Sicherheitsfirmen: Flughafen-Chaos: Verschärft ein Poker um Schulungskosten den Mangel an Kontrollpersonal?
Lange Schlangen, genervte Passagiere, abgesagte Flüge: in diesem Sommer zeigt sich die Misere bei den Arbeitskräften auf dem Airport besonders deutlich.
Foto: IMAGO/i ImagesFrankfurt. An deutschen Flughäfen herrscht in diesem Sommer Chaos. Es fehlt nicht nur Personal an den Schaltern und für das Gepäck, sondern auch für die Sicherheitskontrollen. Die Zustände werden sich wohl auch nicht so schnell bessern. Denn offenbar setzen die Unternehmen, um bei der vorgeschriebenen Ausbildung Geld zu sparen, bei der Anwerbung neuer Kontrollkräfte vor allem auf arbeitslose Bewerber.
Als Ursache der Misere identifiziert Jurock vor allem den Kostendruck durch die Privatisierung der Kontrollaufgaben. In München, wo eine Landesgesellschaft für die Kontrollen zuständig sei, gäbe es diese Personalnot nicht.
Anders stellt es der Präsident des Bundesverbands der Luftsicherheitsunternehmen (BDLS), Udo Hansen, dar. Es stünden für den Regelbetrieb genügend Kontrollkräfte unter Vertrag, so Hansen. Probleme resultierten hauptsächlich aus dem erhöhten Krankenstand und daraus, dass es wegen des Personalmangels im gesamten Flughafenbetrieb oft zu unvorhergesehenen Änderungen des Passagieraufkommens an den Sicherheitsschleusen käme. Doch die Wahrheit ist komplizierter.
Wer als Flugsicherheitsassistent arbeiten will, muss mindestens 264 Pflichtstunden Schulung absolvieren und eine Prüfung bestehen. Die meisten fallen beim ersten Versuch durch, berichtet Jurock. Wer es schafft, kann je nach Bundesland um die 20 Euro pro Stunde verdienen, allerdings meist nur in Teilzeit und im Schichtdienst.
Hohe Schulungskosten und hohe Durchfallquoten
Die Schulung, die mehrere Tausend Euro kosten soll, und die hohen Durchfallquoten sind ein Problem für die Sicherheitsfirmen. In der Vergangenheit scheinen sich die meisten darauf verlassen zu haben, genug arbeitslose Kandidaten zu finden, die von der Bundesagentur für Arbeit oder dem Jobcenter die Schulung und den Lebensunterhalt während dieser Zeit finanziert bekommen. Damit war vielleicht auch noch ein zusätzlicher Gewinn zu machen, mutmaßt Jurock, auf jeden Fall kostete es die Arbeitgeber nichts.
Die Schulung zum Flugsicherheitsassistenten kostet mehrere Tausend Euro.
Foto: IMAGO/Rolf KremmingJurocks Kollege Roberto Di Benedetti, der für den Stuttgarter Flughafen zuständig ist, bestätigt: „In der Vergangenheit konnte man den Eindruck bekommen, dass es manchen Firmen mehr darum ging, mit vom Staat finanzierten Schulungen Geld zu verdienen, als langfristig Luftsicherheitspersonal aufzubauen.“
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Offenbar war es der Normalfall, dass der Steuerzahler für die teure Ausbildung des Personals an den Sicherheitsschleusen aufkam und so die niedrigen Flugpreise subventionierte. Aber jetzt, da der zunehmende Flugverkehr auf eine während der Pandemie stark ausgedünnte Personaldecke trifft und sich zudem viele andere Arbeitgeber um freie Arbeitskräfte reißen, funktioniert das nicht mehr.
Doch die Firmen, die mit besonders niedrigen Preisen von der Bundespolizei jeweils den Zuschlag für die Kontrollen in einem Flughafenbereich bekommen haben, tun sich offenbar schwer, das Geschäftsmodell an die neuen Gegebenheiten anzupassen.
Angebot nur für Arbeitslose
Wer bei einer Stellenausschreibung durch die Schulungsfirma Gaetan Data für die Firma Securitas Aviation am Flughafen Berlin/Brandenburg anfragt, ob die Kosten einer eventuell nötigen Ausbildung vom Arbeitgeber übernommen würden, erfährt: „Der Lehrgang dauert mit der vorgeschriebenen Zuverlässigkeits- und Sicherheitsprüfung vier bis fünf Monate. Das Angebot richtet sich insbesondere an Bewerber, die zurzeit arbeitsuchend gemeldet sind und über Jobcenter, Arbeitsagentur oder einen anderen Kostenträger im Rahmen eines Bildungsgutscheines förderfähig sind.“ Auf der Website der großen Schulungsfirma Gate Aviation liest man Ähnliches.
Auf Nachfrage antwortete Gaetan dem Handelsblatt, die lange Dauer von bis zu fünf Monaten liege daran, dass die vorgeschriebene Zuverlässigkeitsprüfung acht bis zwölf Wochen dauere und Teile der Schulung erst danach stattfinden dürften. Langsame Mühlen mancher Landesbürokratie tragen offenbar auch zum Problem bei.
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Securitas, der deutsche Ableger einer schwedischen Sicherheitsfirma, antwortete auf Anfrage, man habe neben solchen Ausbildungsmodellen für Arbeitsuchende in Kooperation mit Bildungsträgern auch eine duale Ausbildung für Jobwechsler mit Vergütung.
Die Verdi-Leute Jurock und Di Benedetti bestätigen, dass Kostenübernahmen durch die Arbeitgeber inzwischen mindestens von Fall zu Fall vorkämen. Doch während etwa bei den Gepäckabfertigern ein ausgelobtes Willkommensgeld von 1000 Euro schon fast die Regel ist, halten sich die Sicherheitsfirmen zurück mit Versprechen, die Kosten für die Schulung zu übernehmen und die Schulungszeit zu entlohnen. Möglicherweise scheuen sie das Risiko, dass Arbeitsagentur und Jobcenter dann keine Bildungsgutscheine mehr ausstellen würden.
Das große Schweigen
Das Thema ist offenbar so sensibel, dass sich die betroffenen Luftsicherheitsfirmen und auch die Bundespolizei nicht äußern wollen. Ein Sprecher der Bundespolizei am Hamburger Flughafen wollte keine Auskunft zu Durchfallquoten bei der Prüfung geben. Für die Frage, ob die von der Bundespolizei beauftragte Sicherheitsfirma genug Personal habe, um Kontrolleure, so wie von der Bundespolizei angefordert, zu stellen, verwies der Sprecher an FraSec, eine Tochter des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport AG.
Von FraSec kommt die Auskunft, der Pressesprecher sei auf Reisen und habe derzeit keine Zeit für Anfragen. FraSec nahm deshalb auch nicht dazu Stellung, ob man sich bei der Rekrutierung von noch auszubildendem Kontrollpersonal auf Arbeitslose mit Bildungsgutscheinen beschränkt. Ein Sprecher von i-Sec, einem weiteren Schwergewicht der Branche, wollte sich nicht öffentlich äußern.
Die Bundespolizei wollte keine Auskunft zu den Durchfallquoten geben.
Foto: dpaDie Bundesagentur für Arbeit antwortete auf die Frage, ob die Sorge berechtigt wäre, dass keine Bildungsgutscheine mehr vergeben würden, wenn der Arbeitgeber Kostenübernahme in Aussicht stellt, dass man das nicht pauschal beantworten könne, weil über die Weiterbildung Arbeitsloser individuell entschieden werde, je nachdem, ob man die Förderung zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit für notwendig erachte.
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Der BDLS-Präsident bestätigt, dass Bildungsgutscheine eine wichtige Variante der Finanzierung der Schulungen seien, wenn auch mit abnehmender Bedeutung. Sie seien eine Möglichkeit, arbeitsuchenden Menschen einen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Es würden aber mittlerweile öfter auch nebenberufliche oder duale Qualifikationen angeboten.
Welches Finanzierungsmodell genutzt werde, sei „dabei natürlich auch von den Bewerbern und deren aktueller Beschäftigungssituation abhängig". Sofern direkt Bewerber rekrutiert würden, also nicht über eine Schulungsfirma, „erhalten diese Ausbildungsverträge mit entsprechenden Vergütungsvereinbarungen".
Oft wird in den Anzeigen nicht einmal transparent gemacht, dass eine vorherige Schulung notwendig ist, etwa bei einer aktuellen Ausschreibung von FraSec.
Ein übliches Vorgehen scheint so zu sein: Die Sicherheitsfirmen schreiben sowohl direkt als auch indirekt über Schulungsfirmen Stellen aus. Melden sich Arbeitslose mit Aussicht auf einen Bildungsgutschein, werden sie an die Schulungsfirmen verwiesen, mit anderen Kandidaten kann die Sicherheitsfirma individuell Kostenübernahme und Entlohnung vereinbaren.
Dass es auch anders geht, zeigen die Provinzflughäfen Münster/Osnabrück und Frankfurt/Hahn. Die FMO Security Services GmbH bietet für Münster laut Ausschreibung Bezahlung schon während der Ausbildung an. Hahn gab auf Anfrage die Auskunft, dass die Ausbildungskosten zwar der Arbeitgeber bezahle, der Bewerber während dieser Zeit allerdings noch nicht entlohnt werde.