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Krisenmanagement Griechenlands Corona-Strategie funktioniert – doch es gibt gefährliche Engpässe

Die Regierung in Athen setzte frühzeitig auf Beschränkungen. Das zahlt sich für Griechenland aus. Aber Fachleute warnen: „Das Schwierigste steht noch bevor.“
31.03.2020 - 10:19 Uhr Kommentieren
Auch in Griechenland gelten landesweit umfangreiche Ausgangsbeschränkungen. Quelle: dpa
Frau überquert den leeren Syntagma-Platz

Auch in Griechenland gelten landesweit umfangreiche Ausgangsbeschränkungen.

(Foto: dpa)

Athen Wenn in diesen Tagen ein Corona-Experte „vorsichtige Zuversicht“ äußert, horcht man auf. Die Einschätzung stammt von Sotiris Tsiodras, dem Chef des griechischen Sachverständigenrates für die Bekämpfung der Corona-Epidemie. Allabendlich gibt der Virologe im griechischen Fernsehen den aktuellen Stand bekannt. Die Zahlen der festgestellten Infektionen steigen zwar auch in Griechenland von Tag zu Tag weiter an – aber weniger schnell als in den meisten anderen europäischen Ländern.

Die Kurve verläuft relativ flach. „In unserem Land breitet sich die Pandemie langsamer aus als in Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland oder Großbritannien“, berichtet Tsiodras. „Unsere Maßnahmen zeigen offenbar Wirkung“, hofft der in Harvard ausgebildete Medizinprofessor. Der erste griechische Coronafall wurde am 26. Februar in Thessaloniki gemeldet. Die 38-jährige Patientin hatte das Virus bei ihrer Rückkehr aus dem italienischen Mailand eingeschleppt.

Inzwischen gibt es, so der aktuelle Stand vom Montag, 1212 dokumentierte Infektionsfälle. Seit Mitte März steigt die Zahl der Infizierten pro Tag um durchschnittlich zehn Prozent. Das ist eine im internationalen Vergleich niedrige Zunahme. In Deutschland beispielsweise lagen die täglichen Zuwachsraten im März durchschnittlich bei 20 bis 30 Prozent, bevor sie in der vergangenen Woche auf durchschnittlich zwölf Prozent abflachten.

Aktuell liegt Griechenland mit 102 Infektionsfällen pro einer Million Einwohner weltweit auf Platz 66. Eine Woche zuvor befand sich das Land noch auf Rang 55. Auch das zeigt: Die Zunahme verläuft in Griechenland langsamer als in anderen Ländern.

Die Erklärung für den relativ günstigen Verlauf in Griechenland könnte sein: Früher und konsequenter als viele andere Länder ergriff die Regierung Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Bereits am 10. März wurden alle Schulen und Universitäten geschlossen, Sportveranstaltungen abgesagt und Strände gesperrt. Wenige Tage später mussten auch alle Gaststätten und Einzelhandelsgeschäfte schließen. Seit dem 23. März dürfen die Menschen ihre Wohnungen nur noch mit triftigem Grund verlassen.

Mit den Beschränkungen hofft die Regierung die Infektionswelle abzuflachen und das Gesundheitssystem zu entlasten – ein wichtiger Gesichtspunkt gerade in Griechenland. Denn dort fehlte es in den staatlichen Kliniken schon vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie oft am nötigsten: Injektionsnadeln und Verbandsmaterial waren Mangelware, viele Ärzte und Pfleger mussten sich Schutzhandschuhe auf eigene Kosten in der Apotheke besorgen. Die Engpässe waren eine Folge des strikten Sparkurses, den Griechenland in den Krisenjahren 2010 bis 2018 fahren musste.

Nur rund acht Intensivbetten pro 100.000 Einwohner

Noch Anfang des Jahres gab es in den staatlichen Kliniken nur 565 Intensivbetten. Inzwischen stehen 870 zur Verfügung, einschließlich der Betten in Privatkliniken, die der Staat requirieren könnte. „Wir arbeiten täglich daran, dass es mehr Betten werden“, sagt Gesundheitsminister Vasilis Kikilias. Aber auch mit der jüngsten Aufstockung gibt es in Griechenland nur rund acht Intensivbetten pro 100.000 Einwohner. Damit hat das Land viel weniger Kapazitäten als Deutschland (34 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner), aber auch weniger als Italien (12,5) und Spanien (9,5).

Umso wichtiger ist es nun, die Ausbreitung des Virus zu bremsen. „Die schwierigste Phase der Epidemie liegt noch vor uns“, warnt Nikos Syfas, Professor für Infektionskrankheiten an der Athener Kapodistrias-Universität. „Wir bewegen uns in unbekannten Gewässern“, sagt der Mediziner, „es gibt keinen Grund zur Sorglosigkeit.“

Auch Nikos Chardalias, als Vizeminister für Zivilschutz zuständig für die administrativen Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie, sagt: „Nichts ist gelaufen, das Schwierigste steht uns noch bevor“. Er will deshalb keine Entwarnung geben: „Wir wandeln auf einem schmalen Grat, jeder Fehltritt kann zu einer Katastrophe führen.“

Frühestens Mitte April werde man ein Bild haben, ob die erlassenen Maßnahmen wirklich greifen, heißt es im griechischen Gesundheitsministerium. Mit einer Aufhebung der Beschränkungen sei günstigstenfalls im Mai zu rechnen, sagen die Experten. Noch halten sich die meisten Menschen an die Auflagen.

Aber nicht alle: 8441 Bußgeldbescheide stellte die griechische Polizei bereits seit dem 23. März wegen Missachtung der Ausgangsbeschränkungen aus, davon 1853 am vergangenen Wochenende. Jeder Verstoß kostet 150 Euro, das Geld kommt dem Gesundheitswesen zugute.

Die steigende Zahl der Zuwiderhandlungen zeigt: Viele Menschen werden ungeduldig. Nachdem der Karneval bereits ausfiel, naht jetzt das orthodoxe Osterfest, der höchste Feiertag der Griechen. Sie feiern ihn traditionell mit Ausflügen in ihre Heimatdörfer. Dort versammeln sich die Großfamilien mit Freunden und Bekannten um den Bratspieß, auf dem ein Lamm röstet.

Man isst, trinkt und tanzt. Aber nicht in diesem Jahr. Vizeminister Chardalias blickte streng durch seine schwarzgeränderte Brille, als er jetzt in der allabendlichen Pressekonferenz gefragt wurde, was denn aus Ostern werde. „Die Frage von Ausflügen stellt sich nicht, wir bleiben zuhause“, sagte der Zivilschutzchef knapp und bestimmt.

Mehr: Alle Entwicklungen zum Coronavirus im Newsblog.

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