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Naher OstenTausende Verletzte nach Explosionen im Libanon – US-Medien berichten von möglichem Sprengstoff in Funkgeräten

Zeitgleich explodieren viele kleine Kommunikationsgeräte. Zahlreiche Hisbollah-Mitglieder werden verletzt. Die Schiiten-Miliz und der hinter ihr stehende Iran machen Israel verantwortlich. 17.09.2024 - 18:33 Uhr aktualisiert Artikel anhören
Krankenwagen in Beirut am Dienstag. Zahlreiche Mitglieder der Hisbollah wurden verletzt, als ihre Pager explodierten. Foto: REUTERS

Beirut. Die zeitgleich und zu Hunderten im Libanon explodierten Funkempfänger sind Medienberichten zufolge vermutlich von israelischen Agenten vorher mit Sprengstoff präpariert worden. Viele der sogenannten Pager stammten aus einer Lieferung, die die mit Israel verfeindete libanesische Hisbollah-Miliz in den vergangenen Tagen erhalten habe, berichtete das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Quellen.

Israelische Agenten hätten die in Taiwan hergestellten Geräte vor der Ankunft im Libanon abgefangen und mit jeweils etwa 25 bis 50 Gramm Sprengstoff bestückt, berichtete die „New York Times“ unter Berufung auf amerikanische und andere Behördenvertreter, die über die Operation informiert worden seien.

Es sei zwar möglich, dass Hacker die Batterien in den Pagern mit Schadsoftware durch Erhitzen zum Explodieren brachten, zitierte das „Wall Street Journal“ den Geschäftsführer einer US-Firma für Cybersicherheit. Aber das wäre sehr schwierig.

Die Hacker müssten nicht nur die Marke und das Modell genau kennen, auch wäre der Effekt nicht so heftig gewesen, wie es Videos der Explosionen vermuten lassen, sagte der Experte. Wahrscheinlicher sei auch seiner Einschätzung nach, dass eine Lieferung der Pager auf dem Weg vom Hersteller zum Bestimmungsort abgefangen und mit Sprengstoff samt einem Code versehen wurde.

Bei dem mutmaßlich koordinierten Angriff im Libanon wurden am Dienstag 2750 Menschen verletzt und acht Menschen getötet. Das gab der libanesische Gesundheitsminister Firas Abiad bei einer Pressekonferenz am Abend in der Hauptstadt Beirut bekannt.

Aus Kreisen der Hisbollah hieß es, dass zahlreiche Mitglieder der Schiiten-Miliz verletzt worden seien. Darunter sollen auch Mitglieder der Radwan-Gruppe gewesen sein, einer Eliteeinheit der Hisbollah. Zudem sollen auch hochrangige Hisbollah-Vertreter verletzt worden sein, wie eine der Hisbollah nahestehende Quelle bestätigte.

Am Dienstag sind im Libanon binnen einer Stunde hunderte Pager detoniert. Mindestens acht Menschen kamen ums Leben, Tausende wurden verletzt. Was die Explosion der Kommunikationsgeräte ausgelöst hat, war zunächst unklar.

In Videos von Überwachungskameras war zu sehen, wie es etwa in Supermärkten zu kleineren Explosionen kam. Teils lagen Menschen danach am Boden. Die Explosionen ereigneten sich örtlichen Medien zufolge in den südlichen Vororten Beiruts, wo die Hisbollah besonders stark ist, sowie im Süden des Landes.

Panik in den Straßen

Augenzeugen berichteten von Panik in den Straßen Beiruts. Zahlreiche Krankenwagen waren im Einsatz. Das libanesische Gesundheitsministerium rief alle Krankenhäuser zu höchster Alarmbereitschaft auf und forderte die Menschen auf, keine Funkgeräte zu benutzen.

Bei den explodierten Geräten soll es sich um tragbare Funkrufempfänger handeln. Das Ministerium rief zu Blutspenden auf.

Auch Irans Botschafter im Libanon, Modschtaba Amani, soll Medienberichten zufolge bei der Explosion eines Pagers verletzt worden sein. Die Hisbollah ist der wichtigste nicht staatliche Verbündete der Islamischen Republik Iran.

Auch in Syrien soll es zu ähnlichen Vorfällen gekommen sein. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte bestätigte, dass mehre Mitglieder der Hisbollah durch explodierende Kommunikationsgeräte in der Nähe der Hauptstadt Damaskus verletzt wurden. Aus syrischen Sicherheitskreisen hieß es, ein Pager sei unter anderem in einem Auto in der Hauptstadt Damaskus explodiert.

Konflikt zwischen Hisbollah und Israel

Im Raum stand die Vermutung, dass Israel die Geräte als Angriff auf Hisbollah-Kämpfer womöglich gezielt zur Explosion gebracht haben könnte. Israels Armee kommentierte die Vorfälle im Libanon zunächst nicht.

Polizisten untersuchen ein Auto, in dem ein Pager explodiert ist, Foto: AP

Seit Beginn des Gazakriegs vor fast einem Jahr kommt es im Grenzgebiet fast täglich zu Konfrontationen zwischen der libanesischen Hisbollah und dem israelischen Militär. Auf beiden Seiten gab es infolge des Beschusses Tote – die meisten von ihnen waren Mitglieder der Hisbollah. Erst am Dienstag wurden nach israelischen Angaben bei einem Angriff auf einen Ort im Südlibanon drei Hisbollah-Kämpfer getötet. Die proiranische Schiitenmiliz handelt nach eigenen Angaben aus Solidarität mit der islamistischen Hamas im Gazastreifen.

Die Hisbollah im Libanon hat Israel für die mutmaßlich koordinierten Explosionen verantwortlich gemacht und Vergeltung angekündigt. Der „israelische Feind“ sei voll verantwortlich für die „kriminelle Aggression“, hieß es in einer Erklärung der proiranschen Schiitenorgansation auf Telegram. Israel werde eine „gerechte Vergeltung“ für diese „sündige Aggression“ erhalten, hieß es weiter.

Irans Außenminister Abbas Araghchi verurteilte die Explosionen als „Terrorakt“. In einem Gespräch mit seinem libanesischen Kollegen Abdullah Bou Habib sprach Irans Topdiplomat sein Beileid aus und bot Unterstützung an, wie das Außenministerium in Teheran in einer Mitteilung erklärte. Araghchi machte Israel für die Explosionen verantwortlich.

Die Vereinten Nationen warnten vor einer Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah. „Diese Entwicklungen sind äußerst besorgniserregend, insbesondere angesichts der Tatsache, dass dies in einem äußerst instabilen Kontext geschieht“, sagte Sprecher Stéphane Dujarric in New York. Die UN beobachteten die Situation. „Wir können die Risiken einer Eskalation im Libanon und in der Region nicht genug betonen“, fügte Dujarric hinzu.

Pager: Der nicht-ortbare Handyvorläufer

Pager waren so etwas wie ein Vorläufer des Handys. Die Grundidee: Wenn man mit jemandem sprechen will, pingt man den Pager der Person an. Diese sieht die Telefonnummer - oder eine kurze Nachricht - und kann zurückrufen oder entsprechend der Nachricht handeln.

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Pager wurden vor allem seit den 1980er Jahren breit eingesetzt, unter anderem bei Rettungsdiensten. Die permanente Erreichbarkeit dank der allgegenwärtigen Handys machte sie jedoch weitgehend überflüssig. Etwa die Feuerwehr nutzt sie aber teils weiterhin. Inzwischen gibt es auch Modelle von Pagern, auf denen man eine Nachricht zurückschicken kann.

Dass eine Miliz wie die Hisbollah in großem Stil Pager verwendet, hat wohl einen einfachen Grund: Anders als bei Handys oder Smartphones kann ihr Aufenthaltsort nicht ermittelt werden. Denn ein gewöhnlicher Pager ist nur ein Empfänger, der nicht in ein Netz eingeloggt ist. Alle Pager in einem Gebiet gleichzeitig zu aktivieren, ist unterdessen kein Problem.

dpa
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