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Krieg in NahostGreift Israel jetzt die Atomindustrie des Iran an?

Rechte Kreise in Israel drängen auf einen harten Gegenschlag. Sie fordern die Regierung von Premier Benjamin Netanjahu auf, iranische Nuklear- und Öl-Anlagen zu zerstören.Dana Heide, Inga Rogg, Martin Murphy 02.10.2024 - 15:59 Uhr aktualisiert Artikel anhören
Kraftwerk in Buschehr: Angriffe auf Irans Atomanlagen würden eine massive Eskalation bedeuten. Foto: dpa

Berlin, München. Am Tag nach dem Angriff des Irans wächst die Angst vor einer Ausweitung des Konflikts. Iran riskiere, mit den Raketenangriffen auf Israel „die ganze Region in Brand zu setzen“, warnte Bundeskanzler Olaf Scholz am Mittwoch. Das gelte es unter allen Umständen zu verhindern. Israel indes bereitet einen Gegenschlag vor.

Die Regierung von Premier Benjamin Netanjahu lotet derzeit aus, inwiefern Partnerländer eingebunden werden können. Dazu liefen seit Dienstagabend Gespräche mit deren Regierungen, auch mit der Bundesregierung, wie es hieß.

Frankreich wird als Zeichen der Unterstützung für Israel seine militärische Präsenz im Nahen Osten verstärken. US-Verteidigungsminister Lloyd Austin bekräftigte die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten, Israel gegen die „iranische Aggression“ zu verteidigen. Die USA hatten bereits vor Irans Angriff die Verlegung einiger tausend Soldaten in die Region angekündigt.

In der Nacht zum Mittwoch hatten die Luftstreitkräfte der iranischen Revolutionsgarden Israel bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr direkt angegriffen. Nach israelischer Zählung wurden 181 ballistische Raketen vom Iran gestartet – unter den Zielen befanden sich auch Luftwaffenstützpunkte und einmal mehr das Hauptquartier des Geheimdienstes Mossad. Nach israelischen Angaben wurde der Angriff größtenteils abgewehrt. Weniger als eine Hand voll hätten den Schutzschirm überwunden, hieß es.

Teheran begründete seine Attacke unter anderem mit dem Tod eines iranischen Brigadegenerals beim Angriff auf das Hauptquartier der Hisbollah in Beirut. Israel hatte dabei vor wenigen Tagen den Chef der Terrorgruppe, Hassan Nasrallah, und andere Führungsfiguren der Hisbollah getötet. Zudem rückte Israel mit Bodentruppen in den Libanon vor, um die Infrastruktur der Hisbollah an der Grenze zu Israel zu zerstören.

Die Terrorgruppe ist wie die in Gaza operierende Hamas eng an den Iran gebunden. Das Regime liefert Raketen und andere Waffensysteme an Verbündete, damit diese den Krampf gegen Israel führen können.

Raketen über Tel Aviv: Der Abwehrschirm Iron Dome verhinderte auch diesmal größere Schäden. Foto: REUTERS

Israels Militär stuft den Beschuss als „harten Angriff“ ein, da er durch  Raketen mit hoher Sprengkraft erfolgt sei. Der Präsident des Atlantic Council, Frederick Kempe, bezeichnete den iranischen Schlag hingegen als „eine Art Kompromiss“. Es handelte sich um „einen Angriff, der ausreicht, um die Hardliner zu besänftigen und der iranischen Führung Zeit zu verschaffen, ohne einen größeren Krieg mit Israel oder – noch schlimmer – mit den Vereinigten Staaten auszulösen“.

„Es sieht so aus, als gäbe es so gut wie keine Opfer bei den iranischen Angriffen auf Israel, die den Amerikanern deutlich im Voraus angekündigt wurden“, schrieb Ian Bremmer, amerikanischer Politikwissenschaftler und Präsident der Beratungsfirma Eurasia Group. „Der Iran hofft, ein Mindestmaß an Abschreckung wiederherzustellen und gleichzeitig eine Eskalation zu vermeiden.“

Irans Außenminister Abbas Araghchi hatte unmittelbar nach dem Raketenangriff auf Israel mit europäischen Kollegen telefoniert, darunter auch mit Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne). Die Raketenoperation sei nun abgeschlossen, sagte Araghchi laut der iranischen Nachrichtenagentur Irna. „Aber sollte das zionistische Regime (Israel) Vergeltungsmaßnahmen ergreifen, wird unsere Antwort noch härter ausfallen.“ Die Islamische Republik Iran strebe keine Eskalation an, fürchte aber auch keinen Krieg.

Die nächsten Tage werden nach Einschätzung von Experten nun entscheidend sein – insbesondere, wie die Reaktion der USA und Israel ausfallen werden.

Die israelische Regierung drohte bereits eine Gegenreaktion an. „Der Iran hat heute Abend einen großen Fehler gemacht – und er wird dafür bezahlen“, sagte Regierungschef Benjamin Netanjahu. Laut informierten Kreisen dürfte ein Vergeltungsschlag auf den Iran zeitnah erfolgen. Ein solcher Angriff dürfe nicht unbeantwortet bleiben, auch wenn größere Opfer dank der Flugabwehr überschaubar geblieben seien, hieß es.

Zerstörtes Gebäude in Hod Hasharon: Fast 200 Raketen feuerte der Iran auf Israel ab. Foto: AP

Die „New York Times“ berichtete unter Berufung auf US-Beamte, in einem möglichen Szenario könnte Israel die iranischen Nuklearanlagen angreifen. Israel selbst hielt dazu bedeckt.

Experte sieht nun zwei Szenarien

Tatsächlich drängen in Israel rechte Kommentatoren darauf, iranische Öl- oder sogar Nukleareinrichtungen ins Visier zu nehmen. Der Iran stelle sich womöglich auf einen begrenzten Abnützungskrieg mit Israel ein, schrieb der israelische Iran-Experte Raz Zimmt vom Thinktank „Institute for National Security Studies“.

Es gebe zwei riskante Szenarien: „Ein israelischer Angriff auf Irans Atomanlagen, der Teheran die Legitimation verschaffen würde, die atomare Bewaffnung voranzutreiben, oder ein israelischer Angriff auf kritische Infrastruktur, insbesondere die Ölanlagen.“ Das könne eine harsche Reaktion provozieren und den internationalen Druck auf Israel erhöhen, betonte Zimmt.

Auch Michael Oren, ehemaliger israelischer Botschafter in den USA, schloss im Gespräch mit dem TV-Sender CNN nicht aus, dass Israel die Nuklearanlagen des Irans bombardieren könnte. Auch iranische Ölanlagen im Persischen Golf könnten Ziele israelischer Angriffe sein, sagte Oren.

Der Iran hat aus Sicht von Experten die Entwicklung von Atomwaffen nach einer Pause wieder aufgenommen, betrieb dieses Programm zuletzt aber nicht mit Hochdruck. Grundsätzlich wäre das Regime in Teheran in der Lage, in naher Zukunft eine Atomwaffe zu produzieren, sagte ein mit den Vorgängen vertrauter Militär. Der Experte Severin Pleyer von der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität gab aber zu bedenken, dass es zur Einsatzreife der Bombe einige Zeit brauchen würde.

Demonstration in Teheran: Menschen gingen nach der Raketenattacke auf die Straße und jubelten. Foto: IMAGO/Middle East Images

Ein Angriff auf die nukleare Infrastruktur des Iran ist nicht ohne Risiko. Teheran verfügt über eine effektive Luftabwehr. Zudem sind die wichtigsten Anlagen durch Stahlbeton geschützt und liegen tief in der Erde. Schon vor einigen Jahren habe Israel Pläne für einen Angriff verworfen, da die Verluste in der Luftwaffe zu hoch gewesen wären, wie Militärs berichteten.

Indes forderte selbst das rechte Massenblatt „Israel Hayom“, die Regierung müsse einen kühlen Kopf bewahren. „Israel muss abwägen, wie weit es den offenen Krieg mit Iran nun eskalieren will“, kommentierte das Blatt.

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Zwar lägen alle Optionen auf dem Tisch, einschließlich eines Angriffs auf die iranischen Atomanlagen. „Aber Israel muss die Möglichkeit eines umfassenderen regionalen Konflikts in Erwägung ziehen.“ Darüber hinaus müsse es bedenken, welche Folgen eine weitere Eskalation auf die Fronten in den Kriegen im Libanon und Gaza haben könnte, so der Kommentator.

Es wäre kurzsichtig, diesen Moment nicht als „Chance“ zu sehen, die es im Kampf gegen die regionalen Ambitionen des Irans und seiner Stellvertreter zu nutzen gelte, betonte Atlantic-Council-Präsident Kempe.

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Was den Einsatz noch erhöhe, sei der globale Kontext, in dem der Iran zunehmend gemeinsam mit Russland, China und Nordkorea agiere. „Gemeinsam versuchen sie, die globale Ordnung zu untergraben, die die Vereinigten Staaten und ihre Partner nach dem Zweiten Weltkrieg so mühsam aufgebaut haben“, warnte Kempe. Irans neue Lieferungen von ballistischen Kurzstreckenraketen und die laufende Lieferung von bewaffneten Drohnen an Russland für dessen Krieg gegen die Ukraine zeigten, was auf dem Spiel stehe.

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