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Ukraine-KriegWer die Lage in Charkiw verstehen will, nutzt diese Karte

Deep State Map zeigt täglich, wie sich die Lage an der Front verändert. Wie aus einer Tech-Faszination ein lebenswichtiges Instrument für Armee und Nothilfe wurde.Ivo Mijnssen 22.05.2024 - 04:57 Uhr aktualisiert
Deep State Map: Hier lassen sich täglich die Verschiebungen an der Front nachverfolgen. Foto: deepstatemap.live

Wien. Als Roman Pohorili und Ruslan Mikula 2021 erstmals mit einer Karte experimentierten, die Bewegungen in Kriegen und bewaffneten Konflikten live abbilden kann, fanden sie das vor allem technisch interessant. Doch dann marschierte Russland in ihr Heimatland ein, und ihre Website DeepStateMap.live wurde zu einer der meistgenutzten Karten des Ukrainekriegs.

Sie hatte inzwischen weit mehr als eine Milliarde Zugriffe. Für viele ist die Karte ein Mittel zum Überleben, Notfalldienste und selbst die ukrainische Armee nutzen sie. Wer die Lage im Donbass oder rund um Charkiw verstehen will, kommt um Deep State Map kaum herum.

Das Team um Pohorili und Mikula hat eine intuitive Benutzeroberfläche geschaffen, die die wichtigsten Informationen fast alle auf einen Blick präsentiert: Von Moskau besetzte Gebiete sind rosa oder orange eingefärbt, befreite Territorien grün, die umkämpften grau.

Google blockierte die erste Version der Karte

Nutzerinnen und Nutzer können sich zudem die Topografie und die Wetterlage einblenden lassen, den Verlauf der Schützengräben verfolgen oder sich ansehen, welche Einheiten wo an der Front stationiert sind. Allerdings zeigt Deep State Map nur russische Stellungen, keine ukrainischen. Roman Pohorili will dem Feind keine nützlichen Informationen liefern.

Im Zoom-Gespräch mit der „NZZ“ sagt der 24-Jährige offen, dass er kein objektiver Beobachter sei. „Es geht um unsere Ukraine, und wir kämpfen für den Sieg.“ Dies heißt, dass er laufende Operationen des ukrainischen Militärs manchmal unterschlägt, selbst wenn sein Team davon weiß.

Änderungen gibt es aber jeden Tag. Mit einer Timeline-Funktion kann man Frontverschiebungen fast beliebig in die Vergangenheit verfolgen. Nur die ersten sechs Wochen des Krieges gingen bei einem Relaunch der Seite verloren.

Zunächst funktionierte Deep State Map auf Basis von Google Maps, doch die Karte wurde blockiert. Mutmaßlich reagierte der US-Konzern wegen russischer Hackerangriffe und ungelöster Haftungsfragen. Die  Autoren mussten sie neu programmieren.

Pohorili versichert, dass die sichtbaren Informationen korrekt sind. Es habe keinen Sinn, russische Eroberungen und damit einhergehende Verschiebungen der Front zu verschweigen, wenn dies beispielsweise die Evakuierung von Zivilisten gefährde. Schließlich ist der ukrainische Katastrophenschutz offizieller Partner.

Dem ehemaligen Anwalt geht es um Grundsätzliches: „Die Leute sollen sich keine Illusionen machen. Sie müssen der Realität ins Auge sehen.“ Nur wenn sie die wahre Lage an der Front verstünden, könnten sie die Russen effektiv bekämpfen.

Die Leute sollen sich keine Illusionen machen. Sie müssen der Realität ins Auge sehen.
Roman Pohorili
Betreiber von Deep State Map

Dass diese Lage schwierig ist, weiß Pohorili besser als viele andere in der Ukraine. Mehr als 100 Personen liefern der Deep State Map als Freiwillige Informationen. Viele dienen selbst in der Armee, stehen an der Front. Das Kernteam, zu dessen Größe Pohorili aus Sicherheitsgründen nichts sagt, analysiert Videos, Nachrichten und Bilder. Es entscheidet, wann die Karte aktualisiert wird.

Eine ukrainische Psychologin in der Region Cherson, Ukraine. Foto: Getty Images

Gerade Bilder, sagt Pohorili, ließen sich mit den Methoden der sogenannten Open Source Intelligence (Osint) gut überprüfen. Die Analysten gleichen die Lage von Gebäuden oder Straßen mit Satellitenbildern ab, um sicherzustellen, dass die Angaben, wo zum Beispiel ein Video aufgenommen wurde, stimmen.

Falschinformationen und Propaganda

Damit treten sie auch Falschinformationen entgegen: So verbreiteten russische Kanäle jüngst ein Video, das angeblich zeigte, wie eine russische Flagge im Zentrum der strategisch bedeutsamen Ortschaft Otscheretine gehisst wurde. Deep State Map wies nach, dass sich die russischen Soldaten erst am Rand des Dorfes befanden. Dieses fiel einige Tage später.

Ein ukrainischer Soldat an der Front nahe Donezk spricht über Funk. Foto: AP

Pohorili weiß, dass der Kampf um die Ukraine ein Informationskrieg ist. Es ist wenig Platz für objektive Informationen zwischen Propaganda und Gegenpropaganda. Im Gegensatz aber zu „Rybar“, einem einflussreichen russischen Telegram-Kanal mit ähnlichem Profil, habe Deep State Map nie bewusst Falschinformationen verbreitet, sagt er.

Die Armeeführung sei für seine Karte zwar eine wichtige Informationsquelle. „Aber sie haben uns nie Vorgaben gemacht oder versucht, unsere Arbeit zu steuern.“ Das Geld stamme ausschließlich aus Spenden.

Pohorili und seine Kollegen kritisieren die Armeeführung nicht direkt, auch wenn in der Ukraine keine Zensur wie in Russland herrscht. „Das ist unser Staat, und wir müssen ihn unterstützen“, sagt er. Auf dem Telegram-Kanal von Deep State Map werden die täglichen Ereignisse an der Front dennoch ungeschminkt kommentiert, was die Glaubwürdigkeit  stärkt.

Ukraine – Die aktuelle Lage

USA schicken wichtige Vertreter nach Moskau und Kiew

Ein Beispiel dafür waren die Ereignisse rund um Russlands Einmarsch im Gebiet Charkiw. Das regionale Armeekommando behauptete bis zum Abend, es sei kein Territorium verloren gegangen; später hieß es, man habe den Angriff gestoppt.

Pohorilis Karte stellte das umkämpfte Gebiet zunächst als graue Zone dar. Sobald belastbare Informationen von der Front vorlagen, schlug sie grenznahe Dörfer dem russisch besetzten Gebiet zu. Und obschon die zuständigen Militärbehörden meldeten, die graue Zone vergrößere sich nicht, dehnte sich diese bis Sonntagabend auf der Karte immer mehr aus.

Ukrainische Soldaten der Einheit Code 9.2 justieren eine Antenne an der Frontlinie, wenige Kilometer von Bachmut. Foto: AP

Die Autoren erzeugen eine Realität, die objektiv wirkt, die Kommentare dazu sind kurz und trocken. Offen widersprachen Pohorili und seine Kollegen dem Regionalkommando auch im Februar, als dieses nach dem Fall von Awdijiwka behauptete, die ukrainischen Truppen zögen sich hinter „vorbereitete Verteidigungslinien“ westlich der Stadt zurück.

Tatsächlich rückte Russland weiter vor. Den Fall von Otscheretine Ende April nannte die Deep State Map dann „die Öffnung der Büchse der Pandora“.

Alle müssen verstehen, dass die Lage im Donbass sehr, sehr schwer ist.
Roman Pohorili
Betreiber von Deep State Map

Für Roman Pohorili ist es legitim, Probleme anzusprechen. „Alle müssen verstehen, dass die Lage im Donbass sehr, sehr schwer ist, damit sie sich mehr bemühen und damit die Gesellschaft nicht nachlässt.“

Dies gelte für schlechte Kommandanten ebenso wie für die Menschen, die weit weg von der Front nicht einfach ihr gewohntes Leben weiterführen könnten. „Wir brauchen viel mehr – von fast allem.“

Spielerische Elemente – und Bitte um Spenden

Die neuen Waffen, die nun aus den USA kämen, motivierten die Soldaten, sagt Pohorili. Sie wüssten aber auch, dass eine schwere Zeit vor der Ukraine liege, dass die Verteidigung gegen die Russen eher noch schwieriger werde. Erfolgsmeldungen seien deshalb sehr wichtig für die Moral.

Um die Moral auch innerhalb des Teams hochzuhalten, verstecken sich in der Karte einige Spielereien: So fliegt über dem Schwarzen Meer ein Vogel. Klickt man ihn an, erscheint aus dem Nichts Baby-Yoda, ein Jedi-Zauberer aus dem „Star Wars“-Universum. Mit einer Handbewegung lässt er alle russischen Einheiten in die Luft fliegen. Danach fordert die Site den Benutzer auf, für neue ukrainische Drohnen zu spenden.

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