Nahost-Konflikt: Die zerstrittene Schutzmacht – Wie der Israel-Krieg Amerika spaltet
Anhänger Israels und der Palästinenser stehen sich derzeit in den USA oft verfeindet gegenüber.
Foto: APNew York, Washington. „Ceasefire“ – Waffenstillstand – war in großen weißen Lettern auf dem schwarzen Banner geschrieben. „Unser Blut hat die gleiche Farbe“, stand auf einem anderen Transparent. Hunderte Menschen hatten am Mittwoch Teile des US-Kongresses besetzt, um für ein Ende des Israel-Gaza-Kriegs zu demonstrieren.
Einige Teilnehmer trugen Gebetsschals und Kippas, andere T-Shirts mit der Aufschrift „Juden für Waffenstillstand“. Aber auch Menschen mit schwarz-weißen Palästinenser-Tüchern und Aktivisten mit bunt gefärbten Haaren und Piercings waren gekommen. In der Rotunde, dem Rundbau unter der weltberühmten Kongresskuppel, kam es zu Zusammenstößen mit Sicherheitskräften, mehrere Menschen wurden in Gewahrsam genommen, darunter laut US-Medien auch einige Rabbiner.
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Allein in New York leben laut Census 1,6 Millionen jüdische Einwohner. Das sind 18 Prozent der Bevölkerung. Es ist die größte jüdische Bevölkerungsgruppe außerhalb Israels. Freundschaften und Verwandtschaften verbinden die Amerikaner mit den Menschen in der Krisenregion. Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern überträgt sich darum schnell vom Nahen Osten in die USA – genauso wie die Sorge vor einer weiteren Eskalation, vor noch mehr zivilen Opfern.
Die unterschiedlichen Meinungen zu dem Konflikt führen zu Spannungen im Alltag, in der Politik, bei Wall-Street-Investoren, Tech-Konzernen und Elite-Unis.
In New York begleiten israelische Eltern plötzlich ihre Teenager wieder bis in die Schule. An den Bäumen in Brooklyn hängen „Kidnapped“-Poster mit Fotos von Kindern, die in Gaza entführt wurden. Und am Times Square und am Washington Square stehen sich die Anhänger Israels und die der Palästinenser verfeindet gegenüber.
Bei der Demonstration in Washington traten auch mehrere demokratische Politiker auf, darunter die linken Abgeordneten Cori Bush und Rashida Tlaib. „Nicht alle Amerikaner sind in dieser Sache auf Ihrer Seite“, sagte Tlaib an Joe Biden gewandt, der Israel umfangreiche Militärhilfe zugesichert hat. „Die Amerikaner wollen einen Waffenstillstand. Sie wollen, dass es aufhört.“
Die linken Demokratinnen Cori Bush (vorne) und Rashida Tlaib sind zwei prominente Israel-Kritikerinnen.
Foto: APDie erste Abgeordnete muslimischen Glaubens im US-Kongress gilt als eine der prominentesten Israel-Kritikerinnen. Das Land habe mit seinem „Apartheidsregime“ und seiner Siedlungspolitik die Angriffe der Hamas provoziert, wirft sie Israel vor – und machte die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu für die Attacke auf das Krankenhaus in Gaza-Stadt verantwortlich, auch wenn US-Geheimdienste keine Beteiligung der israelischen Streitkräfte sehen.
Die USA sind der wichtigste Verbündete Israels
Längst geraten auch die sozialen Medien in die Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, die ohnehin schon polarisierte Stimmung durch Mythenbildungen weiter zu schüren. Insbesondere dem Nachrichtendienst X (vormals Twitter) des Milliardärs Elon Musk wurde vorgehalten, nicht entschlossen gegen Falschinformationen und Propaganda zum Krieg vorzugehen.
Die aufgeheizte, von Vorwürfen und Schuldzuweisungen geprägte Stimmung spiegelt sich auch im US-Präsidentschaftswahlkampf wider. Zwar steht die Unterstützung Israels bei Demokraten und Republikanern grundsätzlich nicht zur Debatte. Die USA sind seit Israels Staatsgründung vor 75 Jahren der wichtigste Verbündete des jüdischen Staats und überweisen ihm jedes Jahr rund 3,8 Milliarden US-Dollar.
Das Weiße Haus sorgt sich, dass der Krieg im Nahen Osten zu Hassverbrechen in den USA führt.
Foto: IMAGO/USA TODAY NetworkEx-Präsident Donald Trump wirft Biden aber vor, die USA auf der Weltbühne geschwächt zu haben. Ein Kritikpunkt ist, dass Biden zu weich gegenüber dem Iran auftrete, der die radikalislamische Terrororganisation Hamas finanziert.
Innerhalb des konservativen Lagers toben heftige Diskussionen zwischen traditionellen Pro-Israel-Republikanern, „America First“-Nicht-Interventionisten, Trump-Ultras und einem kleinen, harten Kern antisemitischer Randgruppen. Der frühere Fox-News-Star Tucker Carlson wiederum steht an der Spitze einer Bewegung, die Israel und das eigene Land davor warnt, den Konflikt zu schüren. Dies werde zu einem gefährlichen Zusammenstoß mit dem Iran führen, behauptet er.
Die Gruppe „Turning Point USA“, der größte rechtskonservative Studierendenverband, unterstellte dem israelischen Premierminister Netanjahu, er habe das Massaker der Hamas initiiert, um einen Vorwand für hartes militärisches Durchgreifen zu haben. Die Organisation, die sonst von prominenten Republikanern umgarnt wird, steht seitdem massiv in der Kritik.
Das konservative Lager der USA, das beim Thema Israel häufig geschlossen auftritt, ist plötzlich gespalten.
Innerhalb der Republikaner gibt es viele verschiedene Positionen zum Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern.
Foto: dpaDas Weiße Haus sorgt sich, dass der Krieg im Nahen Osten zu Hassverbrechen in den USA führt. In mehreren Metropolen wurden die Sicherheitsvorkehrungen vor jüdischen Einrichtungen erhöht. Am vergangenen Wochenende war ein sechsjähriger Junge palästinensischer Abstammung im US-Bundesstaat Illinois erstochen worden. Die Behörden gehen von einem islam-feindlichen Motiv aus, das nach ihren Erkenntnissen im direkten Zusammenhang mit den Hamas-Attacken steht.
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Längst ist der Konflikt auch in der Wirtschaft angekommen. So hat etwa Paddy Cosgrave, Gründer der europäischen Technologie-Konferenz Web Summit, mit einem Tweet viele US-Teilnehmer verschreckt.
„Ich bin schockiert über die Rhetorik und die Handlungen so vieler westlicher Staats- und Regierungschefs“, schrieb Cosgrave vergangene Woche auf dem sozialen Netzwerk X und kritisierte damit Israels Vergeltungsmaßnahmen auf die Terroranschläge vom 7. Oktober. Einzig der irische Regierungschef Leo Varadkar habe „ausnahmsweise das Richtige getan“, so Cosgrave, der selbst gebürtiger Ire ist. Varadkar hatte Israels Entscheidung, die Versorgung mit Strom, Wasser und Lebensmittel in Gaza zu kappen, als „inakzeptabel“ verurteilt.
Seitdem hat eine Reihe von US-Tech-Investoren ihre Teilnahme an der Konferenz abgesagt, zu der 70.000 Menschen in Lissabon erwartet werden. Der israelische Botschafter in Portugal informierte Lissabons Bürgermeister, dass Israel nach Cosgraves „empörenden Äußerungen“ nicht an der Konferenz teilnehmen werde. Cosgrave hat sich mittlerweile für seine Äußerungen entschuldigt, er veröffentlichte jedoch auch Nachrichten des Zuspruchs, die er nach eigenen Angaben von Investoren und Gründern bekommen hat.
Demonstranten strömten am Mittwoch ins US-Kapitol.
Foto: APAusgerechnet in diesen angespannten Zeiten wollten zudem verschiedene Unternehmenslenker am 24. Oktober ins saudi-arabische Rihad zur „Future Investment Initiative“ – einer Art Davos in der Wüste – reisen. Dazu gehören Larry Fink von Blackrock, David Rubenstein von Carlyle, David Solomon von Goldman Sachs und Jamie Dimon von JP Morgan. Laut „New York Times“ erwägen einige von ihnen nun, ihre Teilnahme abzusagen.
Tech-Konzerne mit engem Draht nach Israel
Enge Verbindungen haben neben der Wall Street viele US-Technologieunternehmen. Israel ist ein wichtiger Tech-Hub, zahlreiche Konzerne betreiben dort Entwicklungszentren. Nun ziehen viele israelische Programmierer in den Krieg – Hightech-Experten, die für Start-ups arbeiten, aber auch für Großkonzerne wie Nvidia, Microsoft, Apple, Google, Meta oder Amazon. Teilweise befinden sich 15 Prozent der Teams im Militärdienst. Nvidia sagte eine für Montag geplante KI-Konferenz in Tel Aviv ab. IBM verdoppelt die Spenden seiner Mitarbeiter für Hilfsorganisationen.
Der US-israelische Risikokapitalgeber Guy Horowitz sieht das Silicon Valley als direkt betroffen an: „Viele Ingenieure, die in Start-ups arbeiten, beschäftigen sich jetzt mit anderen Dingen oder gehen sogar nach Israel.“ Israelische Start-ups hätten Treffen mit Investoren verschieben müssen. Priorität habe, alles zu tun, um den Angehörigen in der Heimat zu helfen.
„Es gibt einen unsichtbaren Klebstoff, der alle Israelis zusammenhält“, sagte Horowitz dem TV-Sender CBS. „Es ist traurig, aber es sind Ereignisse wie diese, die uns stärken und vereinen.“ Nach Angaben der US-Israel Business Alliance ist Kalifornien Hauptsitz von 35 israelischen Einhörnern, also Start-ups mit einer Bewertung von über einer Milliarde Dollar.
„Ich bringe es nicht über mich, zur Arbeit zu gehen“, sagte etwa Roi Rutenberg vom Start-up Impossible Foods. Seine Sorgen kreisten um die Angehörigen in der Heimat. Rutenberg versuchte, nach Israel zu fliegen, aber die wenigen verfügbaren Sitze sind für Reservisten reserviert. Nun fährt er zu Demonstrationen im Valley. „Israelis weltweit, jüdischen Menschen weltweit geht es nicht gut. Ihre Seele wurde auseinandergerissen“, sagt er.
Uni-Proteste im Fokus der Wall Street
Ein erbitterter Streit ist zwischen einigen Wall-Street-Größen und US-Universitäten entbrannt. So gab es auf dem Campus der New Yorker Columbia University konkurrierende Demos pro Israel und pro Palästina. Und dutzende Studierendengruppen der Eliteuniversität Harvard gaben kurz nach den Anschlägen der Hamas eine Erklärung ab, in der sie die israelische Regierung für die von der Hamas im Gazastreifen entfesselte Gewalt „voll verantwortlich“ machten.
Der offene Brief ist zwar nicht von Einzelpersonen unterschrieben. Doch wer die Aktion organisiert hatte, wurde öffentlich. Hedgefonds-Manager Bill Ackman erklärte auf der Plattform X, er wolle eine Liste anlegen, damit Wall-Street-Firmen die involvierten Studentinnen und Studenten nicht „aus Versehen einstellen“, so der Chef von Pershing Square, der selbst Harvard-Absolvent ist.
In den USA wird erbittert über den Konflikt gestritten – auch in der Wirtschaft.
Foto: IMAGO/USA TODAY NetworkDie renommierte Anwaltskanzlei Davis Polk zog tatsächlich Job-Angebote für drei Studierende zurück. In zwei Fällen wolle die Kanzlei die Entscheidung nun jedoch wieder überdenken, wie die „New York Times“ berichtet. Die Betroffenen hätten erklärt, dass sie nicht hinter dem Brief gestanden hätten.
Die University of Pennsylvania wiederum hatte wenige Wochen vor dem Anschlag auf Israel ein Literaturfestival mit dem Titel „Palestine Writes“ organisiert. Kritiker werfen der Universität vor, dass dies Rednern mit antisemitischer Vorgeschichte eine Plattform gegeben habe. Ein offener Brief wurde von wichtigen Geldgebern unterzeichnet – etwa Marc Rowan, Vorstandsvorsitzender des Private-Equity-Riesen Apollo, sowie Ron Lauder, Erbe des Kosmetikriesens Estee Lauder.
„Schließt eure Scheckbücher“, wetterte Rowan in einem Gastbeitrag für die Studierendenzeitung, der eine neue Führung für die Universität forderte.