Yahya Sinwar: Warum der Hamas-Chef noch immer glaubt, dass er Israel vernichten kann
Tel Aviv. Wer darauf gehofft hatte, die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas könnte der Beginn eines Friedensprozesses werden, wurde am Freitagmorgen enttäuscht. Die Raketen fliegen wieder.
Das liegt vor allem an Yahya Sinwar, Chef der Hamas im Gazastreifen. Er war es, der am 7. Oktober den Befehl zum Anschlag auf Israel gab. 3000 Terroristen fielen daraufhin in Israel ein, töteten 1200 Menschen und verschleppten 240.
Über viele Monate hatte Sinwar den Angriff geplant. Doch vorbereitet hatte er diesen Tag und den anschließenden Krieg schon seit viel längerer Zeit.
Es sei „die Mission seines Lebens“, sagt der Tel Aviver Anti-Terror-Experte Kobi Michael. Rund zehn Jahre, schätzt er, sei der Plan gereift. Sinwars Ziel: „So viele Israelis wie möglich zu ermorden.“
Der brutale Angriff vom 7. Oktober sei ein erster Schritt gewesen, um Israel zu zerstören, meint Michael Milstein, der das Forum für Palästinenserstudien am Moshe-Dayan-Zentrum für Nahost- und Afrikastudien der Universität Tel Aviv leitet und bis 2018 beim militärischen Geheimdienst der Armee für das Dossier „Palästinenser“ zuständig war.
Der Kampf gegen Israel sei für Sinwar ein heroischer Konflikt zwischen dem Islam und dem Rest der Welt, sagt Milstein. Westliche Moralvorstellungen seien ihm ein Gräuel. Statt die Hilfsgelder, die er zum Aufbau des Gazastreifens erhielt, zum Wohl der Bevölkerung zu investieren, schaffte er sich damit Raketen an und baute Tunnelanlagen für sich und seine Terrortruppen.
Israel fiel auf Sinwars soften Kurs herein
An Geld fehlte es ihm nicht. Vor allem Katar versorgte ihn monatlich mit Millionenbeträgen, die kofferweise über Tel Aviv nach Gaza gebracht wurden. Israels Regierung ließ das zu, weil sie überzeugt war, dass Sinwar an einem Aufbau des Gazastreifens interessiert war.
Im Jahr 2018 hatte er Premier Benjamin Netanjahu eine Notiz zukommen lassen, in der er ihm auf Hebräisch ein „kalkuliertes Risiko“ vorschlug: Netanjahu solle regelmäßig katarische Hilfe in den Gazastreifen lassen, damit arme Familien unterstützt werden können.
In Jerusalem freute man sich über die angebliche Wandlung des Terroristen zum verantwortungsbewussten Politiker. Mehr als ein Jahr vor dem Angriff der Hamas auf Israel hatte man in Israel zwar Kenntnis vom Schlachtplan der Radikal-Islamisten: Das zeigen Dokumente, E-Mails und Interviews, die die „New York Times“ am Donnerstag veröffentlicht hat.
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Doch israelische Militär- und Geheimdienstbeamte taten den Plan als „zu ambitioniert" ab. Seine Ausführung sei „zu schwierig“ für die Hamas. Und er passte nicht zu dem friedlichen Narrativ, das in Israel über Sinwar vorherrschte.
Der heute 61-jährige Sinwar wuchs im Flüchtlingslager Khan Yunis im Süden des Gazastreifens auf. Zu dieser Zeit war Khan Yunis eine Hochburg der Muslimbruderschaft, sagt Ehud Yaari, Arabienspezialist beim israelischen TV-Kanal Channel 2, der Sinwar mehrmals interviewt hat.
Die islamistische Gruppe war laut Yaari eine Bewegung für junge Leute, die in ihrer Armut Halt in den Moscheen suchten. Sinwars Mutter trichterte ihrem Sohn ein, dass das Töten von Zivilisten nicht verwerflich sei, falls damit die höheren Ziele des Islams verfolgt würden.
Sinwar war ein fleißiger Schüler und lernte auch in der notdürftigen Schule des Lagers so gut, dass er sich danach an der Islamischen Universität Gaza im Fach Arabisch einschreiben konnte. Er schloss sein Studium mit Diplom ab.
Selbststudium im Gefängnis
Bereits in jungen Jahren spielte Sinwar eine zentrale Rolle in der Hamas. Er half beim Aufbau ihres militärischen Flügels, zudem wurde er mit der Leitung des internen Sicherheitsapparats, der sogenannten Majd Force, betraut, die gegen jene vorging, die mit Israel kollaborierten.
Sinwar ging dabei so brutal vor, dass er den Spitznamen „der Schlächter von Khan Younis“ erhielt, den einige Palästinenser bis heute für ihn verwenden. Konkurrenten räumte er aus dem Weg, indem er sie zum Beispiel zwang, ein Grab auszuheben, wo er sie dann lebendig begrub und mit Zement überschüttete.
Zu dieser Zeit geschah etwas, das bis heute nachwirkt. Sinwar gewann das Vertrauen des Hamas-Gründers, Scheich Ahmed Jassin, was ihm später den Weg an die Spitze der Terrororganisation ebnen sollte.
Einen großen Teil seines Erwachsenenlebens verbrachte Sinwar in israelischen Gefängnissen. Wegen „terroristischer Aktivitäten“ wurde er im Alter von 19 Jahren ein erstes Mal von Israel, das zu jener Zeit den Gazastreifen kontrollierte, ins Gefängnis gesteckt. Wenige Jahre nach seiner Freilassung kam er erneut in Haft, unter anderem, weil er die Ermordung von vier palästinensischen Kollaborateuren veranlasst und israelische Soldaten getötet hatte. Die Richter gaben ihm vier Mal lebenslänglich.
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Sinwar gab seinen Kampf deshalb nicht auf. „Er verpasste keine Sekunde, um sich weiterzubilden“, sagt Betty Lahat, die der Geheimdienstabteilung des israelischen Strafvollzugs vorstand, als Sinwar im Gefängnis war. Er lernte Hebräisch, und er bestand darauf, täglich die Tageszeitung „Haaretz“ in die Zelle geliefert zu bekommen.
„Fühlte er sich um seine Rechte als Gefangener betrogen, klagte er beim Obersten Gerichtshof“, erinnert sich Lahat – „und er bekam meistens recht.“
Der angehende Hamas-Führer studierte in seiner Zelle die israelische Gesellschaft. Er wollte sich ein Bild vom Feind machen, Trends erkennen, Risse in der Gesellschaft orten und israelische Politiker analysieren – alles mit dem Ziel, die Zerstörung Israels vorzubereiten.
Er begriff, dass im Westen Angriffe auf zivile Ziele wie Schulen, Krankenhäuser oder Moscheen tabu sind. Deshalb ließ er die Terrorinfrastruktur der Hamas an solche Orte verlegen.
Im Kampf gegen Israel überschätzte er seine Kräfte
Sinwar sei sich sicher gewesen, dass der Angriff vom 7. Oktober eine brutale militärische Reaktion Israels auslösen werde, sagt Michael Milstein. Doch auch der Tod von Zehntausenden oder mehr Palästinensern und die Evakuierung von Millionen Bewohnern seien in der Weltanschauung des Hamas-Führers in Kauf zu nehmen: „Der hohe Preis ist aus Sicht Sinwars vernünftig“, sagt Milstein – und ein zentrales PR-Instrument zur Delegitimierung Israels.
In einem wesentlichen Punkt habe sich Sinwar allerdings getäuscht, meint Milstein. Er habe die Widerstandskraft der Israelis unterschätzt und ebenso ihre Solidarität untereinander, wenn ihre Nation angegriffen wird. Die Hamas hat mit ihren Anschlägen Furcht verbreitet. Den israelischen Staat ins Wanken gebracht hat sie nicht.
Betty Lahat charakterisiert den radikalislamischen Häftling als „äußerst intelligent“, ehrgeizig und machtbesessen. „Er arbeitete unermüdlich daran, als Anführer der noch jungen Hamas nicht nur im Gefängnis respektiert zu werden, sondern auch außerhalb der Zuchthausmauern.“
Sie habe ihn als „grausamen und gefühllosen Mann“ erlebt, sagt Lahat. Er habe in geradezu paranoider Weise stets befürchtet, seine Macht über die entstehende Hamas zu verlieren, und schaltete Konkurrenten aus, indem er sie ermorden ließ – auch im Gefängnis.
Gleichzeitig sei er ein „Feigling“. Als Sinwar erfuhr, dass bei ihm ein aggressiver Gehirntumor entdeckt worden sei, sei er völlig zusammengebrochen, erinnert sich Lahat. Auf Kosten des israelischen Steuerzahlers wurde der Gefangene, der 15 Jahre später für das schlimmste Gemetzel an Juden seit dem Holocaust verantwortlich sein sollte, operiert.
Im Jahr 2006 entführte Sinwars Bruder zusammen mit anderen Hamas-Leuten den israelischen Soldaten Gilad Shalit. Fünf Jahre später einigten sich Israel und die Hamas auf einen Gefangenenaustausch: Shalit kam frei, und im Gegenzug wurden mehr als 1200 palästinensische Terroristen freigelassen.
Sinwar war selbst im Gefängnis so mächtig, dass er über die Namen bestimmen konnte. Er setzte sich selbst ganz oben auf die Liste und sorgte dafür, dass seine Konkurrenten beim Kampf um die Hamas-Spitze im Gefängnis bleiben mussten.
Nun versucht Israel wieder, Sinwars habhaft zu werden. Seine Tage seien gezählt, sagt Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.