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USASo wollen SPD und Union US-Forscher für Deutschland gewinnen

In den USA wird die Freiheit der Wissenschaft durch Donald Trumps Politik stark eingeschränkt. Union und SPD planen ein „1000 Köpfe“-Anwerbeprogramm für Top-Forscher.Barbara Gillmann 03.04.2025 - 14:37 Uhr Artikel anhören
Labor einer Universität: Deutschland buhlt um US-Forscher. Foto: DigitalVision/Getty Images

Berlin. Am Dienstag hat die US-Regierung zu ihrem nächsten Schlag gegen Behörden ausgeholt: Sie kündigte weiteren zehntausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der wichtigsten Gesundheitsbehörden – zusätzlich zu den zehntausend, die bereits entlassen worden sind.

Betroffen sind die Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde FDA, die Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention CDC und die Nationalen Gesundheitsinstitute NIH. Unter den entlassenen Beschäftigten sind auch sehr viele Wissenschaftler. Einige der Betroffenen realisierten erst beim Versuch, ihre Büros zu betreten, dass ihre Dienstausweise bereits gesperrt worden waren.

Angesichts dieser Entwicklung haben Koalitionsunterhändler von Union und SPD ein „1000-Köpfe-Anwerbeprogramm“ vereinbart. Sie wollen damit „internationale Talente gewinnen“, heißt es im Ergebnispapier der Arbeitsgruppe Bildung, Forschung und Innovation.

Ein Hinweis auf die prekäre Lage vieler Forscher in den USA fehlt zwar – gleichwohl sei das geplante Förderprogramm die direkte Antwort auf die Entlassungswelle und die Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit in den USA, sagte ein Unterhändler dem Handelsblatt. Man könne dies aber nicht offensiv verkünden, bevor der Koalitionsvertrag stehe.

Unterdessen häufen sich die Nachrichten von US-Forschern, die das Land verlassen: So gibt etwa der US-Philosoph Jason Stanley – einer der führenden Forscher zur Theorie des Faschismus – seine Professur an der Eliteuniversität Yale auf und zieht nach Kanada. Er bezeichnete Trumps Politik in Interviews als „Faschismus“. Auch der weltbekannte Historiker Timothy Snyder und seine Frau, die Osteuropa-Forscherin Marci Shore, verlassen Yale Richtung Kanada.

Parallelen zur deutschen Geschichte

Eine Gruppe der einflussreichsten deutschen Wissenschaftler um Ulrike Malmendier, Monika Schnitzer, Moritz Schularick und Achim Truger sieht in dem sich anbahnenden Exodus eine Chance. Sie fordern mit Blick auf die Vertreibung von Spitzenforschern aus Deutschland unter den Nationalsozialisten ein „Meitner-Einstein-Programm“ für die Aufnahme von 100 Top-Forschern. Lise Meitner, Pionierin der Radiochemie, floh 1938 aus Berlin nach Stockholm, Albert Einstein ging schon 1932 an die Princeton University.

Damals habe Deutschland „durch Intoleranz, Repression und Vertreibung viele seiner klügsten Köpfe verloren“, schreiben die Forscher. Die USA hätten sich dadurch zu einem führenden Standort für  die Wissenschaft entwickelt.

Wissenschaftlerin Monika Schnitzer: Aufnahme von 100 Top-Forschern gefordert. Foto: picture alliance / SVEN SIMON

Unter Trump sei diese Stellung nun massiv bedroht – was gleichzeitig eine Gelegenheit für Deutschland und Europa sei. „Wir können den Braindrain umkehren und dadurch nicht nur unsere eigene Innovations- und Forschungskraft stärken, sondern auch den weltweiten Verlust an Wissensfortschritt abfedern“, heißt es in dem Schreiben weiter.

Appell an die EU

Hintergrund des öffentlichen Aufrufs von Malmendier, Schnitzer und Co. dürfte auch die Zurückhaltung der noch amtierenden Ampelregierung sein. Immerhin: Bundesforschungsminister Cem Özdemir, der vermutlich nur noch wenige Wochen im Amt ist, hat sich an zwei Tagen mit Vertretern der „Allianz der Wissenschaftsorganisationen“ getroffen, zu der etwa die Fraunhofer-Gesellschaft, die Leopoldina und die Leibniz-Gemeinschaft zählen. Forscherinnen und Forscher, die in ihrer Heimat nicht mehr frei arbeiten könnten, wolle man im Rahmen der Möglichkeiten „eine Perspektive bieten“, hieß es anschließend in einer Erklärung.

Özdemir leitete die Angelegenheit auch an die EU weiter: Gemeinsam mit zwölf weiteren europäischen Forschungsministern schrieb er einen Brief an EU-Kommissarin, Ekaterina Zaharieva. Sie drängen auf ein zügiges Treffen der EU-Forschungsminister und fordern einen „Akt der Solidarität und der Attraktivität zur Gewinnung brillanter Talente“.

Dafür müssten aber dringend Mittel der EU gesichert und ein „spezieller Rahmen für die Einwanderung“ geschaffen werden. Bislang reagierte die Kommissarin nicht.

Wissenschaft

Der Alarmbrief an EU-Kommissarin Ekaterina Zaharieva zum Download

Druck macht nun die Präsidentin der Wissenschaftsministerkonferenz, Bettina Martin (SPD), Ministern in Mecklenburg-Vorpommern: Der Angriff der Trump-Regierung auf die Freiheit der Wissenschaft sei „eine Katastrophe, und das nicht nur in den USA, sondern weltweit, denn erfolgreiche Forschung ist international“, sagte sie dem Handelsblatt. Erst am Montag hatte das Weiße Haus angekündigt, Fördermittel für die Eliteuniversität Harvard in Höhe von neun Milliarden Dollar zu überprüfen. Auch Princeton und Columbia setzt die US-Regierung unter Druck.

Wenn jetzt hochkarätige Partner an den Universitäten und Forschungseinrichtungen in den USA in ihrer Arbeit massiv behindert und Fördergelder gestrichen würden, sei das „ein herber Rückschlag für die Forschung – gerade in für die Menschheit so wichtigen Bereichen wie der Gesundheits- oder Klimaforschung“, sagte Martin. Darauf müsse die deutsche Wissenschaft „selbstverständlich reagieren“.

Freiheit der Wissenschaft als Wettbewerbsvorteil

Zugleich sieht Martin „eine Chance für den Forschungsstandort Deutschland“. Man müsse nun deutlich machen, dass dieser „offen ist für bedrohte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in den USA in ihrer Freiheit in Forschung und Lehre massiv eingeschränkt werden“. Die SPD-Politikerin zeigte sich überzeugt, dass die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland „hochattraktiv für amerikanische Forschende ist – und damit ein absoluter Wettbewerbsvorteil“.

Bettina Martin (SPD): Massiver Angriff der Trump-Regierung auf die Freiheit der Wissenschaft. Foto: Susie Knoll

Martin hofft zudem auf eine Rückkehr deutscher Forscher: In den vergangenen Jahrzehnten seien viele aufgrund der hervorragenden materiellen Rahmenbedingungen in die USA gegangen. Doch sie denke, dass diese „vor allem wissenschaftlich frei und erfolgreich arbeiten wollen. In Deutschland ist ihnen diese Freiheit garantiert.“ Wie man nun konkret vorgehen müsse, werde aktuell im Kreis der Wissenschaftsministerinnen und -minister „intensiv diskutiert“.

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Auf Länderebene gibt es kleinere Initiativen: So möchte der Berliner Senat einen Fonds einrichten, um US-Forschende in die Hauptstadt zu locken. Die Finanzierung ist jedoch noch unklar, Berlin hat gerade 100 Millionen Euro aus dem Hochschulbudget gestrichen. Das deutlich reichere Baden-Württemberg hat ebenfalls angekündigt, gezielt Fachkräfte aus der US-Wissenschaft anzuwerben.

Erstpublikation: 02.04.2025, 16:42 Uhr

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