Sozialpolitik: 1200 Euro im Monat, drei Jahre lang: Neue Studie untersucht Idee des bedingungslosen Grundeinkommens
Eine Studie soll die Effekte des bedingungslosen Grundeinkommens erforschen.
Foto: dpaBerlin. Der Staat zahlt jedem Bürger ein bedingungsloses Grundeinkommen – hinter dieser Idee hat sich eine vielfältige Anhängerschaft versammelt, die von Linken-Chefin Katja Kipping bis zum Drogerieunternehmer Götz Werner reicht. Das Grundeinkommen gilt dabei wahlweise als Antwort auf die Umbrüche der Digitalisierung, als Möglichkeit zur Umverteilung oder als Weg zur Selbstverwirklichung der Menschen.
Die Forschungslage zu der Frage, was eine solche Sozialleistung mit den Menschen und der Gesellschaft machen würde, ist noch dürftig. Nun haben das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und der Verein Mein Grundeinkommen eine Langzeitstudie gestartet, die der Debatte zu einer besseren empirischen Basis verhelfen soll.
Seit Dienstag können sich Freiwillige bewerben, wenn sie ihren Wohnsitz in Deutschland haben und mindestens 18 Jahre alt sind. Gesucht werden 1500 Probanden. Das Verfahren ist auch eine Art Lotterie: Nach dem Zufallsprinzip werden 120 Teilnehmer ausgewählt, die ab Frühjahr 2021 drei Jahre lang jeden Monat bedingungslos 1200 Euro erhalten. Die restlichen Probanden dienen als Vergleichsgruppe.
Die Wissenschaftler wollen durch regelmäßige Befragungen der Teilnehmer herausfinden, wie sich ihr Alltag durch das Geld verändert. Der Blick richtet sich dabei unter anderem auf das Arbeitsleben, die Finanzen, den Bereich Familie und Beziehungen, soziale Kontakte oder auch auf mögliche psychische Veränderungen.
„Wissenschaftliches Neuland“
„Diese Studie ist eine Riesenchance, um die uns seit Jahren begleitende theoretische Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen in die soziale Wirklichkeit überführen zu können“, sagte Jürgen Schupp vom DIW Berlin. „Bisherige weltweite Experimente sind für die aktuelle Debatte in Deutschland weitgehend unbrauchbar.“ Mit diesem Pilotprojekt werde „wissenschaftliches Neuland“ betreten.
Michael Bohmeyer, Initiator des Vereins Mein Grundeinkommen, erklärte: „Wir wollen wissen, was es mit Verhalten und Einstellungen macht und ob das Grundeinkommen helfen kann, mit den gegenwärtigen Herausforderungen unserer Gesellschaft umzugehen.“ Finanziert wird die Studie durch private Spenden.
Kritiker des Grundeinkommens führen nicht zuletzt an, dass eine flächendeckende Einführung wegen der hohen Kosten nicht möglich sei: Rein rechnerisch würde ein Grundeinkommen von 1000 Euro für knapp 83 Millionen Bundesbürger fast eine Billion Euro im Jahr kosten. Die gesamten Staatsausgaben liegen bisher laut Statistischem Bundesamt bei knapp 1,5 Billionen Euro im Jahr.
Der FDP-Sozialpolitiker Johannes Vogel sagte dem Handelsblatt, dass er ein bedingungsloses Grundeinkommen für Bürger „weder für sinnvoll noch für machbar – und auch nicht für fair“ halte. Das Experiment sei aber dennoch spannend und verdiene Respekt. „Es wird wirklich offen über Abhängigkeiten und persönliche Freiheit nachgedacht. Das unterscheidet die Initiatoren von der einbetonierten Hartz IV-muss-weg-Fraktion.“ Es gehe auch darum, „wie wir Freiräume schaffen können, in denen Menschen immer wieder etwas ganz Neues unternehmen können“.