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Coronavirus - Spanien

11.04.2020, Spanien, Madrid: Die Bewohner des Stadtteils Lavapies nehmen an der «Fregonada de Lavapiés» von ihrem Balkon aus teil. Bei der Geste werden nach dem Applaus für die Krankenhausmitarbeiter, die täglich das neuartige Coronavirus bekämpfen, Wischmopps zur «Reinigung des Virus» geschwenkt. Foto: Ricardo Rubio/Europa Press/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

(Foto: dpa)

Covid-19 Madrids drückende Stille: Spaniens Metropole ist lahmgelegt

Das Coronavirus verdammt die lebendige Hauptstadt zum Stillstand. Was macht das mit den Madridern? Auch in der Krise zeigt die Stadt viele Gesichter.
13.04.2020 - 21:01 Uhr Kommentieren

Über die edle Einkaufsmeile Calle Serrano führen fünf Fahrspuren ins Zentrum der spanischen Hauptstadt. Doch die Geräuschkulisse besteht derzeit nicht aus röhrenden Motoren, sondern aus zwitschernden Vögeln. Dazu gesellt sich das Piepen der Ampeln, das Signal für die Sehbehinderten. Der Alarm nimmt die Verkehrsader akustisch ein. Es ist der neue Klang von Madrid, nur ab und zu durchbrochen von Sirenen der Polizei- oder Krankenwagen.

Das Coronavirus wütet in der Stadt wie in keiner anderen in Europa, nur in der Region Lombardei gibt es noch mehr Infizierte und Verstorbene. Gemessen an der Bevölkerung gibt es in keinem großen Land der Welt mehr Tote als in Spanien, und Madrid ist das Epizentrum der Seuche. Mehr als 6400 Menschen sind in der Metropolregion mit ihren knapp sieben Millionen Einwohnern offiziell am Coronavirus gestorben.

Das Virus raubt der sonst vor Energie berstenden Stadt ihren Charakter. Kein Betrieb in Restaurants und Bars, leer gefegte Straßen. Das Zentrum wirkt zu Ostern wie eine Filmkulisse, in der die Dreharbeiten abgeschlossen sind – prächtige Bauten an menschenleeren Straßen.

Am 14. März hat der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez den Alarmzustand verhängt, zu dem die strengste Ausgangssperre gehört, die es in Europa gibt. Die Spanier dürfen nur noch allein aus dem Haus und nur, um einkaufen zu gehen.

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    Nach vier Wochen zum ersten Mal die Wohnung verlassen

    In den vergangenen zwei Wochen hatte Sánchez der Wirtschaft einen nahezu kompletten Shutdown verordnet. Nur wer in einer lebensnotwendigen Branche wie Gesundheit oder Lebensmittelhandel tägig ist, durfte arbeiten gehen. Dieses Verbot ist seit diesem Montag aufgehoben. Viel Leben ist trotzdem nicht in die Stadt zurückgekehrt.  

    Unweit der Calle Serrano gibt es einen Supermarkt – der einzige Ort, an dem zu Ostern so etwas wie Leben herrschte. Dort marschiert Isabel Serrano mit strammen Schritten in Richtung Eingang. Die Sonne scheint der jungen Frau ins Gesicht, die mit ihrem Blazer, dem gestreiften T-Shirt und den Ballerina-Schuhen aussieht, als käme sie direkt aus dem Büro.

    Doch der Eindruck täuscht: Serrano hat zum ersten Mal nach vier Wochen ihre Wohnung verlassen. „Ich habe Glück und kann von zu Hause aus arbeiten“, sagt sie. Auch ihr Mann arbeite im Homeoffice. Ein einziges Mal habe er während der Ausgangssperre das gemeinsame Domizil verlassen, um Lebensmittel einzukaufen. Jetzt ist Isabel dran.

    Die strikte Ausgangssperre sorgt für menschenleere Straßen in der spanischen Hauptstadt. Quelle: dpa
    Paseo del Prado in Madrid

    Die strikte Ausgangssperre sorgt für menschenleere Straßen in der spanischen Hauptstadt.


    (Foto: dpa)

    „Wir versuchen, so wenig wie möglich rauszugehen“, sagt sie. „Wir schauen jetzt halt viele Serien, lesen und arbeiten – das ist schon hart, aber so geht die Zeit rum.“ Ihre Stadt erkennt sie nicht wieder. „Madrid ist immer so voller Leben, und wir gehen hier alle so gerne aus und treffen Freunde – aber jetzt ist alles still, das ist wie in einem Science-Fiction-Film“, sagt die Finanzexpertin.

    Just die spanische Lebensfreude dürfte die Corona-Seuche angefacht haben. In normalen Zeiten stauen sich selbst nachts um vier die Taxen in der Innenstadt. An jeder Ecke gibt es Bars, Straßencafés und Restaurants. Man trifft sich bevorzugt in großen Gruppen, begrüßt sich mit einem „beso“ auf jede Wange – ideale Bedingungen für ein Virus, das sich via Tröpfcheninfektion verbreitet.

    Die enge Bindung innerhalb der Familien – die sich an den Wochenenden meist mit allen Generationen zum Mittagessen treffen – dürfte ebenfalls geholfen haben. Und die Regierung hat spät reagiert und noch am 8. März die Massendemos zum Weltfrauentag erlaubt.

    Im Bikini auf dem Balkon

    In den Wohngegenden stehen die Balkontüren jetzt sperrangelweit offen – wenn man schon nicht hinausdarf, soll wenigstens das Licht hineinkommen. Normalerweise sind die kleinen Terrassen vor den alten Gebäuden in Madrid reine Abstellflächen, für die Klimaanlage oder wenn es hoch kommt für einen Blumentopf. Zum Verweilen geht man schließlich in die Bar.

    Doch jetzt stehen vielfach Stühle vor den Balkontüren, und bei schönem Wetter sitzen Bewohnerinnen im Bikini darauf. Es ist in Spanien in der aktuellen Lage der einzige Ort, um ein paar Sonnenstrahlen abzufangen.

    Der Stadtpark Retiro ist geschlossen. Vor dem meistfotografierten Motiv der Stadt – dem Metropolis-Haus am Anfang des Boulevards Gran Vía – herrscht ebenso gähnende Leere wie am anderen Ende der Gran Vía, wo die Theater- und Musical-Hallen liegen. Nur ein paar TV-Teams haben sich dort aufgebaut, um vor der bizarren Kulisse ihre Aufsager zu sprechen.

    Spanische Regierung lockert Ausgangsbeschränkungen


    Die Dramen der Krise

    Die Bilder werden einmal den Beginn der schwersten Krise symbolisieren, die das Land seit dem Ende der Franco-Diktatur erlebt hat. Spanien ist heute schon hochverschuldet, die Arbeitslosigkeit lag vor Corona bereits bei 14 Prozent, und die hohe Abhängigkeit von Gastgewerbe und Tourismus dürfte dafür sorgen, dass die Krise dort länger dauert als in anderen Ländern. Gerade Selbstständige und Kleinunternehmen bangen jetzt um ihr Überleben.

    „Ich habe 70 Prozent meines Umsatzes verloren“, erzählt Arsenio Sonseca. Der Taxifahrer steht als einziger mit seinem Wagen vor dem Madrider Rathaus. Taxi- und Chauffeurdienste sind eine der wenigen Dienstleistungen, die in Spanien noch erlaubt sind. Sonseca holt nun oft Patienten in den Krankenhäusern ab. Ein mulmiges Gefühl hat er dabei schon. „Nach jeder Fahrt desinfiziere ich den kompletten Wagen“, sagt er und zeigt auf seine Sprühflasche im Kofferraum.

    Im Gesicht trägt er einen leicht ramponierten Atemschutz, der ihm beim Sprechen immer wieder die Nase herunterrutscht. Eigentlich ist er Konstrukteur für die Luftfahrbranche, hat auch für Airbus gearbeitet. Vor zwei Jahren wurde er arbeitslos – und versucht nun, sich trotz Corona als Taxifahrer über Wasser zu halten.

    Die Ausgangssperre wird gut eingehalten, aber auch streng überwacht. Quelle: Reuters
    Polizisten kontrollieren

    Die Ausgangssperre wird gut eingehalten, aber auch streng überwacht.

    (Foto: Reuters)

    Immer wieder gerät er jetzt in Polizeikontrollen. Neulich wurde ein Gast gleich festgenommen. „Na ja, es war halb drei Uhr nachts und die Dame hatte keinen Ausweis dabei“, sagt er. „Das geht natürlich nicht in der Ausgangssperre. Und welchen Grund kann es schon geben, um die Zeit unterwegs zu sein? So wie sie aussah, war es eine Prostituierte. Jemand wird sie angerufen haben.“

    Über 400.000 Anzeigen hat die spanische Polizei in den vier Wochen des Alarmzustands wegen Verstößen gegen die Ausgangssperre ausgestellt. „Wer jetzt auf der Straße ist, muss seine Einkaufsquittung zeigen oder erklären, zu welchem Supermarkt er will – es sollte stets der nächstgelegene zur eigenen Wohnung sein“, erklärt ein Lokalpolizist. 

    „Die meisten halten sich an die Vorschriften“, sagt er. Mit fünf Kollegen steht er in der Nähe des Marktplatzes im Multikulti-Viertel Lavapies und kontrolliert Passanten und Autos. Seine Kollegen sind gerade dabei, einen Wagen zu filzen – sie durchsuchen den Kofferraum, öffnen Kartons, tasten hinter das Nummernschild, suchen auf der Rückbank und im Handschuhfach. Der Fahrer, ein junger Spanier mit Mundschutz, beobachtet die Prozedur teilnahmslos. Als die Beamten nichts finden, fährt er weiter.

    Drogenkuriere suchen neue Vertriebswege

    „Die Drogenverkäufer suchen sich jetzt neue Wege“, erklärt der Polizist. „Sie nutzen zum Beispiel Kuriere von Bringdiensten und schmuggeln ihr Material unter die Lebensmittel“, sagt er. „Deswegen kontrollieren wir jetzt immer alles.“

    Diego Spitaleri ist Fahrer eines Bringdienstes. Für ihn ist die Ausgangssperre vor allem ein lohnendes Geschäft. „Ich habe in den ersten zwei Wochen doppelt so viel Umsatz gemacht wie vorher in einem ganzen Monat“, sagt der gebürtige Italiener. Statt nur noch Essen von Restaurants auszuliefern, erledigen die Kuriere jetzt auch Einkäufe für diejenigen, die sich nicht mehr aus der Wohnung trauen oder die infiziert in Quarantäne zu Hause sind.

    Der 24-Jährige erlebt dabei täglich, wie unterschiedlich die Spanier auf die Krise reagieren. „Manche wollen, dass ich hochkomme, andere, dass ich das Essen in den Aufzug stelle. Kranke habe ich nicht gesehen, aber paranoide Leute. Sie wenden ihr Gesicht ab und sagen: ‚Stell es da hin.‘ Oder: ‚Lass es da – und jetzt geh schon!‘“

    Trivial Pursuit im Wohnblock

    Aber es gibt auch noch ein anderes Madrid. Eines, wo sich die Bewohner mit der ihnen eigenen Mischung aus Humor und Kreativität gegen die Krise stemmen. Unweit des Plaza Lavapies ist der Lärm schon von Weitem zu hören.

    „Wer hat den Impfstoff erfunden?“, hallt es von der Dachterrasse durch die enge Gasse. „A) Albert Einstein oder B) Louis Pasteur oder C) Edward Jenner? Elvira – du bist dran!“ „Louis Pasteur!“, ruft Elvira aus dem Fenster gegenüber. „Nein!“, schallt es zurück, und ein lang gezogenes „Ohhhhh“ raunt von neun Balkonen in drei verschiedenen Häusern. „Wir spielen Trivial Pursuit“, erklärt Berta Rodriguez, die mit ihrem Freund auf der Türschwelle ihrer Erdgeschosswohnung steht.

    „Jeder hat ein Thema und muss sich Fragen überlegen – mein Thema ist die Boulevardpresse, aber es gibt auch Sport oder Kino. Wir spielen mit, weil es so langweilig ist, immer zu Hause zu sein. Vor einer Woche haben wir ein Karaoke-Konzert veranstaltet, einer hat auf dem Balkon den DJ gegeben und wir haben in unseren Wohnungen getanzt“, erzählt die 35-Jährige. Sie ist in dem Stimmengewirr ihrer Nachbarn kaum zu verstehen. „Wer hat fünf Mal die Tour de France gewonnen?“, hallt es gerade aus der vierten Etage durch die Gasse. Madrid hat viele Gesichter, auch in der Krise.

    Mehr: Spanien braucht ein Exit-Szenario.

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