-Angebot nutzen werden“, sagt Laguna. Gaia-X ist ein zentrales industriepolitisches Projekt der Bundesregierung. Die Cloud-Infrastruktur soll dabei helfen, die europäische Wirtschaft von großen Cloud-Anbietern aus den USA und China unabhängig zu machen.

    Um ein ganz anderes Thema geht es beim dritten Hoffnungsträger. Der Kölner Innovator Roland Damann will die Wasserverschmutzung mit kleinen Plastikteilchen, dem sogenannten Mikroplastik, bekämpfen. Damann setzt auf eine Art Schwimmring, der mithilfe von Gasbläschen Mikroplastik ausschwemmt. An Land hat sich die sogenannte „Microflotation“ bereits bewährt, Damann will sie nun in Gewässern einsetzen.

    Der Vorsitzende der Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI), der Jenaer Ökonom Uwe Cantner, lobt die Ansätze: „Drei Projekte sind gut gewählt, allesamt im Rahmen dessen, was man erwarten konnte und sicherlich mit großen Potentialen aber auch erheblichen Unsicherheiten verknüpft.“

    Cantners Vorgänger Dietmar Harhoff hatte die Kanzlerin lange gedrängt, auch in Deutschland so etwas wie die Darpa zu gründen. „ Die Agentur wird nun zeigen müssen, was in ihr steckt und das bemisst sich nicht in erster Linie daran, ob die Projekte letztendlich einzeln oder insgesamt erfolgreich sind, sondern wie es Laguna und Mitarbeitern gelingt, den Zeitpunkt richtig zu erfassen, ab dem man entweder weiterfördert oder es eben lässt“, sagt Cantner.

    Laguna hat neben den drei Projekten noch mehr Innovationen in petto. Darunter ein Hochwindanlage, die mit einer Höhe von 250 Metern mit dem Berliner Fernsehturm mithalten kann. „Da stecken mehrere Ingenieur-Geniestreiche drin“, sagt Laguna. „Und wenn’s klappt, können wir in dieser Höhe fast kontinuierlich Storm produzieren“, und das zu einem Drittel der bisherigen Kosten. Mehr will Laguna angesichts laufender Patentverfahren nicht verraten. 

    Und schließlich gebe es da noch ein Medizinprojekt, das „viele Leben retten und schreckliche Verläufe einer weitverbreiteten Krankheit verhindern könnte“, sagt Laguna vage. Nein, es gehe nicht um Krebs, aber es sei eine Ausgründung eines großen wissenschaftlichen Instituts, an der auch Nobelpreisträger beteiligt seien. Mehr Infos gibt es vielleicht noch in diesem Jahr, so der Innovations-Schatzsucher. 

    Mehr: Warum die Grünen mehr Hilfe für forschende Unternehmen fordern

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