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Coronakrise Schwedens Sonderweg im Kampf gegen das Coronavirus: Ermahnungen statt Verbote

Das Land versucht einen Mittelweg zwischen Gesundheitsrisiken und negativen Einflüssen auf die Wirtschaft finden. Doch das stößt langsam auf Unmut.
28.03.2020 Update: 28.03.2020 - 13:48 Uhr Kommentieren
In Schweden gibt es bisher keine Ausgangssperren, allerdings wird auf allen Kanälen immer wieder gemahnt, möglichst zu Hause zu bleiben. Quelle: dpa
Stortorget-Platz in Schweden

In Schweden gibt es bisher keine Ausgangssperren, allerdings wird auf allen Kanälen immer wieder gemahnt, möglichst zu Hause zu bleiben.

(Foto: dpa)

Stockholm Unterschiedlicher kann es nicht sein: Der Umgang mit der Coronakrise. Die nordeuropäischen Länder, die seit Jahrzehnten auf ihre „nordische Union“ mit Reisefreiheit und grenzüberschreitenden Handel ohne Hindernisse stolz sind, haben in der Coronakrise völlig unterschiedliche Wege gewählt: Geschlossene Grenzen in Dänemark, Norwegen, Finnland und vielen anderen europäischen Ländern, weitreichende Restriktionen mit Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverboten und Schulschließungen.

Nur Schweden stemmt sich gegen restriktive Maßnahmen. Zwar ermahnte der sozialdemokratische Regierungschef Stefan Löfvén am Freitag seine Landsleute, auf „unnötige Reisen“ zu verzichten und möglichst von zuhause aus zu arbeiten. Verbote wollte er aber nicht aussprechen.

Am Mittwochabend schockierte Björn Eriksson, Chef des Stockholmer Gesundheitsbezirks, auf einer extra einberufenen Pressekonferenz mit alarmierenden Zahlen: „Die Lage ist jetzt ziemlich dramatisch“, sagte er, „wir haben jetzt 1070 bestätigte Infizierte in Stockholm, ein Anstieg von 111 Personen innerhalb der vergangenen 24 Stunden“. Und die Zahl der Todesopfer verdoppelte sich in Stockholm binnen 24 Stunden auf 37.

Während die nordischen Nachbarländer den meisten europäischen Ländern folgten und bereits vor über einer Woche Kindergärten und Schulen schlossen und Kontakte stark einschränkten, rang sich Schweden bisher nur zur Schließung der Oberstufen und Universitäten durch.

Regierungschef Löfvén appelliert vielmehr an die Vernunft seiner Landsleute. Dabei scheute er sich nicht vor drastischen Worten. „Mehr Menschen werden erkranken und mehr Menschen werden sich von ihren Angehörigen verabschieden müssen“.

Drastische Maßnahmen vs. wirtschaftliche Folgen

Dennoch ist es in Schweden bei Empfehlungen und Appellen geblieben. Die schwedische Regierung tut sich schwer, drastischere Maßnahmen durchzuführen. Ministerpräsident Löfvén betonte in den vergangenen Tagen immer wieder, dass man auch die wirtschaftlichen Auswirkungen von schärferen Restriktionen bei allen Entscheidungen im Auge behalten müsse.

Obwohl die Regierung im Eilverfahren ein Gesetz durchs Parlament paukte, mit dem Grundschulen und Kitas geschlossen werden können, sind die Einrichtungen weiterhin geöffnet. Zu groß wäre die Belastung für die Gesellschaft, wenn Eltern zu Hause bleiben müssten, um auf die Kinder aufzupassen, erklärte der Chefepidemiologe der Gesundheitsbehörde, Anders Tegnell. Auch Geschäfte und Restaurants sind weiterhin geöffnet.

Allerdings wird der Druck auf die Regierung von Ministerpräsident Löfvén größer. Immer mehr Schweden fragen sich, warum die Nachbarländer Finnland, Norwegen und Dänemark sowie die meisten anderen europäischen Staaten deutlich stärkere Einschränkungen des öffentlichen Lebens inklusive Versammlungsverboten verfügt haben.

Es gibt Zweifel an der Einschätzung von „Folkhälsomyndigheten“, der nationalen Gesundheitsbehörde, auf deren Empfehlungen alle Entscheidungen der Regierung basieren.

Johan Carlsson, Chef dieser Behörde, kritisierte unlängst deutlich die Maßnahmen in anderen Ländern. „Wir sehen in vielen europäischen Ländern das große Chaos, das sie durch die Schließung von Schulen und Universitäten von einem Tag auf den anderen angerichtet haben“, erklärte er. „Die Arbeit gegen die Verbreitung des Virus wird damit nicht gefördert“.

Dennoch rang sich die Regierung am Freitag durch, das Versammlungsverbot auszuweiten: Waren bislang Versammlungen von bis zu 500 Menschen erlaubt, wurde sie nun auf 50 Personen reduziert. Er reagierte damit auf einen Vorschlag der nationalen Gesundheitsbehörde.

Empfehlungen werden angenommen

Die Empfehlungen der Gesundheitsbehörde sind umstritten und werden von einigen Experten in einem offenen Brief an die Regierung scharf kritisiert. „Ich habe den Eindruck, dass die Behörde die Ausbreitung des Virus fördern will, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Das ist aber zynisch, denn der Preis dafür könnten hunderte, wenn nicht tausende Menschenleben sein“, erklärte Epidemiologe Olle Kämpe.

Auch wenn sich das offizielle Schweden mit Verboten schwer tut, scheinen viele der Appelle auf offene Ohren gestoßen zu sein. Die meisten Restaurants in Stockholm sind leer, nachdem die Regierung diese Woche verfügt hat, dass nur noch an Tischen oder außer Haus serviert werden darf. Auch die sonst üblichen Staus in der schwedischen Hauptstadt gibt es nicht mehr. Die meisten Menschen arbeiten von zuhause aus.

Sorgen bereiten allerdings die anstehenden Osterferien, in denen viele Schweden traditionell zum Skilaufen in die schwedischen Berge fahren. Während in Norwegen alle Skianlagen schon seit zwei Wochen geschlossen sind und strikte Versammlungsverbote wie in Dänemark und Finnland gelten, wollen die Skianlagen-Betreiber in den schwedischen Bergen auf das wichtige Ostergeschäft bislang nicht verzichten.

Nur die berüchtigten After Ski-Parties wurden eingestellt. Dabei haben Regierungschef Löfvén und die Gesundheitsbehörde eindringlich vor Reisen in die Wintersportorte im Norden des Landes gewarnt.

In vielen Ländern Europas, aber vor allem in den Nachbarländern wundert man sich über den schwedischen Weg. Finnland, das seine Grenzen schon vor über einer Woche schloss, verbot am Mittwochabend alle Reisen aus und in die Region Helsinki. In Norwegen schränkte die Regierung die Reisefreiheit auch im eigenen Land ein.

Und Dänemark hat am Donnerstag ein Gesetz vorgelegt, dass es der Regierung ermöglicht, weitere Kontaktverbote zu erlassen. Die schwedische Regierung will dagegen weiterhin die richtige Balance zwischen Gesundheitsrisiken und negativen Einflüssen auf die Wirtschaft finden.

Mehr: Der aktuelle Shutdown ruft Kritiker auf den Plan. Debattiert wird, ob die Corona-Maßnahmen noch verhältnismäßig sind. Das Urteil der Handelsblatt-Leser ist geteilt.

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