US-Biotech-Konzern: Umstritten, vollmundig, smart: Wie Moderna-CEO Bancel der Impfstoff-Durchbruch gelang
Der CEO von Moderna begann seine Karriere beim Pharmakonzern Eli Lilly.
Foto: BloombergNew York. Ist Stéphane Bancel ein Hochstapler – oder doch der Retter der Welt? Das fragten sich in den vergangenen Jahren viele Experten in der Biotech-Branche. Jetzt hat der Vorstandsvorsitzende des US-Konzerns Moderna seine Zweifler eines Besseren belehrt: Sein Unternehmen könnte mit einem Covid-Impfstoff das Ende der Pandemie beschleunigen.
Nur eine Woche nach den Hoffnungswerten von Biontech und Pfizer hat auch Moderna die ersten Ergebnisse der klinischen Studie vorgelegt. Demnach bietet das Vakzin, das auf einer ähnlichen RNA-Technologie wie das von Biontech beruht, einen 94-prozentigen Schutz vor dem Coronavirus. „Es wird ein Game-Changer sein“, prophezeit Bancel auf Englisch – mit französischem Akzent.
Im Gegensatz zum Gründerpaar von Biontech ist Bancel, 48, kein Mediziner. Der Mann an der Spitze von Moderna ist Chemie-Ingenieur und hat einen MBA an der Harvard Business School gemacht.
Seine Karriere hat der gebürtige Franzose im Vertrieb des Pharmakonzerns Eli Lilly begonnen, dort leitete er das Geschäft in Belgien. Dann wechselte Bancel zum französischen Diagnostik-Unternehmen Bio-Mérieu, 2011 baute er als CEO das Biotech-Unternehmen Moderna in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts auf. Seit sieben Jahren sitzt er zudem im Verwaltungsrat von Qiagen.
Bancel gilt als guter Verkäufer. „Er ist ein smarter Typ und hat eine Meinung zu allem. Aber er ist durchaus umstritten in der Szene“, sagt ein Wegbegleiter. Dank seines guten Netzwerks in Frankreich sei es Bancel gelungen, eine großzügige Finanzierung für Moderna zu bekommen. Später kamen weitere hinzu.
Bancel versprach, mit Moderna eine mRNA-Plattform auf den Markt zu bringen, die die verschiedensten Impfstoffe und Behandlungen entwickeln kann. Die Technologie war jedoch lange umstritten. Es gab bislang keine Beweise dafür, dass die Technik funktioniert.
Dennoch hatte Bancel schon im März dieses Jahres bei einem runden Tisch mit US-Präsident Donald Trump getönt, dass er dem Nationalen Gesundheitsamt NIH bereits einen potenziellen Covid-19-Impfstoff vorgelegt hat.
Zum ersten Mal ein Produkt in der dritten Testphase
Was Bancel dem Präsidenten nicht gesagt hat, war, dass Moderna zu dem Zeitpunkt mit keinem einzigen Produkt die zweite der drei klinischen Testphasen erfolgreich abgeschlossen hatte.
Zwar gilt in der Biotech- ähnlich wie in der Start-up-Szene generell das Motto: „Fake it till you make it.“ Aber Bancel gilt als ein besonders vollmundiger Verkäufer. Die renommierte Wissenschafts-Zeitschrift „Nature Biotechnology" kritisierte Moderna bereits 2016 für den Mangel an geprüften Daten für seine mRNA-Plattform.
Andere dagegen haben Bancel über die Jahre hinweg vertraut. Dazu gehört auch der Forscher Bob Langer. Der Professor, der am Massachusetts Institute of Technology forscht und mehr als 1000 Patente hält, hat schon früh in Moderna investiert und hält drei Prozent an dem Unternehmen.
„Abgesehen von dem Versprechen von Modernas Technologie-Plattform bin ich auch immer beeindruckt geblieben von der überzeugten Führung und den Mitarbeitern“, sagte Langer, der dank des jüngsten Kurssprungs zum Milliardär geworden ist. Bancels Führungsstil gilt als extrem fordernd.
Bancel, der mit neun Prozent an Moderna Aktien im Wert von drei Milliarden Dollar hält, sagte am Montag, er hoffe, noch im Dezember das „Okay" der US-Arzneimittelbehörde FDA zu bekommen. „Ich bin sicher, dass Vier-Sterne-General Gustave Perna [als Chef des Army Materiel Command (AMC) für fast die gesamte Materiallogistik der US-Armee verantwortlich, Anmerk. d. Redak.] mit seinen Lastern bereitsteht, um das Produkt aufzuladen und zu vertreiben“, sagte Bancel. Ganz unbescheiden.