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WissenschaftWenn Politik Forschungsdaten gefährdet

Verzweifelt versuchen Wissenschaftler, Forschungsdaten aus Amerika vor der Trump-Regierung zu schützen. Hierzulande warten sie vergeblich auf Hilfe – und gehen in ihrer Not ungewöhnliche Wege.Daniel Delhaes 07.07.2025 - 17:04 Uhr Artikel anhören
Wissenschaftlerin im Labor: Zugang zu Gesundheitsdaten sichern. Foto: IMAGO / Shotshop

Berlin. Für Miriam Albers fühlt sich die Welt an, als durchlebe sie eine neue Pandemie. Das Virus – dieses Mal nicht Covid-19, sondern die Wissenschaftspolitik der neuen US-Regierung – droht der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft die Basis ihrer Forschungstätigkeit zu entziehen.

Global gesammelte Erkenntnisse aus der Gesundheitsforschung, Daten, Studien und Publikationen sind in Gefahr. Und die deutsche Politik? Scheint in der größten Krise des globalen Wissenschaftssystems überfordert.

Albers arbeitet als Projektleiterin zusammen mit ihrem Kollegen Konrad Förstner bei der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin (ZB Med) in Köln. Die Organisation, finanziert mit Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen, versucht seit Februar, die weltgrößte Suchmaschine für medizinische Publikationen, Pubmed, zu retten.

Homepage von Pubmed: Weltgrößte Suchmaschine für medizinische Publikationen. Foto: IMAGO/depositphotos

Die englischsprachige Fachdatenbank ist Teil des National Institute for Health (NIH), dessen Etat die Regierung von US-Präsident Donald Trump massiv gekürzt hat. Wer etwas über den aktuellen Forschungsstand zum Brustkrebs, Herzinfarkte oder andere biomedizinische Fragen wissen will, der sucht bei Pubmed.

Die Sorge ist groß, dass die Daten nicht mehr sicher sind, dass sie womöglich zensiert oder mit Beiträgen gefüllt werden, die vielleicht Trumps, aber nicht mehr wissenschaftlichen Standards genügen. Es wäre das „Killer-Virus“ für die internationale Community. „Was ist mit Pubmed?“, fragen Wissenschaftler immer wieder sorgenvoll in Köln an.

Neue Plattform statt kurzfristiger Finanzhilfe

Wer glaubt, das Land oder der Bund würden schnell und unkompliziert Mittel bereitstellen, um wissenschaftliche Ressourcen zu schützen, der sieht sich getäuscht. Dorothee Bär (CSU), Bundeswissenschaftsministerin, und die Landesminister haben am Freitag vielmehr beschlossen, eine neue Nationale Plattform für Forschungssicherheit zu gründen.

Albers fordert „unkonventionelle Wege, um die Gefährdung zu minimieren“. Weil aber kein Geld bereitsteht, hat sie in ihrer Not im Mai einen eigenen Weg bestritten: Sie hat einen Förderantrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gestellt.

Sie hätte es auch in der EU versuchen können, was aber zu kompliziert und zu langwierig sei. Doch auch in Deutschland kommt vieles nur langsam in Bewegung. Albers lobt zwar die DFG, die flexibel reagiert und Abläufe verkürzt habe. Dennoch gibt es Prüfregeln, die nicht umgangen werden können.

Der Antrag jedenfalls ist bis heute nicht beschieden. Dabei liest sich der Unterstützerkreis wie ein „Who’s who“ der Gesundheitsforschung: Die Berliner Universitätsmedizin Charité unterstützt den Antrag, ebenso das Forschungszentrum Jülich und der Fachverlag „Springer Nature“. Auch etliche Hochschulen aus dem In- und Ausland finden sich auf der Liste.

Bundeswissenschaftsministerin Dorothee Bär (CSU): Neue Nationale Plattform für Forschungssicherheit geplant. Foto: Katharina Kausche/dpa

Albers will mit ihrem Team die Arbeitsgrundlage der international vernetzt arbeitenden Wissenschaftscommunity sichern. Entstehen soll keine reine Kopie von Pubmed, ZB Med will vielmehr eine offene, dezentral organisierte Alternative zu Pubmed schaffen.

Die aktuellen Inhalte hat ZB Med bereits über sein Suchportal Livivo zugänglich gemacht. Künftig sollen auch neue medizinische Fachinformationen Eingang finden, und das System soll international dezentral arbeiten. „Politischer Einfluss wie in den USA kann in jedem Land stattfinden“, sagt Albers. Das Wissenschaftssystem soll resilient werden.

Doch kommt ZB Med langsam an Grenzen. Sie bräuchten Mitarbeiter, um die Community aufzubauen, mit Fachverlagen zu verhandeln, vor allem aber die technischen Grundlagen zu schaffen. Zehn Vollzeitstellen haben sie beantragt, würden selbst 3,5 Stellen „dazugeben“, wie Albers sagt. 18 Monate solle zunächst Geld fließen, um die Grundlagen für ein offenes und unabhängiges Gesundheitsdatennetzwerk zu schaffen. „Die anderen müssen nachziehen“, fordert Albers und meint Bund und Länder. Schließlich gilt auch in der Wissenschaft: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Forschungsinfrastruktur: Netzwerke suchen Hilfe

Bund und Länder haben 2020 bereits die Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) gegründet. Das Projekt zielt darauf ab, Daten innerhalb des deutschen Wissenschaftssystems zu vernetzen und zugänglich zu machen.

Auch ZB Med arbeitet gleich in mehreren Projekten daran mit, Wissen zu vernetzen und dauerhaft zur Verfügung zu stellen. Aber auch deshalb wundert sich Albers, warum es nicht ad hoc Hilfe in der Krise der Forschungsdaten gibt: „Wir brauchen keine neuen Strukturen und haben schon viel Expertise“, sagt sie. „Günstiger als bei uns bekommt der Staat kein Rettungskonzept.“

Sogar der NFDI-Leiter unterstützt den Förderantrag der ZB Med. Extrageld gibt es bisher dennoch nicht. Im Gegenteil: In Bremerhaven etwa rettet gerade ein anderes NFDI-Konsortium Klimadaten aus den USA. Wissen zum Klimawandel ist der zweite große Bereich, den die Trump-Administration infrage stellt. Projektleiter Frank Oliver Glöckner vom Alfred-Wegner-Institut mahnt wie Albers mehr Geld an. Selbst die NFDI-Mittel, mit denen regulär und ohne Rettungsaktionen Wissensinfrastruktur in Deutschland entstehen soll, würden längst nicht mehr ausreichen. Glöckner warnt davor, dass die Dateninfrastrukturen „totgespart“ werden.

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Er und andere Betreiber von Forschungsdateninfrastrukturen werden in den nächsten Jahren mit 30 Prozent weniger Mitteln auskommen müssen. Bund und Länder rühmten sich hingegen vergangene Woche, dass die Projekte bis 2028 weiter gefördert werden, um „die nachhaltige Bereitstellung und Weiterentwicklung von Forschungsdateninfrastrukturen in der Breite der Wissenschaft zu sichern“.

Albers hofft weiter auf schnelle Hilfe über den Fördertopf der DFG. Sicher ist sie sich nicht. „Ich suche schon nach einem Plan B“, sagt sie.  Ob ein anderer Partner in einem anderen Staat einspringt, bleibt abzuwarten.

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