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Italien „Mission überleben“: Wie Mailand dem Covid-Schock entkommen will

Die Wirtschaftsmetropole wurde hart von der Pandemie getroffen. Jetzt kämpft die Stadt um ihr Image und sucht den Weg zurück zur neuen Normalität.
15.07.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
In der italienischen Metropole herrscht noch Maskenpflicht im Freien. Quelle: imago images/Independent Photo Agency Int.
Sommertag in Mailand

In der italienischen Metropole herrscht noch Maskenpflicht im Freien.

(Foto: imago images/Independent Photo Agency Int.)

Mailand Im Modeviertel rund um die Via Montenapoleone werben die Edelboutiquen in ihren Schaufenstern mit „Private Sale“. Das ist dezenter als die Schilder mit „30%“ und „50%“ auf dem Corso Vittorio am Dom. Aber die Botschaft ist die gleiche: Kommt und kauft! Doch die Straßen sind leer an diesem heißen Werktag in Mailand.

Keine shoppenden Touristen, die Tüten mit den Logos der Edelmarken tragen. In den Geschäften schauen die Angestellten hoffnungsvoll auf die Tür, doch keiner tritt ein. Vor dem Dom stehen in langen Reihen die Taxis und warten auf Kundschaft, nur wenige Menschen laufen durch die berühmte Galerie, die Cafés sind geschlossen, die Campari-Bar wartet noch auf Gäste.

Dabei müsste die lombardische Metropole mit ihren 1,4 Millionen Einwohnern – in der Metropolregion, dem „Speckgürtel“, sind es sogar 3,2 Millionen Menschen – eigentlich gerade jetzt voller Menschen sein. Denn die Mailänder Modewoche ist gestartet. Ein Muss-Termin für Einkäufer aus der ganzen Welt, um die neuen Modelle in aufwendig hergerichteten Showrooms und bei opulenten Schauen zu bewerten und zu ordern. Doch die meisten Modeschauen sind Corona-bedingt zu digitalen Veranstaltungen gewandelt worden. Nur Dolce & Gabbana macht eine echte Modenschau im Garten eines Krankenhauses.

Mailand, das ist Mode und Lifestyle, das ist internationales Wirtschaftszentrum, Finanzplatz und Sitz der meisten multinationalen Unternehmen in Italien. Die Provinz Lombardei, zu der Mailand gehört, ist die wirtschafts- und kaufkraftstärkste des Landes mit einem Pro-Kauf-Einkommen von rund 25.000 Euro – das ist sogar ein bisschen über dem deutschen Durchschnitt. Mehr als zehn Prozent der italienischen Wirtschaftsleistung kommen allein aus dieser Region.

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    Nur noch hier gilt die Maskenpflicht im Freien

    Und ausgerechnet hier, bei den Machern Italiens, wütete die Corona-Pandemie im Frühjahr am schlimmsten. 16.000 Menschen sind bisher in der Lombardei an Covid-19 gestorben. In ganz Italien waren es mehr als 34.000. Die erste große Welle der Infektionen ist vorüber, aber Mailand und die Lombardei bleiben der Brennpunkt, stehen in den täglichen Statistiken des Zivilschutzes noch immer an der Spitze. Nur noch hier gilt die Maskenpflicht auch im Freien, vorerst begrenzt bis Mitte Juli.

    Hotels und Restaurants leiden. Im vergangenen Jahr hatte die Stadt 10,8 Millionen Touristen und Geschäftsreisende. Für dieses Jahr rechnet die Tourismus-Beigeordnete Roberta Guaineri mit 6,1 Millionen weniger Besuchern. „Es ist eine Tragödie, die Käufer aus Asien kommen nicht und die aus den USA dürfen nicht“, klagt eine Veranstaltungsmanagerin im angesagten, nun leeren Brera-Viertel. Sie will ihren Namen nicht nennen, fürchtet um ihren Job – wie viele in der Branche.

    Virologen sagen heute, die Ausbreitung sei wegen der engen internationalen Verzahnung der exportorientierten Unternehmen gekommen. Mittlerweile sind die Infektionszahlen in der Provinz auf zuletzt 196 neue Fälle am Tag gesunken. Die Stadt hat den Weg zurück zur Normalität eingeschlagen – mit all den Unsicherheiten und der Angst vor einer neuen Coronawelle.

    „Der Wirtschaftsaufschwung kann nur von hier ausgehen“

    Die Wirtschaft in Mailand schwebe in der Luft – zwischen den historisch hohen Schäden wegen der Coronaseuche und der schwierigen Rückkehr zum Wachstum, meint Carlo Sangalli, der Präsident der Mailänder Handelskammer. Dass das Zentrum der italienischen Wirtschaft zurückfindet in die Prosperität ist zentral für das ganze Land. „Der Wirtschaftsaufschwung kann nur von hier ausgehen und dem ganzen Land einen Energie-Impuls geben“, sagt Sangalli. Es gibt erste Zahlen, die diesen Trend aufzeigen: Ganz Italien verliert in diesem Jahr nach der EU-Sommerprognose 11,2 Prozent seiner Wirtschaftskraft, Mailand dagegen nach Prognosen der Mailänder Handelskammer „nur“ 7,7 Prozent.

    Ein Mann mit Mundschutz geht durch die fast menschenleere Galleria Vittorio Emanuele II. Quelle: dpa
    Mailand

    Ein Mann mit Mundschutz geht durch die fast menschenleere Galleria Vittorio Emanuele II.

    (Foto: dpa)

    Mailands Weg zurück ins Wachstum läuft unter anderem über die Digitalisierung. Mithilfe von Accenture und Microsoft hat die Nationale Vereinigung der italienischen Mode für die Modewoche eine Plattform geschaffen, auf die die Schauen und Informationen wie Interviews mit Modeschöpfern gestellt werden – rund um die Uhr, um auch die asiatischen Kunden mit cameramoda.it zu erreichen. Auf riesigen Schirmen wie an der Piazza San Babila werden die virtuellen Shows übertragen. „Unsere Branche, eine der Exzellenzen in Italien, wurde am meisten getroffen“, sagt Carlo Capasa, Präsident der Vereinigung.

    Absage der Designschau „Salone del Mobile“

    Am schlimmsten war die Absage der größten und wichtigsten Messe der Stadt, der Designschau „Salone del Mobile“. Erst wurde sie von April auf September verschoben, dann ganz abgesagt für dieses Jahr. Normalerweise kommen rund 2200 Aussteller, Designer, Besucher und Kreative aus der ganzen Welt. Das Geschäftsvolumen für Branche und Zulieferer liegt bei 1,5 Milliarden Euro.

    Für die Wirtschaftsmetropole kam die Pandemie zu einer Zeit, in der die Stadt richtig brummte. „Seit dem Triumph der Expo 2015 war Mailand ‚the place to be‘, wie die ‚New York Times‘ titelte“, erklärt Antonio Calabrò, Vizepräsident von Assolombarda, dem Unternehmerverband der Metropolregion Mailand, sowie Direktor der Pirelli-Stiftung.

    Er verweist auf die Skyline der Stadt, die sich weiterhin verändert: die neuen Hochhäuser von Zaha Hadid, Daniel Libeskind und Arata Isozaki im Viertel Citylife, den spitzen Unicredit-Tower an der Piazza Gae Aulenti, den historischen „Pirellone“ von Gio Ponti und den „vertikalen Wald“, ein vollständig begrüntes Hochhaus von Stefano Boeri – alles Zeichen eines Wandels der Stadt, die in der Einschätzung der Millennials Rom überholt hat.

    In die neuen Hochhäuser sind bisher nur wenige Angestellte aus dem Homeoffice zurückgekehrt. Eine Versicherungsangestellte, die nicht möchte, dass ihr Name veröffentlicht wird, gehört dazu. Sie erinnert sich an die Zeit Ende Februar, als die Stadt von heute auf morgen geschlossen wurde. Keine Schulen, kein Theater, keine Kinos, kein Verkehr. Mailand wurde zum Sperrgebiet. „Es war gespenstisch“, sagt sie, „als hätte ein Meteorit eingeschlagen. Das scharfe Winterlicht, die unnatürliche Stille, das war beängstigend.“ Besonders anstrengend sei es für sie gewesen, Homeoffice und Kinderbetreuung zu vereinbaren. Das sagen auch ihre Kolleginnen in den Bankentürmen.

    Mit den Corona-Bildern bekam Mailand ein Imageproblem. Das Wort „Wuhan Europas“ machte die Runde. Dass Mailand ein Corona-Hotspot sei, diese Meinung hält sich hartnäckig, auch wenn die Zahlen wie in ganz Italien zurückgegangen sind. Deshalb arbeitet die Stadtverwaltung an einer Imagekampagne.

    „Mailand gibt nicht auf, denn Aufgeben ist nicht in der DNA der offenen, innovativen Stadt“, hat Marco Tronchetti Provera, der CEO des Reifenherstellers Pirelli, der seine Zentrale in Mailand hat, während des Lockdowns gesagt. Und mit dem norditalienischen Selbstbewusstsein kämpft sich die Stadt gerade zurück. Das wird jedoch ein langer Weg.

    Die Erholung lässt auf sich warten

    Jörg Buck, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Italienischen Handelskammer in Mailand, befragt monatlich die rund 2000 Mitgliedsunternehmen. Sie kommen aus den Branchen Automotive, Maschinenbau, Pharma und Chemie, darunter sind kleine Weltmarktführer – und die Hälfte ist in Mailand und dem Speckgürtel angesiedelt. „Wir konnten drei Phasen ausmachen“, erklärt Buck die Stimmung. „Erst Verunsicherung und dazu Optimismus, dass in drei Monaten alles vorbei ist, dann während des Produktionsstopps die Befürchtung, mehr als die Hälfte des Umsatzes zu verlieren.“ Aus der jüngsten Befragung im Juni gehe hervor, dass die Unternehmer glaubten, die Erholung werde noch ein ganzes Jahr auf sich warten lassen. „Also ein gestrecktes U“, sagt Buck. Ein tiefes Konjunkturtal also.

    Für die kleinen Unternehmen heiße das Motto in diesem Jahr: überleben. „Aber immerhin: Jetzt erwarten sie nur noch einen Umsatzverlust von 20 Prozent“, so Buck. Die Stadt schafft es, ist er überzeugt. „Das wird ein Übergangsjahr, und natürlich müssen die Sicherheitsvorkehrungen aufrechterhalten werden, um eine zweite Welle zu vermeiden.“ Aber er sieht den Willen und den Stolz der Mailänder, es anzupacken: „Es gibt Vorsicht, aber keine Resignation.“

    Die Stadtverwaltung habe nach dem Ende des Lockdowns schnell reagiert und die Nachhaltigkeitskonzepte, die vorhanden waren, realisiert, sagt Buck. „Der Stadtentwicklungsplan 2030 für eine grüne und smarte Stadt wird vorgezogen, dazu gehören Begrünungen und zum Beispiel 45 Kilometer neue Fahrradwege.“ Auf dem Expo-Gelände werden Unternehmen der Lifescience-Forschung und -Entwicklung angesiedelt.

    Man müsse die Lektion des Lockdowns beherzigen, sagt der Financier Francesco Micheli in einem Zeitungsinterview. „Der Feinstaub war verschwunden, als der Verkehr zum Stillstand gekommen war. Jetzt müssen wir zusehen, dass wir die Luft nicht wieder mit Smog verpesten.“ Wie viele Unternehmer und Politiker macht er den Mailändern Mut: „Was Mailand war und ist, wird nicht mit dem Virus verschwinden“, ist Micheli überzeugt. „So, wie die Welt nach New York zurückkehren wird, so kommt sie auch nach Mailand zurück.“

    Und so feiern die Mailänder jedes Zeichen der vorsichtigen Rückkehr zu einer neuen Normalität: die Wiedereröffnung des Mailänder Stadtflughafens Linate etwa. Oder die Wiedereröffnung der Scala mit „vier Konzerten, um wieder anzufangen“.

    Mehr: Architekt Stefano Boeri und seine Vision einer neuen Stadt.

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