„Milton“: Tropensturm wird zum Krisentest für Harris
Washington, Miami. „Milton“, ein Hurrikan der stärksten Kategorie 5, hat bereits Auswirkungen auf den US-Präsidentschaftswahlkampf, noch bevor der Wirbelsturm auf Land getroffen ist.
Am Dienstag um 10:15 Uhr Ortszeit verschickte das Weiße Haus eine knappe Mitteilung: US-Präsident Joe Biden werde seine für Ende der Woche geplante Deutschlandreise wegen des nahenden Hurrikans verschieben.
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„Milton“ könnte noch mehr Verwüstung anrichten als der Hurrikan „Helene“, der vor knapp zwei Wochen über mehrere US-Bundesstaaten im Südosten der USA hinweggefegt war. Er trifft voraussichtlich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in der Höhe von Tampa vom Golf von Mexiko aus auf die Westküste Floridas.
Nach Prognosen der Meteorologen werden die Windgeschwindigkeiten über 280 Kilometer pro Stunde betragen. Im Großraum Tampa/St. Petersburg leben mehr als drei Millionen Menschen. Der Wetterdienst warnte, wenn der Sturm auf seiner derzeitigen Bahn bleibe, werde er der schlimmste in der Region seit mehr als 100 Jahren sein.
Der scheidende Amtsinhaber Biden muss nun wohl die Hilfen für eine der größten Naturkatastrophen in der Geschichte der USA koordinieren. Doch im US-Wahlkampf sind die Augen vor allem auf Vizepräsidentin Kamala Harris gerichtet, die demokratische Spitzenkandidatin.
Genau einen Monat vor den US-Präsidentschaftswahlen am 5. November liegt sie mit ihrem Kontrahenten Donald Trump in Umfragen fast gleichauf. Derzeit scheint Harris im Gegensatz zu Biden aber nicht bereit, ihren Terminplan grundlegend zu ändern.
Um 9:57 Uhr Ortszeit am Dienstagmorgen, also nur wenige Minuten, bevor Biden die Absage seiner Deutschlandreise offiziell bestätigen ließ, betrat Harris ein Fernsehstudio im New Yorker Stadtteil Manhattan. Das erste Mal überhaupt ließ sie sich in der Sendung „The View“ auf ABC befragen, einer Nachrichten- und Unterhaltungsshow mit Millionenpublikum.
Kritik an Harris’ Talkshow-Tournee
Mit einer Serie von Fernsehauftritten will Harris in dieser Woche zeigen, dass sie sich klar zu Themen wie Abtreibung und Einwanderung positioniert und verschiedene Wählergruppen ansprechen will. Eine Visite im Podcast „Call her Daddy“, das ist der populärste Podcast bei amerikanischen Frauen, war am Sonntag der Auftakt. Geplant sind außerdem Auftritte in „The Howard Stern Show“ und in „The Late Show With Stephen Colbert“, gefolgt von einer Townhall-Debatte des größten Latino-Senders der USA, Univision.
Doch Harris’ PR-Strategie könnte nun nach hinten losgehen. Ihr wurde im Wahlkampf häufig vorgeworfen, sie agiere zu kontrolliert und weiche ungern von Planungen ab. Der rechtskonservative Sender Fox News echauffierte sich bereits über „Harris’ Medientour“, während sich Florida auf den nächsten Hurrikan vorbereite. „Sie lässt sich in der Maske zurechtmachen und filmen, während Millionen Menschen um ihr Leben bangen“, hieß es in der Nacht zum Montag zur besten Sendezeit.
Ihr Kontrahent Trump, der häufig ein Gespür für gesellschaftliche Stimmungswechsel bewiesen hat, besuchte am Montag Miami. Die Metropole im Bundesstaat Florida dürfte Mitte der Woche schwer vom Hurrikan „Milton“ getroffen werden. Es sei ihm wichtig, hier zu sein, sagte der republikanische Präsidentschaftskandidat.
Man habe ihn für verrückt gehalten, so Trump. Denn während alle vor dem großen Hurrikan fliehen würden, fliege er Richtung Florida. Trumps Wohnsitz in Mar-a-Lago befindet sich nördlich von Miami.
Ron DeSantis lässt Harris abblitzen
Der ehemalige Präsident hielt eine Rede vor der jüdischen Gemeinde zum Gedenken an den 7. Oktober 2023, als in Israel mehr als 1200 Menschen bei einer Terrorattacke durch die Hamas starben. Seine Termine vor lateinamerikanischen Wählergruppen sagte Trump hingegen ab. Er reiste noch am Montagabend wieder Richtung Norden.
Auch andere prominente Republikaner versuchen, Harris’ Agieren in der Hurrikan-Saison öffentlichkeitswirksam für den Wahlkampf zu nutzen. So weigerte sich der Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, ein Telefongespräch von Harris anzunehmen, weil diese „keine Rolle in dieser Sache“ spiele.
Harris habe sich als Vizepräsidentin nie gemeldet, wenn Florida es mit Stürmen zu tun gehabt habe, sie solle sich deshalb „nicht einmischen“, so DeSantis. Ein Telefonat von Biden hingegen nahm der Gouverneur an.
Harris reagierte konsterniert auf die Abweisung, indem sie darauf hinwies, dass „jede Führungspersönlichkeit in einer solchen Situation die Politik beiseitelegen und das Volk an die erste Stelle setzen sollte“. Das wiederum veranlasste DeSantis zu einem Konter. Harris versuche, politisches Kapital aus der Naturkatastrophe zu schlagen, kritisierte er.
So bereitet sich Florida auf „Milton“ vor
Die Bewohner in Florida bereiten sich derweil auf den zweiten großen Hurrikan innerhalb von zwei Wochen vor. „Helene“ hatte in sechs Bundesstaaten mehr als 230 Menschen getötet und im Norden Floridas, in Georgia, South Carolina, North Carolina und Tennessee große Verwüstungen angerichtet.
„Milton“ könnte nun Gebiete treffen, die sich kaum von „Helene“ erholt haben. Jane Castor, die Bürgermeisterin von Tampa, sagte Montagabend (Ortszeit) dem Fernsehsender CNN: „Ich kann das ohne jegliche Dramatisierung sagen: Wenn Sie sich entscheiden, in einem dieser Evakuierungsgebiete zu bleiben, werden Sie sterben.“
Die Unsicherheit ist groß, weil niemand vorher sagen kann, wo genau und mit welcher Wucht der Hurrikan auf Land trifft. Die Menschen in Miami, 280 Kilometer südöstlich von Tampa, sind nicht panisch, aber sie bereiten sich vor. Sie legen sich Vorräte an, sichern an ihren Häusern alles, was wegfliegen könnte, und auch an den Tankstellen sind die Schlangen länger als sonst.
„Die Leute hier sind nervöser als sonst“, sagt Patricia Schille-Hubalek. Die Immobilienmaklerin lebt seit 2004 in Miami und hat schon viele Tropenstürme erlebt. Sie erinnert sich, als sie im Jahr 2005 von ihrem Balkon aus sah, wie Hurrikan „Wilma“ die Autos wegfliegen ließ. Das habe einen Eindruck hinterlassen, der bis heute prägend sei.
Harris’ Botschaften gehen unter
Fest steht schon jetzt: Die Tropenstürme und die mit ihnen einhergehenden Verwüstungen sind nicht nur eine menschliche Tragödie, sondern sie werden knapp vier Wochen vor den Präsidentschaftswahlen zum Politikum.
Die Häufung von Naturkatastrophen könnte die US-Wahlen auf den letzten Metern auf mehreren Ebenen beeinflussen. Zum einen drohen Folgen für die Wirtschaft: Nach aktuellen Schätzungen der Risikospezialisten von Moody’s sind bereits Versicherungsschäden in Höhe von acht Milliarden bis 14 Milliarden Dollar entstanden. Die betroffenen Bundesstaaten sind starke Wirtschaftszentren mit viel Zulieferer-, Service- und Tourismusindustrie.
Außerdem zeigte bereits der Umgang mit „Helene“, wie stark die politische Spaltung in den USA ausgeprägt ist. Bislang waren Politiker verschiedener Parteien bei Katastrophen zusammengerückt. Trump hingegen verbreitete im Zusammenhang mit „Helene“ viele Verschwörungstheorien, darunter die falsche Aussage, dass die Regierung absichtlich Hilfe für republikanische Katastrophenopfer zurückhalte.
Er behauptete, ebenfalls ohne Belege, dass der zuständigen Behörde FEMA (Federal Emergency Management Agency) das Geld ausgehe, weil es vollständig für Programme für illegal im Land lebende Einwanderer verwendet worden sei.
Harris versucht bislang, mit vielen öffentlichen Widerreden gegenzusteuern. Es seien genug Gelder da, sagte die Demokratin und kritisierte Trump für dessen Behauptungen scharf. Ebenso wie Biden besuchte sie kürzlich Regionen, die von den Ausläufern der starken Regenfälle von „Helene“ überflutet worden waren.
Für den Moment jedoch scheinen ihre Botschaften im Hurrikan unterzugehen: Harris’ groß angekündigte Medientournee rückte am Dienstag in den Hintergrund. Stattdessen war auf allen Fernsehkanälen eine Krisensitzung Bidens mit einer aktuellen Ansprache zu „Milton“ – „schlimmster Sturm in Florida seit 100 Jahren“ – zu sehen. Danach folgten Aufnahmen von Trump, in denen er Harris kritisierte.